Die Marienerscheinungen in Marpingen 1876 waren der preußischen Obrigkeit ein Dorn im Auge. Drei Achtjährige wurden von ihren Familien getrennt, verhört und in eine Besserungsanstalt gebracht. Beim Jubiläumsabend in Alsweiler blickten Experten auf die erschütternden Schicksale hinter den Erscheinungen im Härtelwald.
Marpingen · Die Marienerscheinungen in Marpingen 1876 waren der preußischen Obrigkeit ein Dorn im Auge. Drei Achtjährige wurden von ihren Familien getrennt, verhört und in eine Besserungsanstalt gebracht. Beim Jubiläumsabend in Alsweiler blickten Experten auf die erschütternden Schicksale hinter den Erscheinungen im Härtelwald.
Die Experten und Mitwirkenden (von links): Bürgermeister Volker Weber, Christoph Nonn von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Historiker und Moderator des Abends Paul Burgard, UdS-Chefhistorikerin Gabriele Clemens, der britische Historiker David Blackbourn, Altbürgermeister Werner Laub, der ehemalige Thüringer Innenminister Richard Dewes, Tom Störmer vom Geschichtsforum Alsweiler.
Foto: Mechtild SeilerOb es Zufälle gibt oder nicht, darüber lässt sich streiten. Sicher ist jedoch, dass zwei Ereignisse dazu geführt haben, dass am 11. Juni im Pfarrheim Alsweiler ein Gesprächsabend zum 150. Jahrestag der Marienerscheinungen im Härtelwald bei Marpingen stattfand – und beide Ereignisse liegen schon eine ganze Weile zurück.
Das erste Ereignis fand 1980 statt und betrifft David Blackbourn. Er ist ein international renommierter britischer Historiker, der sich mit der Entstehung des modernen Deutschlands beschäftigt hat. Im Pfarrheim in Alsweiler erzählt er, wie er durch puren Zufall bei der Suche nach Literatur zu einem Buchprojekt über Volksfrömmigkeit im 19. Jahrhundert in London in der British Library auf die Marienerscheinungen in Marpingen im Jahr 1876 gestoßen ist.
Im Jahr 1993 erschien sein Buch über Marpingen, das deutsche Lourdes. Die umfangreiche und gründliche Studie zu den zunächst nur regionalen Ereignissen eines eher unscheinbaren Dorfes vor der Kulisse des Bismarck’schen Reiches und dem Herrschaftsanspruch der römischen Kurie wurde 1996 von der „American Historical Association“ als das „beste neue Buch zur deutschen Geschichte“ ausgezeichnet.
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Das zweite Ereignis betrifft Altbürgermeister Werner Laub aus Marpingen. Er erhielt im Jahr 1994 einen Anruf aus New York. Am Telefon war der Bruder vom St. Wendeler Dekan Klaus Leist. Er berichtete von einem ganzseitigen Artikel in der „New York Times“ über Marpingen und die Ereignisse von 1876. Es handelte sich um die Rezension des Buches von Blackbourn. Nachdem das Buch von Blackbourn 1997 in Deutsch erschien, hat Laub ihn 1998 nach Marpingen eingeladen. Auch damals gab es einen Gesprächsabend und viel Aufmerksamkeit – und es war der Beginn einer guten Freundschaft. Nachdem es 1999 erneut Marienerscheinungen in Marpingen gab, hat Laub – natürlich mit einem Augenzwinkern – Blackbourn darauf hingewiesen, dass er möglicherweise einen Beitrag zu den Ereignissen geleistet hat, die nur ein Jahr später Tausende Gläubige in den Härtelwald führten.
Im Rahmen einer ganzen Veranstaltungsreihe zum Jubiläumsjahr ging es am Donnerstag um die geschichtliche Einordnung der Ereignisse im Härtelwald, die nun 150 Jahre zurückliegen. Bürgermeister Volker Weber begrüßte zu der Diskussionsrunde über 100 Zuhörer und prominente Gäste. Landrat Udo Recktenwald betonte in seinem Grußwort, dass „man nur für morgen lernen kann, wenn man das gestern kennt“ und wies darauf hin, dass 1876 drei kleine Mädchen einen ganzen Staat in Wallung brachten. Tom Störmer vom Geschichtsforum Alsweiler und Mitorganisator der Veranstaltung nahm die Perspektive der Kinder in den Blick, die großem Druck ausgesetzt waren. „Drei Mädchen im Alter von acht Jahren wurden von ihren Familien getrennt, immer wieder verhört, über Wochen aus ihrem gewohnten Umfeld, aus ihrer Kindheit herausgerissen, in eine Besserungsanstalt gebracht.“
Danach begann die Diskussionsrunde der Experten über die Bedeutung, Wirkung und historische Einordnung der Ereignisse von 1876 in Marpingen. Die Gesprächsleitung übernahm Paul Burgard, Historiker aus Saarbrücken. Blackbourn von der Vanderbilt University in Nashville/Tennessee erzählte zunächst, wie es dazu kam, dass er sich mit diesem Thema beschäftigte. Richard Dewes, Innenminister a. D. und gebürtig aus Alsweiler, erzählte aus seiner Perspektive über die Kindheit im gläubig geprägten Umfeld und die kritische Haltung der Amtskirche zu den Vorgängen im Härtelwald. Auch betonte er die tragende Rolle der Frauen in der damaligen Gesellschaft. Großen Applaus erhielt er mit dem Beitrag, dass die Marpinger und ihr damaliger Pastor Jakob Neureuther trotz Repressalien Rückgrat gezeigt und nicht nachgegeben haben, so wie man es aus den Kultfilmen um „Don Camillo und Peppone“ kennt.
Gabriele Clemens, Professorin für Neuere Geschichte und Landesgeschichte an der Universität des Saarlandes, ordnete die Ereignisse landesgeschichtlich und europäisch ein. Christoph Nonn von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf erklärte die Rolle des Kaiserreiches, welches sowohl Potenziale geschaffen hat für die demokratische, als auch für die totalitäre Entwicklung Deutschlands und die Rolle von Religion in diesem Zusammenhang. So konnte anhand der Mikrogeschichte von Marpingen die Makrogeschichte von Preußen im Jahr 1876 erlebbar gemacht werden.
Am Ende der Diskussionsrunde fragte Moderator Burgard: „Was lernen wir aus der Geschichte?“ Unter großem Applaus brachte Blackbourn es auf den Punkt: Respekt! Auch Fragen aus dem Publikum wurden noch beantwortet und Laub verabschiedete unter großem Applaus die Gäste. Kritisch anzumerken sind zwei Dinge: Zum einen die schlechte Qualität der Lautsprecheranlage, viele der Anwesenden haben akustisch nicht immer alles verstanden. Zum Zweiten die ausschweifenden Fragestellungen des Moderators, die es recht schwer machten, die eigentliche Frage zu erkennen. Die Veranstaltung wurde musikalisch begleitet von Pianist Thomas Layes am Keyboard. (ian, nlk)
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