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Klimawandel im Gebirge: Es war einmal eine Eishöhle

Дата публикации: 13-09-2025 15:24:00

Bislang galt den Menschen in den Alpen der Berg stets als Macht. Sie richteten sich nach ihm. Doch die Verhältnisse haben sich geändert. mehr...

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Klimawandel im Gebirge: Es war einmal eine Eishöhle

Bislang galt den Menschen in den Alpen der Berg stets als Macht. Sie richteten sich nach ihm. Doch die Verhältnisse haben sich geändert.

Ein Mann in einer Eiskapelle bei Berchtesgaden Gletscher verschwinden, der Permafrost, der die Gesteinsmengen zusammenhält, schmilzt. Der Berg reagiert, wird unberechenbarer Foto: Depositphotos/imago
Martin Krauss

Es ist gar nicht so, wie der Wolfgang Ambros singt. „Oba da Berg, der wüll sei Opfer“, der Berg wolle seine Opfer, heißt es in „Der Watzmann ruft“ des österreichischen Rocksängers. Der Watzmann ist einer der höchsten Berge Deutschlands, mit einer Eishöhle am Fuße seiner Ostwand. Die ist jetzt eingestürzt. Ein Opfer des Berges, könnte man meinen. Aber das stimmt nicht.

Die Eiskapelle, wie sie auch genannt wurde, war ein Hohlraum in einem Firnfeld, eine Gletscherhöhle. Ständig änderte sie sich, die Eingänge wechselten, oft von Schnee bedeckt. Dieses Geotop zeigte uns, wie Natur ohne Menschenhand sein kann, richtiger: sein könnte. Nicht der Berg hat die Kapelle verschwinden lassen. Aufgrund des Klimawandels brach sie zusammen.

Bislang galt den Menschen in den Alpen der Berg stets als Macht. Sie richteten sich nach ihm. Der Berg, so heißt es in Mythen, nimmt’s sich. Doch die Verhältnisse haben sich geändert. Der Mensch hat das Klima beschädigt. Damit raubt er dem Berg seine Macht. Gletscher verschwinden, der Permafrost, der die Gesteinsmengen zusammenhält, schmilzt. Der Berg reagiert, wird unberechenbarer.

Der Alpinismus begann mit der Aufklärung und der bürgerlichen Gesellschaft. Es ging um das Verstehen der Welt. Früher dachte man beim Donnergrollen in den Bergen, das seien die Götter, nun traute man sich hinauf. „Vor meinen Augen erstrecken sich über vierzig Meilen hinweg schneebedeckte Bergketten, auf die noch nie ein Mensch, ja nicht einmal ein Vogel, seinen Fuß gesetzt hat.“ So begeisterte sich Voltaire 1764. Dass der Montblanc, der höchste Berg der Alpen, kurz vor der Französischen Revolution, erstbestiegen wurde, 1786, wäre ohne Aufklärung nicht möglich gewesen. Auch die Eiskapelle am Watzmann wurde 1797 von Alexander von Humboldt besucht und erforscht.

Für mich ist der Watzmann etwas Besonderes. Vor 19 Jahren haben meine Frau und ich in Berchtesgaden geheiratet, und nach der Trauung starteten wir im Watzmannhaus die Überschreitung des Gebirgsstocks. Die ist anspruchsvoll, erst am Dienstag ist ein 27-jähriger Mann abgestürzt. Wir waren erfolgreich. Aber müde, sehr müde, im Grunde überfordert, stiegen wir ab, um uns in der Wimbachgrieshütte zu regenerieren. Wie schwer es mir fiel, dort eine einfache Treppe hinunterzugehen, vergesse ich nie.

Die Wimbachgrieshütte ist ein Naturfreundehaus, das Watzmannhaus gehört dem Alpenverein. Sowohl das bürgerliche, nicht selten nationalistische Lager des Alpenvereins als auch das sozialistische, eher internationale der Naturfreunde sind hier vertreten. Der Watzmann rief sie alle.

Von dem Höhleneinsturz sind auch die Zustiege in die Ostwand betroffen. Vor allem ihre Länge, 1.800 Meter, macht sie so schwierig. Und zugleich war auch die gefährliche Ostwand ein Ort, in dem die Natur Menschen half: Im August 1936 trafen sich hier kommunistische und sozialdemokratische Kletterer, um gemeinsam die Wand zu durchsteigen und um Widerstand zu planen. Der Berg bot Schutz, auch seine Höhlen gewährten ihn.

Damit könnte es bald vorbei sein. Aber wer weiß: Die Berge haben schon viel überdauert. Und mit etwas Glück könnte sich sogar die Eiskapelle am Watzmann irgendwann neu formen.

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