Am 24. Juni traf ein Doppelbeben Venezuela. Fast 4000 Menschen starben, 17000 wurden obdachlos. Während die Zivilbevölkerung spontan half, sperrte der Staat die Krisengebiete ab. Eine Reportage über Schock, Solidarität und die Grenzen der Hilfe.
Die Naturkatastrophe erwischte die Bevölkerung unvorbereitet. Internationale Hilfe war zur Stelle – doch sie stößt an Grenzen.

Am 24. Juni, kurz nach 18 Uhr, schrillte das Handy von Maria Moreno im venezolanischen Küstenort La Guaira. „Terremoto, terremoto“, tönte eine schrille Stimme aus dem Handy. Maria Moreno, 49, erschrak zuerst, hielt das Ganze dann aber für einen schlechten Scherz und beruhigte ihre Tochter Priscilla:. „Ruhig, es passiert nichts.“ Und dann begann es zu wackeln. Geschirr fiel aus dem Schrank, der Fernseher fiel um, der Boden schwankte. Einen kurzen Moment Pause, und dann rollte sich die Erde von der anderen Richtung in Rage, nur heftiger. „Wir sind auf die Straße gerannt und haben gewartet, dass es aufhört, und waren nur froh, dass unser Haus stehen geblieben ist.“ Das Schlimmste kam für Maria Moreno, als eine Stimme „Tsunami“ rief. „Ich bin zurück ins Haus, habe unseren Hund, unser Kaninchen und das Wichtigste gepackt und wir sind den Hügel hinter unserem Haus hochgelaufen. Kranke, Behinderte, Alte, sind den Berg hochgekeucht. Und dann haben wir dort im Dunkeln Stunden gewartet, bis wir uns wieder nach unten getraut haben.“ Der Tsunami-Alarm war ein Gerücht, wie sich später herausstellte.

Die fremde Stimme aus dem Handy dagegen war echt. Es war die in allen Android-Handys standardmäßig installierte Erdbebenwarnung. Nur wussten die Menschen in Venezuela das nicht – und schon gar nicht, wie sie darauf reagieren sollten. Das letzte große Erdbeben vor 59 Jahren war längst vergessen. „Ich bin 49 Jahre alt, und habe noch nie gehört, dass bei uns die Erde beben könnte, und wie wir uns darauf einstellen können“, sagt Maria Moreno. Regelmäßige Notfallübungen, wie sie in den Erdbebenländern Chile, Mexiko oder Peru üblich sind, kennt man in Venezuela nicht.
Das zweifache Erdbeben vom 24. Juni wird sich in das Gedächtnis der Venezolaner*innen eingraben: Es hat nach Erhebungen von Anfang Juli, fast 4000 Menschen das Leben gekostet, 17 000 wurden verletzt und weitere 17 000 wurden obdachlos. Unter den Trümmern der wie Kartenhäuser zusammengefallenen Hochhäuser werden noch sehr viele mehr Tote vermutet. Über ihre Zahl gibt es nur Vermutungen. Die UNO spricht von 50 000, die Internetplattform DesaparecidosTerremotoVenezuela registriert 30 000 Vermisste. Dass so viele Hochhäuser eingestürzt sind, liegt sowohl am unsoliden Boden, auf dem die Hochhäuser standen, als auch an mangelnder Bausubstanz.
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