Tour de Graslandschaften: Von den „deutschen Galapogosinseln“ zu sprechen, ist etwas übertrieben. Doch die Landschaft nördlich von Halle, in der 200 Kuppen eine jeweils eigene Flora haben, zählt zu den Hotspots der Biodiversität und birgt viele „Verantwortungsarten“. Wissenschaftler sind in Sorge, ob dies so bleiben wird.
Tour de Graslandschaften: Von den „deutschen Galapogosinseln“ zu sprechen, ist etwas übertrieben. Doch die Landschaft nördlich von Halle, in der 200 Kuppen eine jeweils eigene Flora haben, zählt zu den Hotspots der Biodiversität und birgt viele „Verantwortungsarten“. Wissenschaftler sind in Sorge, ob dies so bleiben wird.

Stefan Klotz ist an diesem Morgen mit seiner Frau Annette Trefflich auf einem kleinen Hügel nördlich von Halle zum Botanisieren unterwegs. Der renommierte Biologe hat am Helmholtz-Umweltforschungszentrum Leipzig (UFZ) vor seinem Ruhestand viele große Forschungsprojekte geleitet. Dieser Ort mit seinem weiten Blick über das Saaletal und den Bienenfressern, die mit ihren tropisch anmutenden Gefiedern das Himmelsblau beleben, zieht das Ehepaar immer wieder aufs Neue an.
„Einmalig vielfältig und europaweit bedeutend“, sagt Klotz über die welligen Hügel, für die Wissenschaftler einen exotisch klingenden Namen gefunden haben: Die Porphyrkuppenlandschaft erstreckt sich entlang der Saale zwischen Halle und Wettin. In dieser Gegend zählt die mit Blumenornamenten ausgeschmückte Kapelle des Templerordens in Mücheln aus dem 13. Jahrhundert zu den jüngeren Zeugen menschlicher Präsenz. Das Flusstal hat mit seinem trockenen Klima und seinen fruchtbaren Böden schon seit mindestens fünf Jahrtausenden Menschen angezogen.





Das namensgebende rote Porphyrgestein ist vor 300 Millionen Jahren durch Vulkanismus entstanden und sauer. Auf diesem speziellen Hügel kommen aber auch Löss und basischer Kalk an die Oberfläche. Mit ihren geschulten Augen erkennen die Eheleute auf kleinstem Raum mehrere grundverschiedene Vegetationstypen in engster Nachbarschaft. Sie identifizieren im Vorbeigehen Adonisröschen, das seltene Federgras, das Sand-Fingerkraut.
Klotz hat während seiner Lehrtätigkeit unzählige Studierende in Exkursionen durch das Gebiet geführt. Auf einer einzelnen Kuppe hat er über mehrere Jahre jede einzelne Pflanze erfasst, um den Einfluss des Klimas zu untersuchen.

„In diesem Gebiet stoßen mediterrane Einflüsse, die kontinentale Pflanzenwelt der Steppen und der atlantische Einfluss aus Westen aufeinander, das macht es so besonders“, sagt Klotz. Fast vierhundert verschiedene Blütenpflanzen haben Botaniker wie er hier auf wenigen Quadratkilometern gefunden. Das sind mehr als zehn Prozent der deutschen Flora. Zu den Besonderheiten zählt, dass viele Arten, die bundesweit geschützt und bedroht sind, hier in größeren und stabilen Beständen wachsen, etwa die Traubige Graslilie (Anthericum liliago), das Berg-Steinkraut (Alyssum montanum) oder die Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium).
Während in Europa in den kommenden Jahren große und teure Anstrengungen unternommen werden sollen, verarmte Ökosysteme wiederherzustellen, verfügt Sachsen-Anhalt, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, über eine große botanische Schatzkammer.
Die Pflanzenvielfalt ist verteilt auf rund 200 Kuppen aus Porphyr. Viele von ihnen waren lange unter Löss begraben – bis Menschen im Mittelalter mit dem Ackerbau begannen. Der Lössboden verschwand Zentimeter um Zentimeter und legte die Kuppen frei. Jede von ihnen hat ihre eigene Bodenbeschaffenheit, ihr eigenes Mikroklima – und ihre eigene Flora. Dass ein Forscher mal von den „deutschen Galapagosinseln“ gesprochen hat, hält Klotz für einen Scherz. Der ökologische Wert der Porphyrkuppenlandschaft sei aber immens.
Fotos: Paula Fuchs




Monika Partzsch vom Botanischen Garten der Universität Halle ging immerhin so weit, anhand der Kuppen eine der wichtigsten Theorien der Ökologie zu überprüfen. Die Inseltheorie von Robert H. MacArthur und Edward O. Wilson aus dem Jahr 1967 besagt, dass der Artenreichtum von Inseln mit ihrer Größe und ihrer Nähe zu den Herkunftsgebieten ihrer Bewohner steigt.
„Neben einem hohen Isolationsgrad der Kuppen ergab sich eine enge Beziehung zwischen der Zunahme der Artenzahl mit der Flächengröße“, fand Partzsch heraus. Sie betonte, dass manche Kuppen sehr alt sein müssten und Lebensraum für Eiszeitrelikte seien.
Doch die ökologische Schatzkammer ist bedroht, warnt auch die Botanikerin Karen Runge. Die in Bernburg ansässige Hochschule Anhalt, an der sie arbeitet, hat sich in den letzten Jahren mit Projekten wie „Grassworks“ und „WeideVielfalt“ bundesweit zu einem Zentrum dafür entwickelt, Graslandschaften zu erforschen und neue Schutzkonzepte zu erproben.






Runge konzentriert sich in einem Forschungsprojekt auf die Graue Skabiose (Scabiosa canescens) und ihre Lebensräume. Die Pflanzenart aus der Familie der Geißblattgewächse ist unter Kennern für ihren feinen Duft berühmt. „Deutschland trägt für die Graue Skabiose eine besonders hohe Verantwortung, weil hier auf der globalen Skala der Verbreitungsschwerpunkt liegt und die Bestände gefährdet sind“, sagt die Wissenschaftlerin.
Das seit 2021 und noch bis März 2027 laufende Skabiosen-Projekt wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt gefördert. Es hat zum Ziel, das Vorkommen und die Gefährdung der Art präzise zu dokumentieren, Schutzmaßnahmen zu entwickeln und umzusetzen, und zudem Engagierte und die Öffentlichkeit für die Art und ihre Lebensräume zu mobilisieren.
Runge und das Projektteam haben zuerst die verbliebenen Vorkommen kartiert, 238 Vorkommen konnten sie bestätigen, 124 ließen sich nicht wieder aufspüren. Um die Art zu stärken, wurde lokales Saatgut vermehrt und an ausgewählten Standorten ausgebracht. Zudem hat das Projektteam in Kooperation mit Künstlerinnen eine Ausstellung entwickelt, die bis Anfang Juni im Schloss Bernburg zu sehen war.

In der Porphyrkuppenlandschaft will die Hochschule Anhalt die Vorkommen der Grauen Skabiose stärken. Bei einer Exkursion mit Naturschutzexperten am Südrand des Gebiets stößt Runge schnell auch auf andere „Verantwortungsarten“: die Traubige Graslilie ragt mit ihren großen, weißen Blüten aus steinigem Terrain, ein kurzer Spross des Deutschen Ginsters (Genista germanica) leuchtet gelb aus dem Gras empor. Eine Besonderheit ist auch die Schmalblütige Traubenhyazinthe (Muscari tenuiflorum), die zwischen Balkan und Schwarzem Meer ihre Hauptverbreitung hat und im Saaletal ein abgetrenntes nördliches Inselvorkommen.

Runge ist an diesem Tag erleichtert, dass ein Schäfer es endlich geschafft hat, seine Tiere auf die Fläche zu schicken. Denn fehlende Beweidung führt dazu, dass die Graue Skabiose von Büschen und monotoner Grasvegetation verdrängt wird.
Früher gab es in der Region eine eigene Schäferschule, in den 1990er Jahren ging die Branche zunächst weitgehend ein. Inzwischen steigen vermehrt wieder junge Menschen in die anspruchsvolle und harte, aber naturverbundene Lebensweise ein. Ohne Beweidung, sagt Runge, könnten Verantwortungsarten wie Graue Skabiose, Zierliches Brillenschötchen (Biscutella laevigata subsp. gracilis) und Stängelloser Tragant (Astragalus exscapus) nicht überleben. Zum Projekt gehört deshalb auch, mit Schäferinnen und Schäfern zusammenzuarbeiten.
Schafe seien für die Zukunft der Arten aber entscheidend, sagt sie: „Sie halten die Landschaft so offen, wie es diese Pflanzen brauchen“. Zudem nähmen die Tiere mit ihrem Vlies Samen auf und verteilten sie weiträumig. „An einem einzigen Schaf wurden die Samen von 85 Pflanzenarten gefunden.“

Es gibt aber noch andere Bedrohungen als nur mangelnde Beweidung. Stefan Klotz und seine Frau Annette Trefflich schauen von der Porphyrkuppe mit großer Sorge auf eine große Baustelle, die sich unten im Saaletal erstreckt. Als Westumfahrung von Halle führt ein 22 Kilometer langer neuer Abschnitt der A143 künftig direkt durch die Porphyrkuppenlandschaft.
Umweltschützer der Region haben durch Proteste und Gerichtsverfahren über viele Jahre hinweg versucht, den Bau zu verhindern. Als Vorsitzende der Regionalgruppe Halle/Saalkreis des Umweltverbands Nabu hat Trefflich, die vor dem Ruhestand ebenfalls als Wissenschaftlerin gearbeitet hat, daran mitgewirkt. Dass die Autobahngegner per Gericht zusätzliche Maßnahmen für den Naturschutz erwirken konnten, darunter intensivere Ausgleichsmaßnahmen und die Untertunnelung eines Teilstücks, empfindet sie nur als schwachen Trost.
Der Anblick der neuen Autobahn, die Bauarbeiter mit ihren Maschinen in die Landschaft fräsen, schmerzt das Wissenschaftlerpaar. „Dass man nicht einmal hiervor Halt macht, spricht Bände“, sagt Trefflich.
Das Rechercheprojekt „Zukunft Erde – Graslandschaften“ wird von der Andrea von Braun Stiftung gefördert.
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