Tour de Graslandschaften: Relikte von Steppen und Sandrasen spiegeln wider, wie nährstoffarm und karg die Natur vor Tausenden von Jahren war. Sie bestechen mit ihrer Artenvielfalt. Aber haben sie eine Zukunft?
Tour de Graslandschaften: Relikte von Steppen und Sandrasen spiegeln wider, wie nährstoffarm und karg die Natur vor Tausenden von Jahren war. Sie bestechen mit ihrer Artenvielfalt. Aber haben sie eine Zukunft?

Der schmale Weg führt zu einem sandigen Hang – und zugleich tief in die Vergangenheit. „Dieses Gebiet erinnert daran, wie es in und nach der Eiszeit bei uns ausgesehen hat“, sagt Daniel Lauterbach vom Botanischen Garten der Universität Potsdam. Er lässt die Halme eines schlichten Grases durch seine Finger gleiten: „Stipa capillata, das Haar-Pfriemengras“, sagt er, „eine typische Steppenart“.
Am südexponierten Wachtelberg im Havelland westlich von Berlin hat sich eine Urform von Grasland erhalten. Schon seit dem 19. Jahrhundert wissen Botaniker um die Besonderheit. Auf kargem Sand überdauerten Pflanzen, wie sie heute für die weiten Steppen Hunderte und Tausende Kilometer östlich in der Ukraine, Russland und Zentralasien typisch sind. Dazu beigetragen hat Lauterbach zufolge, dass eiszeitliche Gletscher Kalkgesteine aus Skandinavien vor sich hergeschoben und hier deponiert haben: „Saure, artenarme Trockenrasen haben wir in Brandenburg reichlich, aber die Vegetation auf kalkhaltigem Boden ist eine Rarität.“ Der Wissenschaftler betreut den Versuch der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, den seltenen Vegetationstyp nicht nur zu erhalten, sondern auch zu stärken.
Wälder, Moore, Wiesen, Heiden – viele Landschaftstypen gelten als typisch deutsch oder mitteleuropäisch. Aber Steppen? Die baumlosen Graslandschaften kommen heute hauptsächlich im kontinentalen Inneren Eurasiens vor. In Nordamerika entsprechen ihnen Prärien. Steppenpflanzen können dort besser überleben als andere Pflanzen, wo es im Sommer so extrem trocken und im Winter so kalt ist, dass die meisten Bäume und Sträucher schlapp machen. Zu den Überlebenskünstlerinnen zählen besonders Gräser, die dominieren. Aber auch die Vielfalt an Kräutern, die mit den harschen Bedingungen zurechtkommen, ist groß.



Das Steppenareal im Havelland gehört zu einer kleinen Zahl derartiger Gebiete, die in Deutschland dort vorkommen, wo das Klima noch am kontinentalsten ist. „Ähnliche Relikte gibt es bei uns nur im Oderbruch, im Mitteldeutschen Trockengebiet und bei Mainz“, sagt Lauterbach.
Biotope wie der Wachtelberg öffnen ein Fenster in die Naturgeschichte – in eine Zeit, in der die eurasischen Steppen klimabedingt weit nach Westen reichten. Während und nach der Eiszeit war die hiesige Landschaft nicht üppig, sondern karg. Auf riesigen Flächen dominierte nur spärlich bewachsener Sand, der als zermahlenes Gestein teilweise unter den abtauenden Gletschern auftauchte oder vom Wind herangeweht wurde. Es gab nur wenig Biomasse, also kaum Nährstoffe für das Pflanzenwachstum. Viele Arten konkurrierten um wenig Stickstoff und Phosphor, keine einzelne Spezies konnte sich gegen alle anderen durchsetzen.
Botaniker haben auf den wenigen verbliebenen Steppenflächen in Deutschland rund 400 Pflanzenarten nachgewiesen, das sind zehn Prozent der heimischen Blütenpflanzen. Teils konnten sie auf nur zehn oder zwanzig Quadratmetern 40 und mehr Spezies erfassen, ein sehr hoher Wert.
Besonders Federgras-Steppen könnten „als Diversitäts-Hotspots bezeichnet werden und es kommt ihnen, trotz ihrer Seltenheit, eine hohe Bedeutung für den Erhalt der Biodiversität zu“, betont der Geobotaniker Thomas Becker von der Universität Trier. Die Vielfalt der Pflanzen übersetze sich direkt in eine hohe Vielfalt anderer Organismen, von Heuschrecken und Wildbienen bis zu Pilzen und Flechten. Unter den Vögeln hebt der Forscher Steinschmätzer und Sperbergrasmücke als typische Bewohner hervor.
Geobotaniker Becker vermutet, dass es Federgras-Steppen in Europa seit sehr langer Zeit gibt. Genetische Untersuchungen deuteten darauf hin, dass sie an vielen voneinander isolierten Standorten mehrere Kalt- und Warmzeitzyklen überdauert haben könnten. Bis zum Eintreffen des Menschen hätten pflanzenfressende Großsäuger wie Wildpferde, Wisente, Auerochsen und Hirsche sowie Feuer für die richtigen Bedingungen gesorgt.
Becker hält die These für plausibel, dass es nach der Eiszeit baumfreie Steppen waren, in denen sich Menschen in Mitteleuropa angesiedelt haben. Mit dem wärmeren Klima dehnten sich Wälder aus, doch durch Waldrodung und Beweidung hätten die Menschen später „maßgeblich zur Erhaltung und erneuten Ausbreitung der Federgras-Steppen beigetragen“.
Mit dem Beginn des Industriezeitalters schrumpften die Steppen dann bei uns zu Relikten zusammen. Sie wurden zu Äckern umgewandelt, mit Bäumen bepflanzt, bebaut oder wucherten wegen einer unsichtbaren Kraft aus Menschenhand zu.


Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts haben Menschen aus zwei potenten Quellen riesige Mengen Nährstoffe in die Umwelt eingebracht, die das Pflanzenwachstum fördern – durch Kunstdünger, dessen Stickstoff der Luft entzogen wird, und durch das Stickoxid der Abgase aus der Nutzung fossiler Brennstoffe. „Die Überdüngung der Landschaft führt dazu, dass sich an den meisten Standorten einige wenige Arten durchsetzen und andere verdrängen“, sagt Daniel Lauterbach von der Universität Potsdam.
Dass am Wachtelberg dennoch Steppengrashüpfer, Steppengräser und Arten wie die Wiesen-Küchenschelle überleben konnten, hat ebenfalls mit einer langen Geschichte von menschlichen Störungen zu tun, die den sich ausbreitenden Wald wieder zurückgedrängten. Holzgewinnung, Schafbeweidung, Militärübungen, Sandabbau – was verhinderte, dass die offenen Sandflächen zuwachsen, tat den Steppenpflanzen gut.
An den meisten Standorten ging das Ringen aber zuungunsten der Steppen aus. Selbst die wenigen verbliebenen Areale schrumpfen. Während die Ausdehnung von Steppenrasen in Deutschland noch 2015 auf etwa 1450 Hektar geschätzt wurde, geht das Bundesamt für Naturschutz inzwischen von 1100 Hektar aus. Das entspricht zusammengenommen einer nur noch 3,4 mal 3,4 Kilometer großen Fläche.
In der offiziellen Bewertung, die Bund und Länder regelmäßig an die EU-Kommission übermitteln müssen, wird der Zustand des Lebensraums deutschlandweit als „ungünstig-schlecht“ eingestuft. Von 58 sogenannten Kennarten, die für Federgras-Steppen besonders typisch sind, sind 81 Prozent gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht: „Obwohl viele Bestände der Federgras-Steppe sich heute in Schutzgebieten befinden, gehen die Bestände rapide weiter zurück oder ihr Zustand verschlechtert sich“, warnte die Fachzeitschrift „Natur und Landschaft“. Grund dafür sei neben den Stickstoffeinträgen auch mangelnde Pflege. Ein weiteres Problem sei die räumliche Fragmentierung, die dazu führe, dass die genetische Vielfalt von Populationen zu klein zum Überleben wird.

Die Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, die im Auftrag des Landes die Biodiversität von Arten und Lebensräumen bewahren soll, macht sich auch deshalb Sorgen um die Zukunft des Lebensraums. Während die Bestände im Odertal größer sind, handelt es sich bei dem Areal am Wachtelberg eher um ein Steppchen als um eine Steppe. Das Gebiet ist eine winzige Insel inmitten der modernen Kulturlandschaft und damit immer in Gefahr, zu verschwinden. Zudem sieht das ungeschulte Auge hier nur Ödland, die öffentliche Wertschätzung ist nicht sonderlich groß.
Nach mehrjähriger Vorarbeit seit 2019 hat die Stiftung das Areal dieses Jahr nun erworben, es mit einem temporären Zaun umgeben, Sträucher und Bäume beseitigt und Informationstafeln aufgestellt.
„Wir sind hier in einem europäischen Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebiet und wollen sicherstellen, dass die seltene Vegetation erhalten bleibt“, sagt Janine Ruffer, die bei der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg Großprojekte und das EU-geförderte Projekt „LIFE Trockenrasen“ leitet. In der ökologischen Systematik der EU hat der Wachtelberg eigene Nummern. Er gehört zu den Lebensräumen 6120, den Blauschillergrasrasen, und 6240, den subpannonischen Steppen-Trockenrasen. Allein mit dem Flächenkauf sei es aber nicht getan, sagt Ruffer.
In Sachsen-Anhalt und Thüringen gilt die Zukunft der Eiszeitrelikte ebenfalls als ungewiss. „Über 50 Prozent der Steppenrasen-Arten in Thüringen sind gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht“, sagt Nils Fröhlich, Sprecher des Thüringer Landesamts für Umwelt, Bergbau und Naturschutz. Zwar sei die Steppenflora ein gesetzlich geschütztes Biotop, eine aktive Zerstörung werde dadurch verhindert. Allerdings blieben Beeinträchtigungen wie der atmosphärische Stickstoff-Eintrag bestehen. Es brauche zudem Kooperationen mit Landwirten, um eine Beweidung sicherzustellen.

In Rheinland-Pfalz wird darum gerungen, ob der „Mainzer Sand“, ein europaweit bedeutsames Steppenrelikt, umfassend geschützt wird oder nicht. Schon in den 1970er Jahren zerschnitten Planer das Gebiet mit der Autobahn A643. Seit vielen Jahren versuchen Bund und Land, die Autobahn von vier auf sechs Spuren zu verbreitern.
Dagegen wehrt sich mit dem Slogan „Nix in den (Mainzer) Sand setzen“ ein Bündnis von Naturschutzverbänden. Im August 2025 teilte die EU-Kommission in Brüssel deren Bedenken und lehnte es ab, dem Eingriff in das europäische Schutzgebiet zuzustimmen. Das Steppenrelikt steht unter strengem europäischen und nationalen Schutz und ist Lebensraum zahlreicher als gefährdet eingestufter Tier- und Pflanzenarten. Ein sechsspuriger Ausbau würde es aber mit noch mehr Stickoxiden, Reifenabrieb und Lärm belasten, und es zudem mit einer hohen Lärmschutzmauer noch stärker zerschneiden, argumentiert Heinz Hesping, der Sprecher der Initiative.
„Nährstoffeinträge sind für den Lebensraum von Steppengesellschaften und Magerstandorten wie im Mainzer Sand besonders schädlich“, warnt der Naturschützer. Die Planer sprächen selbst von „erheblichen Beeinträchtigungen“ für die Natura 2000-Gebiete. „Alle Lebensraumtypen und wertgebenden Arten des Mainzer Sandes sind in der schlechtesten Kategorie ‚C‘ der EU für Natura 2000-Gebiete, sodass ein Verschlechterungsverbot voll zur Geltung kommen müsste“, sagt Hesping.
Die Bundesregierung verfolgt nach Angaben von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder eine Lösung mit einem geringeren Flächenverbrauch, beharrt aber Hesping zufolge auf einem sechsspurigen Ausbau, statt der von Naturschutzverbänden favorisierten Lösung, bei Bedarf die Standstreifen freizugeben. In Rheinland-Pfalz sind die letzten deutschen Steppen ein Politikum ersten Grades.






Auch andere karg anmutende und nährstoffarme Biodiversitäts-Juwele sind die Deutschland unter Druck. Südlich der oberpfälzischen Kreisstadt Neumarkt bedecken neue Gewerbegebiete einen der seltensten Vegetationstypen Bayerns. Das Tal der Sulz war für seine Sandmagerrasen bekannt. Sie entstehen in sehr nährstoffarmen Gegenden dort, wo sich in geologischer Vergangenheit Flugsand abgelagert hat. Dazu kam es hier, weil mit dem sogenannten Trauf zwischen der Fränkischen Ebene und der Oberpfälzer Alb eine rund 200 Meter hohe Gesteinskante die Landschaft prägt. Vor dieser haben sich herumfliegende Sande angesammelt.
Auf kleinen Arealen kann man noch eine Ahnung bekommen, wie der Lebensraum vor vielen Tausend Jahren großräumig ausgesehen hat. Moose und Flechten überziehen den von kleinen Sandgruben überzogenen Boden, aus dem das Berg-Sandglöckchen (Jasione montana) mit seinem matten Blau, die Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium) mit ihrem quietschigen Gelb und die Heide-Nelke (Dianthus deltoides) mit einem leuchtenden Rosa wachsen.
Wer keinen Sinn für Biodiversität hat, nimmt hier nur wertloses Ödland wahr. Wer genau hinsieht, entdeckt eine herbe, artenreiche Schönheit, ein Habitat, das als Zeuge aus der Vergangenheit von hohem Wert ist.
Schon 1995 warnte die Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL): „Die Verluste an Sandrasen-Lebensräumen fielen in Bayern seit den 50er Jahren bis heute so gravierend aus, daß es bayernweit heute keinen ausreichend gesicherten größeren Bestand mehr gibt, sondern nur noch vorwiegend kleine Reliktflächen, deren Bedrohungs- und Pflegezustand oft alarmierend ist.“ Die staatlichen Naturschützer hoben damals das Sulztal als Hotspot hervor.

Dreißig Jahre später sind nur noch Relikte von Relikten übrig – und auch die sind in Gefahr, hauptsächlich durch immer neue Gewerbegebiete und Straßenbau. Aus hartem Grund steht das Silbergras (Corynephorus canescens) ebenso auf der Roten Liste der bedrohten Pflanzenarten Bayerns wie viele andere Sandrasen-Arten. Ein 2003 von Naturschutzverbänden angestrebter Biotopverbund der Sand-Lebensräume im Landkreis Neumarkt kam nicht zustande.
In einer von Nährstoffen und Konkurrenz um Flächen geprägten Landschaft haben es die kargen Lebensräume schwer. Der Trierer Geobotaniker Thomas Becker warnt, dass der Klimawandel mit milden Wintern eher die atlantisch geprägte Flora fördere, auf Kosten der kontinentalen. Auch trockene Frühjahre seien gefährlich, da die Steppenpflanzen häufig früh im Jahr blühen und Samen bilden, um der Sommerhitze zuvorzukommen. Becker hält eine gezielte Beweidung von Steppenflächen mit Pferden und Eseln für nötig, um vordringende Konkurrenten des Federgrases wie die Aufrechte Trespe (Bromus erectus) im Zaum zu halten.
In Brandenburg setzen auch Janine Ruffer von der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg und Daniel Lauterbach vom Botanischen Garten der Universität Potsdam auf Intervention. Sie wollen es nicht dabei belassen, Areale wie am Wachtelberg aufzukaufen und einzuzäunen. Die beiden Naturschützer arbeiten daran, der bedrohten Steppen-Flora aktiv auf die Sprünge zu helfen.



Wichtigste Maßnahme: die Samen bedrohter Steppenpflanzen werden im Botanischen Garten vermehrt, um sie dann wieder auszubringen. „Wegen der extremen Bedingungen gibt es keine natürliche Samenbank im Boden, deshalb helfen wir nach“, erklärt Lauterbach. Von 30 typischen Arten hat er bereits 40.000 Samen erzeugt und in den sandigen Boden eingebracht: „Wir müssen mit Masse raus, damit ein bisschen was übrig bleibt.“
Der Bestand der stark gefährdeten Wiesen-Küchenschelle (Pulsatilla pratensis) ist dadurch bereits auf fünfzig Exemplare gewachsen, sagt Lauterbach stolz, während er von einer der Pflanzen die Samen abrupft und direkt einpflanzt. „Ohne solche Maßnahmen könnten wir eigentlich nur beim Aussterben zugucken“, sagt Ruffer.
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