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Hamburger Theater: Wal Timmy wird jetzt zur grotesken Passion

Дата публикации: 12-07-2026 09:42:00

Auch das noch! Nur wenige Monate nach dem Trubel um die Walrettung vor der Insel Poel inszeniert das Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg die Geschichte als Passionsspiel - und kreeirt reichlich Lacher. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion wird es dagegen ernst.

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Auch das noch! Nur wenige Monate nach dem Trubel um die Walrettung vor der Insel Poel inszeniert das Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg die Geschichte als Passionsspiel - und kreeirt reichlich Lacher. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion wird es dagegen ernst.

Ein abgedrehtes Schauspiel begeistert Hamburg. Mit „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt“ hat das Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg ein Spektakel auf die Bühne gebracht, das vor gerade einmal drei Monaten das Land in Atem hielt: die Rettung des gestrandeten Buckelwals vor der Insel Poel.

Doch was ist absurder: War es der wochenlange Hype um das Schicksal des Tieres? Die Inszenierung als Passionsgeschichte? Oder das Leid, das jedes Jahr Millionen Tiere in Schlachthöfen erfahren; weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Der Theaterabend wechselt mit der anschließenden Podiumsdiskussion zwischen diesen drei Ebenen.

In der Inszenierung widmet sich das Ensemble weniger der Rettungsaktion als vielmehr den sozialen Dynamiken, die sich darum entwickelt haben. Da braucht es nicht einmal viel inszenierte Überspitzung.

Die eingespielten Zitate aus Interviews und Social-Media-Clips reichen in der sakralen Kulisse aus, um lautes Lachen vom Publikum zu ernten. So antwortet eine Frau auf die Frage, was sie bisher mit Walen zu tun hatte: „Ich bin vom Sternzeichen Fisch.“

Satire am Limit

In solchen Momenten, die das Waldrama haufenweise geliefert hat, scheitert Satire an der Realität. Wenn die Schauspieler jetzt eine Walpuppe durch den in Weihrauch getränkten Saal tragen, das Quartett Enrique Fiß, Anna Köllner, Noah Tomiak und Anna Krestel das Tier auf einem Altar für Timmy opfert und an einem Kreuz aufhängt, kommt das den realen Dynamiken auf groteske Weise nahe. Ausrufe wie „Timmy, der Erlöser“ oder „Der Wal sei mit euch“ könnten genauso aus echten Clips stammen.

In etwas mehr als 50 Minuten entsteht ein zugespitzter Abriss über die Timmy-Wochen. Ein Monolog gleitet in eine Wutrede ab, während das Licht die Bühne zunehmend in Rot tränkt und eine Deutschlandfahne im Hintergrund hängt.

„Freiheit für Hope – wir sind das Volk“, hallt es aus den Lautsprechern. Eine Referenz auf die Vereinnahmung durch rechte Akteure. Auch eine kurze Pressekonferenz und viral gegangene KI-generierte Lieder haben es in das Stück geschafft.

Die überdrehte Passionsgeschichte reißt das Publikum mit, weil die Realität so viele Vorlagen geliefert hat, die Regisseur Alexander Klessinger nur noch aufgreifen und ihnen einen neuen Rahmen verpassen musste. Die überwiegend jungen Besucher quittieren das Spiel mit stehendem Applaus und Jubelrufen.

Podiumsdiskussion greift ernstes Thema auf

Bei der Podiumsdiskussion vergeht das Lachen dann schnell. Zunächst, weil Tierärztin Kirsten Tönnies das Wort für die Social-Media-Gemeinschaft ergreift, die eben noch verächtliche Lacher geerntet hat. „Die Menschen mit Empathie, die mit dem Tier mitleiden, kamen ein bisschen schlecht weg“, sagt die Walhelferin und spricht von Großkotzigkeit. Auch die Kritik der Selbstdarstellung will sie nicht durchgehen lassen.

Tönnies hatte bereits während der Walrettung immer wieder versucht, auf das strukturelle Tierleid aufmerksam zu machen und den Fokus nicht nur auf dieses Einzelschicksal zu lenken. Es sei schwer, Strukturprobleme wie Massentierhaltung und Jagd medial zu platzieren. Dadurch sei es der Öffentlichkeit gar nicht möglich, wie beim Buckelwal Mitleid zu empfinden.

Zwei Gesichter des Widerstands sind Anna Schubert und Hendrik Hassel. Sie sind in einen Schlachthof eingebrochen, um Kameras zu installieren. So dokumentierten sie, wie qualvoll Schweine bei der CO2-Betäubung verenden, wenn sie langsam ersticken, panisch nach Luft ringen und dabei ihre Köpfe an den Gitterstäben wund schlagen.

„Das ist wirklich ein ganz schlimmer Todeskampf“, sagt Schubert. In einem getrennten Raum wird das Video am Samstagabend auch am Ernst-Deutsch-Theater gezeigt, für das die Aktivisten zu 98.000 Euro Schadenersatz verurteilt wurden.

34 Millionen Tiere gegen eins

Denn die Schlachtungsmethode ist legal in Deutschland. Beim Podium ist von 34 Millionen Tieren pro Jahr die Rede, die so ihren Tod finden; rund 80 Prozent der Schlachthöfe würden die Methode anwenden.

Hassel bemängelt, ähnlich wie Tönnies, ein „aktives Wegschauen der Politik“. Die Gewaltenteilung versage auf drei Ebenen, wenn nicht der Schlachter verurteilt werde, sondern derjenige, der auf die Missstände aufmerksam mache. Er beschreibt den eigenen Aktivismus daher als Korrektiv zum Supermarktregal.

Warum die millionenfachen Schicksale weniger bewegen als das eines Buckelwals, weiß Neurowissenschaftlerin Franca Parianen. „Je näher uns etwas ist, desto mehr Empathie haben wir“, sagt sie. Bei Walen sei das auf vielen Ebenen der Fall, deshalb sei es hier einfacher, anzudocken.

Zudem lasse sich beobachten, dass bei Krisen die Hilfsbereitschaft hoch sei, der Mensch Organisation suche. Erst in der Folge zerrede sich das Thema – das habe sich beim Wal ebenso gezeigt wie bei den großen Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre oder der Corona-Pandemie.

Auf der anderen Seite sei Hilflosigkeit eines der schlimmsten Gefühle und führe dazu, dass Menschen das Handeln aufgäben. Selbstwirksamkeit sei eines der stärksten Gegenmittel: „Wir können auch den anderen Weg einschlagen als Gesellschaft.“

„Jetzt kommt mein Bruder Hartwin“

Zum Abschluss des Abends kommt noch einmal Unterhaltungsprogramm: Die Band Tulpe spielt ihren Timmy-Hit „Sprengt den Wal“. Am Sonntagmorgen hat die Realität dann auch schon das Bühnenstück wieder eingeholt. „Millionen-Streit um toten Timmy“ titelt die „Bild“. Offenbar will Media-Markt-Gründer Walter Gunz nur 300.000 der insgesamt mehr als zwei Millionen Euro Kosten für die Walrettung begleichen – zum Unmut der Co-Sponsorin Karin Walter-Mommert.

Am Ende der Passionsgeschichte reimt Enrique Fiß angesichts der erneuten Walsichtung aus Timmy-Perspektive: „Ich liege schon im Sarg drin – jetzt kommt mein Bruder Hartwin.“ Es könnte also noch genug Stoff für eine Fortsetzung geben.

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