Nur wenige Wochen nach dem „Timmy“-Drama wurde in deutschlandnahen Gewässern ein Buckelwal gesichtet. Dem Tier namens Hartwin geht es schlecht.
Nur wenige Wochen nach dem „Timmy“-Drama wurde in deutschlandnahen Gewässern ein Buckelwal gesichtet. Dem Tier namens Hartwin geht es schlecht.
Noch vor wenigen Wochen sorgte das Drama um den Mitte Mai in der Ostsee gestrandeten Buckelwal in Deutschland für hohe Aufmerksamkeit. Die Geschichte um den verirrten Meeressäuger, von vielen „Timmy“ oder „Hope“ genannt, nahm allerdings kein gutes Ende. Im Rahmen einer beispiellosen Rettungsaktion wurde das geschwächte und offenbar an einer Hauterkrankung leidende Tier mithilfe eines Lastkahns von der Ostsee zum Eingang der Nordsee transportiert. Doch nur wenige Tage später wurde „Timmy“ tot an der dänischen Küste vor der Insel Anholt aufgefunden.
Die Obduktion von „Timmy“ durch Experten liegt noch nicht lange zurück, da sorgt bereits eine weitere Wal-Sichtung an der dänischen Küste für Schlagzeilen. Linda Frølund Hansen, eine Touristenführerin, führte eine kleine Personengruppe im Rahmen einer sogenannten „Bridgewalking“-Tour über die Stahlkonstruktion der Brücke „Den Gamle Lillebæltsbro“. Die alte Überführung verbindet die dänische Halbinsel Jütland mit der Insel Fünen.
Die Gruppe hielt gerade nach kleineren Schweinswalen Ausschau, die ganzjährig in den Küstengewässern der Ost- und Nordsee heimisch sind, als Hansen ein weitaus größeres Tier im Wasser unter der Brücke entdeckte. Sie filmte ihre Sichtung mit dem Smartphone. Nur wenig später wurde das Video von den „Bridgewalking“-Veranstaltern in den sozialen Medien veröffentlicht. Unabhängig überprüfen ließen sich die Aufnahmen bislang nicht.
Zuletzt wurde „Hartwin“ demnach am 4. Juli an der Klappbrücke der dänischen Stadt Sønderborg und am 5. Juli vor dem dänischen Ort Egernsund gesichtet.
Von Egernsund sind es nur etwa 15 Kilometer Luftlinie bis nach Flensburg und sogar nur drei Stunden bis zur Nordspitze der deutschen Halbinsel Holnis. Gemäß den Angaben von „Stranded No More“ befindet sich Buckelwal „Hartwin“ also mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in deutschen Gewässern.
Laut Hansen soll das Tier eine Länge von etwa zwölf Metern gehabt haben. „Der Wal war riesig, so groß wie eine Segeljacht“, sagte die Dänin. Der Meeressäuger sei unter der Brücke hindurch in Richtung Süden weiter in die Ostsee hineingeschwommen.
Die „Bridgewalking“-Veranstalter schrieben via Instagram: „Wir haben das Video einem Biologen gezeigt, der mit 99-prozentiger Sicherheit sagen kann, dass es sich um einen Buckelwal handelt.“ Andere Wal-Experten wie der Meeresbiologe Fabian Ritter schließen sich dieser Meinung an. Gegenüber der „Bild“-Zeitung sagte er: „Ich erkenne klar einen Buckelwal.“
Ritter zufolge deute die helle Färbung des Rückens darauf hin, dass das Tier „massive Hautprobleme” habe – eine Feststellung, die eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Schicksal von Buckelwal „Timmy” hat, der an ganz ähnlichen Hautveränderungen litt. Der Meeresbiologe stellte außerdem fest: „Wenn sich das Tier wie berichtet immer sehr nah an der Oberfläche aufhält, deutet das auf jeden Fall auf Schwäche hin.” Er ergänzte: „Teilweise wirkt das Tier apathisch. Das sieht nicht gut aus und kann einem nur leidtun.” Ritter war allerdings nicht vor Ort und beruft sich bei seinen Aussagen auf das veröffentlichte Videomaterial.
Ein anderer Wal-Experte gab seine Einschätzung im dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab. Meeresbiologe Carl Kinze vom Dänischen Naturhistorischen Museum sagte dem Sender „DR” nach Sichtung des Videomaterials, dass die helle Hautoberfläche des mutmaßlichen Buckelwals seltsam aussehe: „Er sieht furchtbar aus, was für einen Buckelwal untypisch ist. Das kann an einem Pilzbefall liegen, aber auch an einem ganz natürlichen Bewuchs mit Seepocken.”
Der dänische Meeresbiologe Heiko Buch-Illing, Leiter des Wissens- und Forschungszentrums Fjord&Bælt in Kerteminde, sieht für den Buckelwal Hartwin kaum noch Hoffnung. Das sagte er in einem Interview mit :newstime. Nach seiner Einschätzung wirkt das Tier bereits deutlich geschwächt und zeigt Anzeichen eines möglichen Parasitenbefalls. Buch-Illing macht dafür auch die wachsende Buckelwal-Population verantwortlich. Diese breite ihren Lebensraum immer weiter aus, wodurch einzelne Tiere zunehmend in Randgebiete wie die Ostsee gerieten. Dort sei das Nahrungsangebot jedoch knapper, was geschwächte Tiere zusätzlich unter Druck setze. Seine Prognose fällt deshalb drastisch aus. Im Gespräch mit :newstime sagt der Experte wörtlich: „Da gibt’s keine Chance. Er wird sterben.“ Als mögliche Szenarien nennt Buch-Illing entweder ein Ertrinken in tieferem Wasser oder eine Strandung in den kommenden Wochen.
Die Einschätzungen der Experten erinnern stark an die Beurteilungen, die vor wenigen Wochen über Buckelwal „Timmy“ kursierten. Auch damals kamen einige Meeresbiologen zu dem Schluss, dass der vor Schleswig-Holstein und später Mecklenburg-Vorpommern gestrandete Buckelwal in keiner guten Verfassung sei.
Als Hinweise wurden seinerzeit die starken Hautveränderungen des Tiers herangezogen. Auch der Umstand, dass der Buckelwal sich ständig an der Wasseroberfläche aufhielt und schließlich im seichten Wasser auflag, wurde als Konstitutionsschwäche ausgelegt. Ob dem nun im Kleinen Belt gesichteten Tier ein ähnliches Schicksal und Strandungen bevorstehen, bleibt abzuwarten.
Aus dänischer Sicht wird es für Hartwin keine Rettungsaktion geben. Heiko Buch-Illing betont, dass man dort den natürlichen Verlauf akzeptiere. Sollte der Buckelwal in Dänemark stranden, würde er nach dänischem Verständnis nicht zurück ins Meer geschleppt oder aufwendig transportiert werden. Stattdessen ließe man das Tier am Strand liegen, bis Fachleute Proben entnehmen und wichtige Daten zu Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, Todesursache und Herkunft sichern könnten.
Auch im Todesfall wäre das Vorgehen laut Buch-Illing klar: Der Wal bliebe zunächst am Strandungsort. Hintergrund ist, dass man in Dänemark stärker darauf achte, den Wal vor zusätzlichem Stress durch Menschen zu schützen. Deshalb gelte dort auch die klare Anweisung, sich dem Tier nicht zu nähern. Zugleich warnt der Experte vor den Gefahren eines verwesenden Kadavers: Durch entstehende Gase könne ein toter Wal im Extremfall sogar explodieren, mit einer Reichweite von 20 bis 30 Metern. Gerade deshalb würden die Behörden die Situation kontrolliert begleiten, aber nicht mit einer spektakulären Rettungsaktion eingreifen.
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