Zweimal innerhalb einer Minute bebte in Venezuela am Mittwoch die Erde – so schlimm wie in 100 Jahren nicht. Gabriela Mesones Rojo erzählt, wie das Haus ihres Vaters einstürzte.
Zweimal innerhalb einer Minute bebte in Venezuela am Mittwoch die Erde – so schlimm wie in 100 Jahren nicht. Gabriela Mesones Rojo erzählt, wie das Haus ihres Vaters einstürzte.
Gabriela Mesones Rojos Stimme bricht, als sie über La Guaira spricht. Ihr Vater lebt in der Küstenregion nördlich von Venezuelas Hauptstadt Caracas. In weniger als zwei Minuten hat sich das Leben der Menschen dort am Mittwochabend schlagartig verändert.
Um 18.04 und 18.05 Uhr Ortszeit wurde die Region von einem Jahrhunderterdbeben erschüttert. Venezuelas Regierung hat sie zum Katastrophengebiet erklärt. Dutzende Gebäude fielen in sich zusammen – darunter auch das fünfstöckige Haus von Mesones Rojos Vater.
Er selbst blieb unbeschadet, zum Zeitpunkt des Bebens besuchte er Familie in Caracas. Dass sein Haus nicht mehr steht, erfuhren sie über eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe mit anderen Bewohnern des Hauses, erzählt die Venezolanerin dem Tagesspiegel noch in den frühen Morgenstunden per Sprachnachricht. Und schickt ein Foto von einem verschlossenen Eingangstor, hinter dem nur noch ein Trümmerhaufen zu sehen ist.
„In der Gruppe schreiben sie auch, dass sie immer wieder die Namen ihrer Nachbarn gerufen haben. Es kam keine Antwort“, sagt Mesones Rojo. „Wir befürchten, sie sind tot.“ An verifizierte Informationen kommt sie allerdings kaum, das Internet funktioniert in der Nacht nur schlecht – besonders in La Guaira.
„Der Ort hat nicht die Infrastruktur, die Caracas hat. Es dauert, bis dort Hilfe ankommt“, sagt sie. „Die Einwohner kämpften sich mit Händen durch die Trümmer, um Angehörige zu retten. Etliche werden vermisst.“
Nicht einmal Venezuelas Regierung kann bislang Angaben zu Toten und Verletzten aus Guaira machen. In dem Land hatte es am Mittwoch zwei starke Erdbeben gegeben, das erste mit einer Stärke von 7,2, das zweite nur 39 Sekunden später, mit einer Stärke von 7,5. Seitdem gab es mehr als 30 Nachbeben. Es ist der schlimmste Erdstoß in Venezuela seit mehr als 100 Jahren.
Laut aktuellen Angaben der Regierung sollen mindestens 164 Menschen gestorben und fast 1000 verletzt worden sein. Die US-Erdbebenwarte USGS rechnet allerdings mit deutlich mehr Betroffenen: Einer Modellrechnung zufolge liegt die Zahl der Toten zu 42-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 10.000 und 100.000.
Zurzeit sind es vor allem Bürgermeister:innen, die Rettungskräfte und die Journalist:innen vor Ort, die die Bevölkerung schrittweise informieren. Venezuela zählt weltweit zu den Ländern mit dem langsamsten mobilen Internet, nach den Erdbeben hatten viele Handys keinen Empfang mehr.
Und: Dutzende Nachrichtenseiten sowie die Plattform X, die viele im Land als Informationsquelle nutzen, sind gesperrt und nur über eine VPN zugänglich. „In Katastrophen wie diesen kann der fehlende Zugang zu Informationen Menschenleben kosten“, sagt Gabriela Mesones Rojo.
Auch sie griff nach dem ersten Schock am Mittwochabend schnell zum Handy. Sie und ihr Haus blieben unbeschadet, das Erdbeben erwischte sie zu Hause am Laptop. „Erst bei der zweiten Erschütterung wurde mir klar: Ich muss hier sofort raus.“
Ihre beste Freundin und ihr Ex-Mann allerdings wohnen in Los Palos Grandes, einem Stadtteil, der deutlich schwerer betroffen war. „Am Telefon erzählte meine Freundin mir, dass Teile ihres eigenen Wohnhauses in der Mitte auseinandergebrochen waren. Das Gebäude gegenüber war komplett eingestürzt. Sie habe etliche Menschen schreien hören.“
Kurz darauf fuhr Mesones Rojo selbst nach Los Palos Grandes, um ihren Ex-Mann abzuholen. „Das Dach war über ihm eingestürzt, er hat es aber glücklicherweise noch rechtzeitig herausgeschafft. Als ich zu ihm gefahren bin, hatte ich das Gefühl, ich fahre durch ein Kriegsgebiet: Überall lagen Trümmer, alles war voller Staub, fast alle Häuser hatten Schaden genommen. Die Straßen waren voller Menschen, die evakuiert wurden“, erzählt sie.
Im Westen von Caracas verbrachte Wendy Rodriguez die Nacht mit ihrer Familie im Auto. Geschlafen habe sie nicht, sagt sie in einer Sprachnachricht an den Tagesspiegel, zu heftig seien die Nachbeben gewesen. Und zu groß die Angst, zurück in die Wohnung zu gehen.
Stunden zuvor, um 18 Uhr, hatte sie gerade mit ihrem Mann den Anstoß für das WM-Gruppenspiel Schottland gegen Brasilien im Fernsehen geschaut, als ihre Handys plötzlich Alarm schlugen. „Eine Sekunde später bewegte sich das Bett unter uns. Mein Neffe lief ins Zimmer und sagte uns panisch, wir müssten sofort das Haus verlassen“, erzählt Rodriguez.
Das Erdbeben, sagt sie, habe sich angefühlt, als würde jemand mit einem Schlaghammer in den Boden bohren. „Die Wände und Böden haben Wellen geschlagen. Alles fiel aus den Schränken zu Boden, unsere Wassertanks schwappten über und überschwemmten einen Teil der Wohnung.“
Nach dem ersten Beben lief die Familie die Treppe hinunter auf die Straße. „Wir verschanzten uns in unserem Auto, andere liefen zurück ins Gebäude, um Nachbarn zu befreien, die nicht aus ihrer Wohnung kamen, weil sich ihre Haustüren verzogen hatten.“
Auch Alejandra Otero lebt im Westen von Caracas, in einer bergigen Region. „Ich musste zuschauen, wie ein Haus, nur 150 Meter von meinem entfernt, in sich zusammenfiel“, erzählt sie. „Es sah aus, als würde das Gebäude vom Erdboden verschluckt werden. Von den vier Stockwerken stand plötzlich nur noch eins, plus Dach.“
Sieben Menschen, weiß Otero, leben in dem Haus. Zwei davon minderjährig. Ob sie noch leben, weiß sie allerdings nicht. Noch sind die Rettungskräfte im Einsatz, auf der Suche nach Menschen.
Das Erdbeben trifft ein Land in einem ohnehin schwierigen Moment. Venezuela wird von einer autoritären linken Regierung regiert. Im Januar hatten die USA mehrere militärische Ziele bombardiert und den damaligen Machthaber Nicolás Maduro entführt. Seitdem regiert Vizepräsidentin Delcy Rodríguez das Land übergangsweise. Weiterhin autoritär, aber in Kooperation mit der US-Regierung unter Donald Trump.
Der hatte schnell Hilfe zugesagt. „Amerika steht in dieser schwierigen Zeit an der Seite des venezolanischen Volkes“, erklärte Außenminister Marco Rubio über X. Auf Anweisung von Präsident Donald Trump würden unverzüglich Such- und Rettungsmannschaften, medizinische Ressourcen und humanitäre Hilfe in das südamerikanische Land gesandt.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz, sowie etliche weitere Staatschefs, versprachen am Donnerstag Hilfe.
„Die venezolanische Regierung ist auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet“, sagt Mesones Rojo. „Es gibt große Korruptionsprobleme, eine stark defizitäre medizinische Versorgung. Weder Feuerwehr noch Zivilbevölkerung können darauf angemessen reagieren.“ Und so warten Tausende Menschen in Venezuela nach dem Erdbeben weiterhin auf Hilfe.
Von Laura Dahmer
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