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So viel Kritik wie Christopher Nolans «The Odyssey» musste vorab selten ein Blockbuster einstecken. Haben sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet?

Дата публикации: 15-07-2026 16:00:00

Um das bekannteste Epos des Abendlandes, mit einem 250-Millionen-Dollar-Budget komplett im Imax-Format gedreht, entbrannte ein hämisch geführter Kulturkampf. Doch was Nolan mit seinem Odysseus gemacht hat, ist so eigenwillig wie finster.

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So viel Kritik wie Christopher Nolans «The Odyssey» musste vorab selten ein Blockbuster einstecken. Haben sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet?

Um das bekannteste Epos des Abendlandes, mit einem 250-Millionen-Dollar-Budget komplett im Imax-Format gedreht, entbrannte ein hämisch geführter Kulturkampf. Doch was Nolan mit seinem Odysseus gemacht hat, ist so eigenwillig wie finster.

Die Göttin Athene (Zendaya) steht Odysseus (Matt Damon) nur mehr im Hintergrund beratend bei; das gegenseitige Verständnis ist verloren gegangen.

Die Göttin Athene (Zendaya) steht Odysseus (Matt Damon) nur mehr im Hintergrund beratend bei; das gegenseitige Verständnis ist verloren gegangen.

Universal Pictures via Imago

Dieser Odysseus ist erstaunlich zeitgemäss – allerdings anders, als es die lautesten Kritiker prophezeiten. Kaum ein Blockbuster der vergangenen Jahre wurde im Vorfeld mit solcher Verve verdammt wie Christopher Nolans «The Odyssey». Auf seiner Plattform X erklärte der reichste Mann der Welt, Elon Musk, den heiss erwarteten Film bereits Monate vor dem Kinostart für rettungslos «woke». Historiker mokierten sich über Agamemnons Helm und andere vermeintliche Anachronismen, unter dem finalen Trailer sammelten sich Zigtausende empörte Kommentare.

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«The Odyssey» ist damit vor seiner Premiere dort angekommen, wo Homers Epos seit rund zweieinhalb Jahrtausenden immer wieder landet: im Zentrum eines Kulturkampfs, wem die Deutungshoheit über die Antike (und damit Europa) gehört. Die grössten Zankäpfel im Vorfeld: Wie könne man die «weissarmige» Helena nur mit Lupita Nyong’o, einer schwarzen Schauspielerin, besetzen? Und Elliot Page, der erste prominente Transmann in Hollywood: lachhaft mickrig für den muskulösen Achilles! Dabei spielt Page den Soldaten Sinon, der von den Griechen am Strand mit dem Trojanischen Pferd zurückgelassen wird.

Die Rhapsodie wird zum Rap

So nassforsch-neu, wie sie sich gerieren, sind die Argumente nicht: Historienfilme sind traditionell dem Vorwurf mangelnder historischer Authentizität ausgesetzt; dahinter steht das alte Missverständnis, Kunst habe Wirklichkeit zu reproduzieren, statt sie zu interpretieren. Auch die Debatte um die Hautfarbe existiert seit Martin Bernals kontroversem Dreiteiler «Black Athena» über die ägyptischen und afrikanischen Einflüsse auf die Entstehung der griechischen Kultur. Und lag es nur an der Prä-Social-Media-Zeit, dass es keine Proteste gab, als Wolfgang Petersen für «Troy» (2004) mit Diane Kruger eine blondgelockte Niedersächsin als schönste Frau der antiken Welt besetzte?

Das Bild wird häufig bemüht, hier trifft es zu: Homer eignet sich ideal als Projektionsfläche für kulturelle Spiegelfechtereien und Grabenkämpfe. Der besonders in der deutschen Klassik kultisch verehrte Urdichter steht am Beginn der abendländischen Literaturgeschichte. Dabei ist keineswegs definitiv klar, ob die «Ilias» und die «Odyssee» beide aus seiner Feder stammen, von einem Kollektiv selbst verfasst wurden oder ein buntes Patchwork von Überlieferungen aus West und Ost sind.

Ironischerweise übersehen die selbsternannten Hüter kultureller Reinheit die elastische Gestalt des Stoffs. Die Literatur des Abendlandes verweigert sich bereits in ihren ersten Texten einer fixen Festlegung, sie «stellen ihre eigene Diversität aus», wie die Altphilologin Melanie Möller schreibt. Oder anders gesagt: Nicht trotz ihrer Vieldeutigkeit, sondern gerade deretwegen bleiben sie ein Spiegel für die Selbstbilder und Sehnsüchte späterer Generationen.

So wucherte denn auch wild, was alles der «Odyssee» an Inspiration entsprungen ist, von James Joyce’ weitläufigem Gedankenstrom im Roman «Ulysses» bis zum postmodernen Südstaaten-Gauner-Road-Movie «O Brother, Where Art Thou?» (2000) der Coen-Brüder. Und auch Christopher Nolan hat eine so klare wie finstere Vision für seinen von Matt Damon gespielten Odysseus.

In seiner erzählerischen Rahmung hält der Film sich recht eng an das homerische Epos, weicht in manchen Details aber erheblich davon ab. Die episodische Struktur wird weitgehend belassen: Am Anfang harrt Telemachos (Tom Holland) auf Ithaka der Rückkehr seines Vaters, der vor knapp zwei Jahrzehnten zum Trojanischen Krieg aufgebrochen ist.

Die um Odysseus’ Frau Penelope (Anne Hathaway) werbenden Freier, allen voran Antinoos (Robert Pattinson), verfressen im Dämmerlicht des Palastes Vermögen und Erbe. Sie verlachen den jungen Sohn, der schliesslich nach Sparta aufbricht, um seinem Vater nachzuforschen. Mit einer List hält Penelope die Freier hin: Sie verspricht, erst nach der Fertigstellung eines Leichentuchs neu zu heiraten, tagsüber webt sie es, nachts trennt sie es wieder auf.

Antinoos (Robert Pattinson) ist der grausamste und forderndste Freier von Penelope.

Antinoos (Robert Pattinson) ist der grausamste und forderndste Freier von Penelope.

Universal Pictures

Odysseus indes hockt jahrelang zauselbärtig bei Kalypso (Charlize Theron) in der Strandhütte, ein Robinson Crusoe, ohne Erinnerung an Heimat oder Familie. Die wird er erst im Lauf der Zeit wieder gewinnen, denn Nolan montiert seine knapp dreistündige Adaption ähnlich komplex zusammen wie die literarische Vorlage, mit Zeitsprüngen, Rückblenden, Querverweisen.

Auch visuell verweigert der Film jede historische Eindeutigkeit: Schottische Inseln, ostasiatisch anmutende Schiebetüren und Agamemnons gesichtslose, an Darth Vader erinnernde Rüstung verschmelzen zu einem anachronistischen Stilmix. Immer wieder entstehen Bezüge zur Gegenwart, etwa durch die teilweise modernisierte Sprache oder durch den Gastauftritt des amerikanischen Musikers Travis Scott, der die antike Rhapsodie in gegenwärtigen Rap verwandelt.

Der erste Imax-Film von Nolan

Ein muskelbepackter Matt Damon spielt souverän nach «Saving Private Ryan» (1998), «Interstellar» (2014) und «The Martian» (2015) erneut einen Mann, der einen ganzen Film lang in seine Heimat zurückverfrachtet werden muss; Memes im Internet machen sich darüber lustig, wie immens jeweils der Aufwand (beim Dreh ebenso wie auf der erzählerischen Ebene) dafür war.

Doch diesmal ist der Heimkehrer kein Held, dem man uneingeschränkt für seine Mission die Daumen drücken kann, sondern ein vom Unglück der Welt, von der eigenen Hybris und seinen trotzig vertretenen Fehlentscheiden Gebrochener. Der dazu richtig leiden muss, im Bauch des hölzernen Pferdes zwischen den Fäkalien der Kameraden und an Bord seines ständig vom Sturm gepeitschten und vom Salzwasser überspülten Schiffs.

Nolans Interpretation des Odysseus als einsamer Schmerzensmann wird nicht allen im Publikum schmecken. Sein bislang ambitioniertestes Projekt seit dem mit Oscars überhäuften «Oppenheimer» dürfte weit kontroverser aufgenommen werden als «The Dark Knight» oder «Inception». Doch während ihn manche für einen überschätzten Formenspieler halten, bleiben diejenigen, die in ihm einen Visionär des modernen Kinos sehen, umso treuer: Wie das Magazin «Variety» berichtet, hat in den USA eine Frau sogar ihre Schwangerschaft vertagt, um pünktlich am Starttag im Kinosaal zu sitzen.

Der technikbegeisterte Regisseur, der keine Smartphones am Set duldet, ist nicht gerade ein Feinmechaniker für subtile Seelenregungen. In seinen oft pathetischen Bombast-Epen geht es immer um das grosse Ganze, hinter dem der Mensch ameisengleich in der Landschaft verschwindet. Die Leinwand kann kaum gross genug sein, und auch «The Odyssey» setzt auf überwältigende Gesten: Mit einem Budget von rund 250 Millionen Dollar zählt der Film zu den teuersten Produktionen des Jahres. Entsprechend offensiv wird beworben, dass Nolan erstmals einen Spielfilm vollständig mit 70-Millimeter-Imax-Kameras drehte.

Gerade bei komplexen Frauenfiguren zeigt sich eine wiederkehrende Schwäche im Werk des Briten; und das ausgerechnet in einem Epos voller starker weiblicher Figuren. Seine Penelope ist weniger «klug» als bei Homer, dafür aber distanziert und konfus, wenn sie ihren geliebten Sohn regelmässig anschreit. Kalypso dient lediglich als gefühlskalte Katalysatorin für die vergessenen Erinnerungen, die sie selbst durch die Lotos-Pflanze bei ihrem unfreiwilligen Gast verursacht hatte. Nausikaa kommt nicht vor; überhaupt sind Eros und Sex so abwesend wie am protestantischen Kirchentag.

Penelope (Anne Hathaway) ruft die Freier zur finalen Prüfung mit dem Bogen.

Penelope (Anne Hathaway) ruft die Freier zur finalen Prüfung mit dem Bogen.

Universal Pictures

Das hölzerne Pferd bringt bei Nolan nicht nur den Untergang Trojas, sondern auch den Bruch der zivilisierten Ordnung.

Das hölzerne Pferd bringt bei Nolan nicht nur den Untergang Trojas, sondern auch den Bruch der zivilisierten Ordnung.

Universal Pictures

Zumindest Kirke (Samantha Morton) erhält etwas Kontur als Öko-Kräuterhexe, die erst ihre Schwester in einen Raben verzaubert hat, ehe sie sich Odysseus’ Männer vorknöpft. Mit einem hübschen praktischen Spezialeffekt greift sie ihnen in den Rachen und formt sie zu den Schweinen, als die sie sich ihrer Meinung nach benehmen. Ganz ohne Computer ist Polyphem entstanden, der Zyklop, der von Odysseus geblendet wird, als die Crew zufällig in seine dunkle Höhle gerät.

Hier weicht Nolan am deutlichsten von der Vorlage ab, das bekannte verbale Täuschungsmanöver von Odysseus («Mein Name ist Niemand») passiert nicht. Dass der Einäugige sprechen kann, bemerkt der Trupp zu spät; vielleicht hätte man sonst ja verhandeln können? Ein bisschen Mitleid mit dem Monster kommt auf, und die vorsichtige Frage bleibt: Wer ist jetzt der Barbar: der Menschenfresser – oder Odysseus, der ihm ohne Not noch einen Pfeil in den Schädel jagt?

Mit dieser Frage sind wir am Kern von Nolans Vision, die zu einer Zeit eines Zivilisationsbruchs spielt. Mehr als zwei Stunden lang entfacht Nolan einen dunklen Fiebertraum: beeindruckende Szenen auf dem Feld mit den auferstandenen Toten, die gigantischen Silberkrieger der Laistrygonen, die grausame Eroberung Trojas, begleitet vom hektisch-hypnotischen Score des Schweden Ludwig Göransson. Doch der Film läuft auf eine erstaunlich stille, grossartige Szene zu, als Odysseus als Bettler auf Ithaka die Tragweite seiner Irrfahrt bewusst wird.

Nicht Frauen, Wein oder Lotos sind es, die den Seefahrer zurückgehalten haben, sondern das Entsetzen über den Krieg. Odysseus schleppt das Trauma der Eroberung Trojas mit sich herum – und die Erkenntnis, dass die Griechen mit dem trügerischen Gastgeschenk des Trojanischen Pferdes ausgerechnet jenes heilige Gesetz gebrochen haben, das ihre Welt zusammenhält.

Odysseus und seine Männer müssen sich an Bord ständiger Gefahren erwehren – die Crew wird permanent dezimiert.

Odysseus und seine Männer müssen sich an Bord ständiger Gefahren erwehren – die Crew wird permanent dezimiert.

Universal Pictures

«Suche die Götter nicht in den Menschen»

Dieses «Gesetz des Zeus» zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, es ähnelt dem kategorischen Imperativ von Kant – handle so, wie du willst, dass alle handeln sollten. Im Kosmos der Antike wird das Gesetz noch begleitet vom Attribut der unbedingten Gastfreundschaft: Jeder Fremde könnte ein verkleideter Gott sein; wer den Gast verrät, verrät die Ordnung der Welt.

Nicht zufällig wird der Film mit den Worten eröffnet: «a time of apparent magic». Es ist eine Übergangszeit, in der die Götter noch existieren, sich aber zunehmend aus den Angelegenheiten der Menschen zurückziehen. Athene (Zendaya) ist quasi nur mehr stumm blickende Begleiterin von Odysseus, das Verständnis füreinander ist verloren. Die Menschen sind auf sich selbst gestellt, doch sie scheitern ständig an den eigenen Massstäben. Ihre Taten hinterlassen Ruinen und Narben – selbst die schöne Helena ist sichtbar versehrt davon.

«Suche die Götter nicht in den Menschen», sagt Odysseus am Ende. Die gesellschaftlichen Verträge mögen gebrochen sein, die himmlischen Kräfte haben sich zurückgezogen, übrig bleibt allein die Verantwortung des Menschen für sein Handeln. Dass er dieselben Fehler immer wieder begehen wird, dass mit jeder Heimkehr zugleich eine neue, orientierungslose Odyssee beginnt, gehört zu den stärksten Einsichten des Films – und zu den aktuellsten.

The Odyssey: im Kino (172 Minuten).

Nach «Oppenheimer» widmet sich der Oscar-Preisträger Homers «Odyssee» – seinem bisher grössten Abenteuer. Im Gespräch erzählt der Regisseur von der zeitlosen Kraft des Epos und davon, was er von seinem Kollegen Guillermo del Toro gelernt hat.

Bald kommt Christopher Nolans «Odyssey» in die Kinos. Aber wer ist Odysseus eigentlich? Der Historiker Raimund Schulz hat ihm ein faszinierendes Buch gewidmet.

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