Peter Thiel fordert bedingungslose Zustimmung im Umgang mit KI, Angela Merkel bezeichnete ihre Politik als «alternativlos»: Im politischen Diskurs verdrängt die Logik des Sachzwangs zunehmend kritisches Denken. Das führt zum Blindflug der Gesellschaft.
Peter Thiel fordert bedingungslose Zustimmung im Umgang mit KI, Angela Merkel bezeichnete ihre Politik als «alternativlos»: Im politischen Diskurs verdrängt die Logik des Sachzwangs zunehmend kritisches Denken. Das führt zum Blindflug der Gesellschaft.
Giuseppe Gracia15.07.2026, 05.30 Uhr

Kiyoshi Ota / Bloomberg / Getty
Beim Aspen Ideas Festival 2026 in Colorado hat Peter Thiel, der Tech-Milliardär, Papst Leo XIV. den Vorwurf gemacht, er arbeite «für die chinesischen Kommunisten». Auslöser war die vom Papst publizierte Enzyklika «Magnifica humanitas», eine theologische und ethische Reflexion zur Entwicklung der KI und zu ihrer Bedeutung für die Menschheit.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Das päpstliche Dokument plädiert dafür, KI-Technologien nicht einfach auf die Frage zu reduzieren, worin sich die künstliche von der natürlichen Intelligenz unterscheidet oder wie sich Aufgaben in Zukunft schneller lösen und Prozesse sich optimieren lassen. Wesentlicher ist für den Papst die Frage, was den Menschen in seiner Ganzheit eigentlich ausmacht, verglichen mit den Eigenschaften einer Maschine. Was unterscheidet eine lebendige Person vom Computer und von seinen digitalen Netzwerken?
Bereits im Januar 2025 hatte das Dokument «Antiqua et nova» aus dem Vatikan festgehalten, der Mensch sei eine Leib-Seele-Einheit. Was ist damit gemeint? Der Mensch hat nicht nur Geist und Verstand, sondern er macht mit dem Leib, der zu seiner Identität gehört, auch sinnliche Erfahrungen in der Welt. Erfahrungen von Zeit, Gegenwart und Vergänglichkeit – im Wissen um seine eigene Sterblichkeit. Das sind Erfahrungen, die eine grundsätzlich andere Art von Intelligenz und Erkenntnis hervorbringen als die Datenwelten einer Maschine. Allein dies zeigt, dass die KI nie die Dimensionen menschlicher Erfahrungen erreicht.
Vorwurf des Verrats als DruckmittelAuf solche philosophisch-anthropologischen Unterscheidungen geht Peter Thiel nicht ein. Er kritisiert Papst Leo XIV. in erster Linie deshalb, weil er sich für internationale KI-Regulierungen ausspricht, aufgrund des Missbrauchspotenzials im Bereich Manipulation und Desinformation. Für Thiel sind Regulierungen das falsche Mittel: Sie führten dazu, dass die Chinesen, denen moralische Bedenken fremd seien, die Welt technologisch dominieren würden. Für Thiel ist diese Gefahr so gross, dass jeder Amerikaner oder Europäer letztlich gezwungen ist, sich im Wettlauf gegen das Reich der Mitte auf die Seite des Westens zu schlagen. Alles andere wäre Verrat.
Die Logik des Sachzwangs, mit der man hier versucht, grundsätzliche Bedenken aus dem Weg zu räumen, ist nicht neu und kommt auch in anderen Diskursen zur Anwendung. Zum Beispiel hatte Angela Merkel vor rund fünfzehn Jahren ihre Politik als «alternativlos» bezeichnet, mit einer eigenen Sachzwanglogik: einmal im Namen der Euro-Rettung, die keinen Widerspruch duldete, dann noch medienwirksamer im Namen der Flüchtlingskrise, die angeblich nur so zu bewältigen war, wie es Merkel für die ganze EU als zwingend erachtete.
Immer öfter werden politische Programme als unvermeidlich dargestellt. Eine kleine Gruppe von Experten hat meist die Definitionsmacht über die «Realität», die angeblich nur zulässt, was diese Gruppe entscheidet. Demokratische Prozesse und Grundsatzfragen kann man sich dann quasi nicht mehr leisten, und abweichende Stimmen gelten als «Leugner» und «Schwurbler».
Geistige Freiräume schrumpfenDer Schweizer Ökonom Peter Ulrich, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Hochschule St. Gallen, hat sich ausführlich mit dem Phänomen der Sachzwangargumentation befasst. Für Ulrich bewirkt diese einen «Reflexionsstopp»: Ethische Fragen werden aus dem Diskurs verdrängt. Als Wirtschaftswissenschafter kritisiert Ulrich die Vorstellung einer «wertfreien» ökonomischen Rationalität, die philosophische oder moralische Erwägungen für irrelevant erklärt und so tut, als seien Effizienz, Wachstum oder Wettbewerbsfähigkeit aus sich heraus legitim, so dass sie keiner normativen Begründung bedürfen.
Wer sich auf angebliche Zwänge des Marktes, auf globale oder geopolitische Dringlichkeiten beruft, erklärt kontroverse Entscheidungen zur Notwendigkeit und entzieht sie damit der kritischen Diskussion. Genau diese Methode wendet Peter Thiel beim Thema KI an; andere Akteure tun das im Bereich Klima, Sicherheit oder Gesundheit. Doch je mehr Sachzwangargumente das politische Leben dominieren, desto seltener werden Fragen debattiert, die das Feld der Überlegungen ausdehnen: mit Philosophie, Ethik oder Theologie. Politik entwickelt sich nur noch aus der Dynamik des Tagesgeschehens heraus. Die Geschwindigkeit nimmt zu, die geistigen Freiräume schrumpfen.
Krieg macht Sachzwänge nötigNatürlich schwächen allzu viele Bedenken oder Regulierungen den Westen, was zum Vorteil entschlossener Mächte aus dem asiatischen oder dem islamischen Raum wird. Und natürlich gibt es Sachzwänge und Realitäten, die eine verantwortungsvolle Politik berücksichtigen muss, seien es Kriege, wirtschaftliche Verflechtungen oder geopolitische Einflüsse.
Während des Zweiten Weltkriegs mag es begründete moralische Bedenken gegen die Entwicklung der Atombombe gegeben haben, doch die Gefahr, dass die Nazis damit schneller sein würden, trieb die USA voran – bekanntlich erfolgreich unter der Leitung von Oppenheimer, der selber moralische Zweifel hatte und später gegen die Entwicklung der Wasserstoffbombe kämpfte.
Solche Entwicklungen sind nie frei von Politik. Politik findet nicht in einer geschützten Werkstatt statt. Das ist aber kein Freipass für das Ausrufen von Dauerkrisen und Angstszenarien – oder für die Immunisierung gegen Kritik durch Berufung auf höhere Gewalten.
Man mag mit päpstlichen Einmischungen in technische und regulatorische Fragen wenig am Hut haben, aber der Vorfall zeigt: Eine Zivilisation, die human bleiben will, braucht politisch und wirtschaftlich unabhängige Stimmen, die im Dienst aller versuchen, Distanz zu schaffen: Distanz zur angeblich einzig möglichen Option einer Regierung. Distanz zum Zwang technisch-ökonomischer Mächte. Distanz zum Marktplatz der Interessen.
Friedrich Dürrenmatts WarnungDie beste Antwort auf die Zunahme der Sachzwangargumentation besteht darin, jene Stimmen und Instanzen zu stärken, die Grundfragen angehen und der Öffentlichkeit durchdachte Einordnungen bieten. Friedrich Dürrenmatt warnte davor, dass im Zeitalter der Wissenschaft das moralische Vermögen des Menschen seinem technischen Vermögen hinterherhinke.
Diese Warnung ist wertvoll. Technik und Wissenschaft, die ohne Zweifel Grosses für die Menschheit leisten, dürfen nicht dazu verleiten, eine Gesellschaft der Zwangslagen und Unvermeidlichkeiten zu errichten.
Damit die geistige Luft aber frei bleibt zum Atmen, muss zuerst einmal das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass auch eine Hightech-Zivilisation voller Fachwissen und KI-Datenbanken verlernen kann, wirklich nachzudenken. Sie kann verlernen, nach dem Sinn der Reise zu fragen, nach den guten Gründen dafür, jetzt genau in diese Richtung zu fahren und nicht in eine andere.
Die Frage nach Richtung und Sinn der Reise ist Ausdruck von Freiheit. Ohne sie fahren wir vielleicht schnell, aber blind.
Giuseppe Gracia ist Herausgeber des Magazins «Schweizer Monat».
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | INTERVIEW - Kult-Philosoph Slavoj Zizek: «Peter Thiel ist der Antichrist» | 2 | 7 | 27-06-2026 |
| 2 | Bedrohung durch Russland, KI und Klima: Deutschland braucht mehr als eine Zeitenwende | 0 | 5 | 01-07-2026 |
| 3 | Захарова: Мерц узнает новости из прошлогодних газет | 0 | 0 | 15-06-2025 |
| 4 | Медведев: обычные немцы "испили до дна" чашу санкций против РФ | 0 | 0 | 29-04-2025 |
| 5 | Treat AI like electricity, not a killer app | 5 | 7 | 09-07-2026 |
| 6 | Pete Hegseth wages war on Anthropic | -5 | 6 | 24-02-2026 |
| 7 | The Peter Thiel Ally Who Helped Kill Gawker Wanted to Save Journalism. Then His Site Went Dark. | -2 | 6 | 29-06-2026 |
| 8 | MAGA is divided over the promise and perils of AI | 0 | 7 | 27-11-2025 |
| 9 | AI’s Environmental Footprint is a Gendered Security Risk | -2 | 7 | 12-05-2026 |
| 10 | Глава Германо-российского форума призвал к политике в отношении РФ в духе Вилли Брандта | 0 | 0 | 03-02-2021 |