Michelangelos «David» gilt als die meistkopierte Skulptur der Kunstgeschichte. Seit Mittwoch ist er als italienischer Wilhelm Tell ein Kulturbotschafter für die Schweiz.
Michelangelos «David» gilt als die meistkopierte Skulptur der Kunstgeschichte. Seit Mittwoch ist er als italienischer Wilhelm Tell ein Kulturbotschafter für die Schweiz.

Patrick Heusser / Atelier Bolt
Nun posiert er also vor alpiner Kulisse: der schönste Jüngling der abendländischen Kunstgeschichte. Mit dem Sattelschlepper kam er nach Klosters. Über neun Tonnen wiegt er. Nochmals acht Tonnen schwer ist sein Sockel. Der Aufbau des Marmor-«David» erfolgte unter Einsatz der grössten verfügbaren Kranwagen.
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Die Skulptur kam allerdings nicht von Florenz her, sondern aus Carrara mit den berühmten Steinbrüchen. Denn dieser «David» ist nicht der «David». Er ist eine originalgetreue Kopie des über fünf Meter hohen Bibelhelden von Michelangelo. Wer das Original des berühmten Renaissance-Künstlers sehen will, muss nach wie vor in die Hauptstadt der Toskana pilgern.
Dort steht es in der Galleria dell’Accademia unter einer Lichtkuppel. Dies seit 1873, als der «David» umquartiert wurde. Zuvor posierte er über dreieinhalb Jahrhunderte unter freiem Himmel auf der Piazza della Signoria. Heute gilt es, seinen kostbaren Körper vor Witterung und Verfall zu bewahren. Ja, auch der ewig Jugendliche altert. Die Luftverschmutzung setzt dem porösen Marmorgestein zu. Jetzt steht ein Doppelgänger auf dem Platz vor dem Palazzo Vecchio.
Was aber soll nun der neue Doppelgänger von «David» in den Schweizer Alpen? Völlig abwegig ist die Idee des Schweizer Bildhauers Christian Bolt nicht. Immerhin ist David in der Bibel ein Hirtenjunge, sozusagen ein Kollege von Heidis Geissenpeter.
Bolt hat die Kopie vor einiger Zeit in der grossen Werkhalle von Carrara entdeckt. Er arbeitet seit Jahren mit dem dortigen Bildhaueratelier Studi d’Arte Cave Michelangelo zusammen. Entstanden war die Kopie nicht etwa als Auftragsarbeit, sondern aus reiner Leidenschaft des Besitzers der Marmorbrüche in Carrara. Der verwendete Marmor ist derselbe wie jener, aus dem auch von 1501 bis 1504 das Original in Florenz gehauen wurde.
Schon die Qualität und die Dimension des Marmors allein stellten eine Sensation dar, sagt Bolt. Auch wenn es in Carrara fast endlose Ressourcen gebe, komme es nicht jeden Tag vor, dass ein hochwertiger Marmorblock in dieser Grösse aus dem Berg gewonnen werden könne. Die Realisation der Skulptur schliesslich sei das Zusammenspiel von klassischem Handwerk und modernster Technik gewesen.
Erst wurden die digitalisiert erfassten Daten des Michelangelo-«David» mit einem Roboter in den Marmor gefräst. Auf diese Weise entstand ein Rohling. Die schwierigen Partien der Form wie die Innenseite der Hand, die Augenhöhlen, Nasen- und Ohrmuscheln sowie andere Stellen, wo der Roboter nicht hinkommt, wurden von Hand ausgeführt. Danach musste auch die gesamte Oberfläche überarbeitet werden.
Michelangelo selber standen höchstens ein paar Gehilfen zur Verfügung, als er die erste Kolossalstatue seit der Antike schuf. Er errichtete um den äusserst zerbrechlichen Marmorblock, an dem sich bereits zwei Künstler erfolglos versucht hatten, einen Bretterverschlag als Sichtschutz. Fast drei Jahre lang arbeitete er an seinem Werk, das während dieser Zeit kaum jemand zu Gesicht bekam. Damit inszenierte Michelangelo die Rettung des bereits aufgegebenen Carrara-Blocks als Geniestreich.

Patrick Heusser / Atelier Bolt
Der «David» in Klosters markiert nun den Auftakt zu einem Kulturprojekt mit Kooperationen zwischen der ETH Zürich und italienischen Fachleuten im Bereich der Kunstforschung sowie Meisterklassen im Atelier Bolt.
«David» also als Kulturbotschafter: Diese Funktion erfüllen seine Kopien in der ganzen Welt – in Städten Nordamerikas und Australiens ebenso wie in Argentinien und Mexiko und selbst in Indien und Südkorea. In Florenz selber wird der «David», ob Original oder Kopie, jährlich von gegen zwei Millionen Menschen bestaunt.
Dass der schöne Bibelheld viele Zwillinge hat, liegt in seiner Natur. Die florentinische Renaissance-Statue ist das meistkopierte plastische Kunstwerk der Welt. Allein in Florenz stösst man überall auf Kopien. Neben dem Doppelgänger auf der Piazza della Signoria gibt es auch einen Klon in Bronze auf dem Piazzale Michelangelo hoch über Florenz.
Überdies existieren Abermillionen von Souvenir-Kopien in Form von Kleinskulpturen. Und an den Souvenirständen in ganz Italien finden sich bedruckte Küchenschürzen mit dem Körper von «David» und selbst Unterhosen mit dessen Gemächt.
Wäre Michelangelos «David» aber so berühmt ohne all seine kopierten Brüder? Vor der Zeit moderner Reproduktionstechniken konnten Kunstwerke allein durch das Handwerk des Kopierens verbreitet werden. Diese Rolle übernahmen meistens Künstler. Sie zeichneten in den Museen und Sammlungen nach dem Original. So entstanden die ersten Kopien, oft Meisterwerke von eigener Art.
Kopien tun dem Original keinen Abbruch. Und gerade heute mit den unendlichen Möglichkeiten der Vervielfältigung gewinnt die Aura des Ursprünglichen an Strahlkraft. Derweil stellt künstliche Intelligenz zusehends eine Bedrohung für die menschliche Autorschaft dar, wie sie Michelangelo in genialischer Weise verkörperte. Sie zu verteidigen, könnte eine Aufgabe werden fast vergleichbar mit dem Kampf Davids gegen Goliath.
Der «David» ist sexy und trendy wie eh und je. In Zeiten von Selbstoptimierung und Selfie-Manie kommt er vor allem auch bei einer jüngeren Generation gut an. Über 50 Prozent der Besucher, die in der Galleria dell’Accademia den originalen «David» sehen wollen, sind unter 25 Jahre alt (Schulklassen nicht mitgezählt). In seiner klassischen Kontrapost-Pose gibt er seit Jahrhunderten das perfekte Modell.
Nicht zuletzt schuf Michelangelo mit seinem Meisterwerk das ideale Menschenbild der Renaissance. Damals rückte der Mensch selbstbewusst in den Mittelpunkt des Universums: als kluger Geist im schönen Körper. Dieses Ideal machte Schule. Zahllos sind die Repliken für Studienzwecke an den Kunstakademien Europas.
Für die Studienkopie, die heute im Victoria & Albert Museum in London steht, wurde in gut britisch-züchtiger Manier eigens auch ein Feigenblatt geschaffen. Und dieses wurde jeweils im Schambereich der Skulptur angebracht, wenn etwa Königin Victoria im Gefolge feiner Damen einen Besuch abstattete.
Dabei ist Michelangelos «David» nicht einmal sehr üppig bestückt. Das allerdings hat seine Richtigkeit, denn sein Schöpfer orientierte sich an der Kunst der Antike. Bei den alten Griechen und Römern galten grosse Genitalien als hässlich. Kleine Penisse hingegen signalisierten, dass ihre Besitzer besonnene, rational denkende Männer sind, die ihre Triebe im Griff haben.
Vor rund 2400 Jahren beschrieb der Komödiendichter Aristophanes das antike Schönheitsideal so: «. . . eine glänzende Brust, helle Haut, breite Schultern, kräftige Pobacken und ein kleiner Schwanz». Genau so sieht Michelangelos «David» aus.
Dennoch aber war der «David» zu viel für die Expo in Dubai im Jahr 2020. Die Version für den italienischen Pavillon aus Kunstharz, die direkt aus dem 3-D-Drucker kam, musste aus Respekt vor der islamischen Kultur vom Hals abwärts verhüllt werden.
Ein Problem für Israel wiederum war der Israelit, als er 1995 anlässlich des 3000. Jahrestags der Eroberung Jerusalems durch König David von Florenz der Heiligen Stadt zum Geschenk hätte gemacht werden sollen. Religiösen Gruppierungen galt er als pornografisch. Überdies stiess man sich daran, dass der italienische «David» nicht beschnitten ist.
2023 musste in Florida eine Schulleiterin ihren Posten räumen, weil sie ihre Schüler in einer Lektion über die Renaissance angeblich Pornografie aussetzte: Sie zeigte ein Foto von Michelangelos marmornem Epheben.
In Klosters Platz wurde der «David» dieser Tage allerdings in seiner ganzen Blösse enthüllt. «Indem wir ihn in einen neuen Kontext und eine neue Landschaft versetzen, fragen wir, was von seiner ursprünglichen Aussagekraft bleibt – und was er uns heute vermitteln kann», sagt der Initiator Christian Bolt.
Was also kann er der Schweiz vermitteln? David steht für einen furchtlosen Helden. Mit entschlossenem, konzentriertem Gesichtsausdruck hat ihn Michelangelo dargestellt. Es ist der Moment vor dem Kampf, in dem er der biblischen Geschichte gemäss den physisch überlegenen Goliath besiegen wird.
In Florenz war David Sinnbild für die Unabhängigkeit der Bürger. Er symbolisierte die selbstbewusste und wehrhafte Republik, die 1494 durch einen Volksaufstand die Herrscherfamilie Medici aus der Stadt vertrieben hatte. Deswegen passt David wohl auch gut zur Schweiz: Er ist ein Held wie Wilhelm Tell – wehrhaft und mutig, nur schöner.
Ausstellungsdauer in Klosters bis 31. Oktober.