Viele Hunde bleiben ruhig, wenn sie umarmt werden. Doch das bedeutet nicht, dass es ihnen gefällt. Experten erklären, was hinter der Körpersprache Ihres Hundes steckt.
Stand: 04.07.2026, 20:00 Uhr

Viele Hunde bleiben ruhig, wenn sie umarmt werden. Doch das bedeutet nicht, dass es ihnen gefällt. Experten erklären, was hinter der Körpersprache Ihres Hundes steckt.
Wer seinen Hund umarmt, meint es gut. Keine Frage. Und viele Hunde bleiben dabei ruhig, schauen ihren Menschen geduldig an – und das wird oft als Zustimmung gewertet. Doch Hundetrainerin Joanne Hinds warnt: Diese Ruhe kann täuschen.
Hinds ist Hundetrainerin und zertifizierte Tierverhaltensforscherin beim Centre of Applied Pet Ethology (COAPE) – einer britischen Institution für angewandte Tierethologie. Gegenüber dem US-Magazin Newsweek erklärte sie: „Umarmen ist eine sehr menschliche Art, Liebe zu zeigen, aber für Hunde ist es keine natürliche oder angenehme Interaktion. Manche Hunde lernen, Umarmungen zu tolerieren, weil sie ihrem Besitzer vertrauen – aber Toleranz ist nicht dasselbe wie Freude.“ Das klingt ernüchternd, ist aber kein Grund zur Panik. Vielmehr ist es eine Einladung, unsere Vierbeiner ein bisschen besser zu verstehen.
Das eigentliche Problem liegt in der Biologie und Kommunikation von Hunden. Während Menschen sich umarmen, um Sicherheit und Nähe zu signalisieren, kennen Hunde dieses Verhalten untereinander so nicht. Körperlicher Druck von vorne oder der Seite – kombiniert mit dem Verlust der Bewegungsfreiheit – kann bei Hunden das Gegenteil von Geborgenheit auslösen. Hinzu kommt: Das Umschlingen des Körpers erinnert in der Hundesprache an ein dominantes Überlagern, was zusätzlichen Stress erzeugen kann.
„Eine Umarmung übt Druck auf den Körper des Hundes aus und kann die Möglichkeit einschränken, sich zu entfernen, wenn er sich lösen möchte“, erklärt Hinds. Für einen Hund, der nicht flüchten kann, ist das im schlimmsten Fall eine Stresssituation – auch wenn er seinen Menschen über alles liebt.
Dass das kein Einzelfall ist, belegen gleich zwei Studien: Der US-amerikanische Psychologe Stanley Coren wertete 250 Fotos aus sozialen Netzwerken aus, auf denen Menschen ihre Hunde umarmen – und erkannte bei 81,6 Prozent der Tiere Stressanzeichen. Eine weitere Untersuchung, veröffentlicht im Fachjournal Applied Animal Behaviour Science, analysierte 190 Videos und kam zu ähnlichen Ergebnissen: In 126 Fällen zeigten die Hunde deutliche Stresssignale. 68 Prozent drehten den Kopf weg, 81 Prozent blinzelten, 60 Prozent legten die Ohren an – klassische Beschwichtigungssignale, die von den meisten Besitzern schlicht übersehen wurden. Besonders sensibel reagieren laut Hinds:
Hunde sprechen ständig mit uns – nur eben nicht mit Worten. Wer die Körpersprache seines Hundes lesen kann, versteht, wann es ihm gut geht und wann er lieber Abstand hätte. Das erste und wichtigste Signal ist Erstarren: Der Hund hört auf, sich zu bewegen, wirkt wie eingefroren. Das ist kein Zeichen von Entspannung – es ist oft das Gegenteil. Weitere Warnsignale, die Halter unbedingt kennen sollten:
Hinds betont: Auch wenn ein Hund während einer Umarmung ruhig bleibt und nicht wegläuft, bedeutet das nicht, dass er sich wohlfühlt. „Hunde tolerieren Situationen oft und bleiben ruhig, bis die Interaktion endet. Dieser fehlende Widerstand sollte niemals als Garantie dafür angesehen werden, dass sich ein Hund wohlfühlt.“
Kinder sind oft diejenigen, die Hunde am engsten und häufigsten umarmen – ganz intuitiv, weil sie Zuneigung so ausdrücken wie bei Menschen oder Kuscheltieren. Doch genau hier liegt eine unterschätzte Gefahr. Denn während ein Hund vor einem Biss in der Regel Warnsignale zeigt – Knurren, Körperspannung, Erstarren –, können Kinder diese subtilen Zeichen meist nicht lesen. Das Risiko, dass das Tier sich bedrängt fühlt und reagiert, ist in dieser Konstellation am höchsten.
Hinds empfiehlt Familien daher, über körperliche Zuneigung hinauszudenken: „Kinder können wunderbare Beziehungen zu Hunden aufbauen, indem sie ihnen vorlesen, bei der Vorbereitung von Beschäftigungsspielen helfen, unter Aufsicht spielen und einfache Spiele wie Verstecken spielen.“
- Einen schlafenden, fressenden oder ruhenden Hund niemals stören
- Den Hund nicht in die Enge treiben oder festhalten
- Streicheln immer nur mit einer Hand – am besten an Schulter oder Brust
- Unbekannten Hunden nie über den Kopf streichen, beim eigenen Hund auf die individuelle Reaktion achten
- Die Reaktion des Hundes genau beobachten und respektieren
Was tun, wenn der Hund während einer Umarmung knurrt? Die Antwort ist eindeutig: die Interaktion sofort beenden – und das Knurren niemals bestrafen. „Knurren ist Kommunikation“, sagt Hinds. „Damit sagt ein Hund, dass er sich unwohl fühlt und möchte, dass sich die Situation ändert.“
Wer das Knurren seines Hundes bestraft, riskiert, dass das Tier dieses Warnsignal künftig unterdrückt. Der Hund lernt nicht, seine Gefühle offen zu zeigen – er lernt nur, sie zu unterdrücken. Das Ergebnis: Ein Tier, das ohne erkennbare Vorwarnung schnappt. Das ist gefährlich – vor allem für Kinder.
Die gute Nachricht: Es gibt viele Wege, einem Hund Zuneigung zu zeigen, bei denen er sich sicher und wohlfühlt. Der entscheidende Unterschied: Der Hund hat dabei die Wahl.
Alternativen zur Umarmung, die Hunde wirklich mögen:
Joanne Hinds empfiehlt eine pragmatische Methode, um herauszufinden, wie viel Nähe der eigene Vierbeiner gerade möchte – die sogenannte Drei-Sekunden-Regel: Streicheln Sie Ihren Hund etwa drei Sekunden lang sanft. Dann machen Sie eine Pause. Beobachten Sie: Kommt er näher, bittet er um mehr Aufmerksamkeit oder bleibt er entspannt? Dann möchte er wahrscheinlich weitermachen. Zieht er sich zurück, leckt er sich die Lefzen oder wendet er sich ab? Dann möchte er lieber seinen Freiraum.
„Das ist eine einfache Möglichkeit, Hunden die Wahl zu lassen“, sagt Hinds. „Zuneigung sollte ein Dialog sein, nicht etwas, das wir ihnen aufzwingen – unabhängig davon, wie wir uns dabei fühlen.“
Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis: Weil Hunde uns lieben, müssen sie Umarmungen mögen. Hinds sieht darin eines der größten Fehlurteile im Umgang mit Vierbeinern – befeuert durch soziale Medien, Werbung und süße Kurzvideos, die die subtile Körpersprache der Tiere schlicht nicht zeigen.
Die Wahrheit ist eine andere: Wer die Grenzen seines Hundes respektiert, baut kein distanzierteres Verhältnis auf – sondern ein tieferes. „Wenn er sich entfernen kann, wenn seine Signale respektiert werden und wenn Zuneigung auf eine Weise gezeigt wird, die ihm gefällt, wird die Beziehung sicherer und vertrauensvoller“, fasst Hinds zusammen.
Zuneigung, die sich für beide gut anfühlt – das ist doch eigentlich das Ziel. Und manchmal reicht dafür einfach ein ruhiger Moment nebeneinander auf dem Sofa.
Ein zertifizierter Hundetrainer oder ein Tierarzt Ihres Vertrauens kann helfen, das Verhalten Ihres Hundes richtig einzuordnen und gezielt an der Beziehung zu arbeiten.
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