Die Hitze lässt die Menschen in Baden-Württemberg spüren, wie sich der Klimawandel auswirkt. Experten sehen das Land schlecht darauf vorbereitet - und mahnen zur Eile.
Der Klima-Sachverständigenrat in Baden-Württemberg fordert wegen der Hitzewellen mehr Tempo bei Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel. "Ohne schnelle substanzielle Fortschritte beim Klimaschutz wird der Klimawandel Ausmaße annehmen, an die wir uns nicht mehr anpassen können", warnte Maike Schmidt, Vorsitzende des Expertenrats, im SWR. Sie reagierte damit auf die Klimabilanz des Statistischen Landesamts, wonach BW erstmals seit Jahren wieder mehr klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen hat. Damit rücken die Klimaziele der grün-schwarzen Koalition in immer weitere Ferne.
Der Klima-Sachverständigenrat, der die Landesregierung berät, hat zudem die klimawandelbedingten Veränderungen der Umwelt- und Lebensbedingungen im Land analysiert. Die Untersuchung liegt dem SWR vor. Demnach gibt es doppelt so viele Tage mit Hitzebelastung als noch 1950, auch die Zahl der warmen Nächte ist stark angestiegen. Dagegen sind die Tage mit Bodenfrost deutlich zurückgegangen: Gab es um das Jahr 1950 auf 45 Prozent der Landesfläche noch regelmäßig Frost, so ist es heute nur noch ein Prozent. Der Anstieg der Durchschnittstemperatur um 2,5 Prozent führt auch zu Veränderungen in der Natur: Die Haselblüte beginnt im Schnitt 40 Tage früher, Pflanzen haben um bis zu fünf Wochen längere Wachstumsphasen.
Schmidt forderte die grün-schwarze Landesregierung auf, schnell neue Prioritäten zu setzen. "Wir müssen hier dran arbeiten, den Klimaschutz, Klimawandelanpassung und Gesundheitsschutz zukünftig stärker zusammenzudenken, weil wir keine Zeit mehr haben. Wir merken ja jetzt schon, wie der Klimawandel auf uns wirkt." Bisher planten Grüne und CDU bis 2031 Pläne für die Anpassung an den Klimawandel vorzulegen. "Das ist viel zu lange. Wir müssen jetzt starten, hier in die Hitzeanpassung reinzugehen, um gerade die vulnerablen Gruppen zu schützen." Besonders betroffen seien ältere Menschen und Kinder. "Wir haben wenig Hitzeschutz heute in den Gebäuden, wir sind dem völlig schutzlos ausgeliefert, wenn wir Temperaturen bis zu 40 Grad haben und uns dann nachts nicht mehr erholen können."
Die Vorsitzende des Expertenrats verwies zudem darauf, dass mit den früheren Blühzeiten auch die Pollenbelastung für die Menschen stärker werde und länger andauere. "Gerade für Allergiker ist das ein großes Problem." Der Anstieg der Temperaturen führe auch dazu, "dass Schädlingsarten zu uns kommen, Krankheitserreger zu uns kommen, die wir vorher unter anderen Bedingungen nicht hatten". Die Schädlinge seien schon jetzt eine große Herausforderung für die Landwirtschaft. "Die Krankheitserreger auch für uns Menschen direkt."
Schmidt erklärte zudem, die Hitzebelastung habe auch negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. Eine Analyse der Versicherung Allianz habe vor kurzem ergeben, dass ab 30 Grad Lufttemperatur der Produktivitätsverlust bei drei Prozent pro zusätzlichem Grad liege. Deutschland drohten bis 2030 Verluste von bis zu 115 Milliarden Euro. "Effektiver Klimaschutz muss daher ins Zentrum der zukünftigen Politik der Landesregierung rücken, gerade um eine Wiederbelebung der Wirtschaft zu ermöglichen und nicht mittelfristig unsere Gesellschaft ihrer Leistungsfähigkeit zu berauben."
Nach Schätzungen des Statistischen Landesamts wurden im Jahr 2025 etwa 64 Millionen Tonnen freigesetzt - das waren 2,7 Millionen Tonnen mehr als im Vorjahr und damit ein Anstieg um 4,4 Prozent. Derzeit liege der Treibhausgas-Ausstoß rund 30 Prozent unter dem Referenzwert des Jahres 1990. Um das Klimaziel für 2030 erreichen zu können, müssten die Emissionen in den nächsten vier Jahren um die Hälfte reduziert werden. Das Klimaschutzgesetz sieht vor, dass der CO2-Ausstoß bis 2030 um mindestens 65 Prozent gesenkt werden muss. Bis 2040 soll Baden-Württemberg klimaneutral werden. Dann dürfte nur noch so viel CO2 ausgestoßen werden, wie auch wieder gebunden werden kann.
Haupttreiber des Emissionsanstiegs war die Energiewirtschaft. 2025 sind dort 22 Prozent mehr CO2 ausgestoßen als im Jahr zuvor. Dies liegt vor allem am verstärkten Einsatz von Steinkohle in der Stromerzeugung. Das BW-Umweltministerium mahnte ebenfalls mehr Anstrengungen beim Klimaschutz an, erklärte aber auch: Für 2026 zeichne sich eine bessere Klima-Entwicklung ab: "Der Einsatz von Kohle ist zuletzt um zehn Prozent gesunken, die Bereiche Solar und Windkraft haben deutlich zugelegt", so das Umweltministerium.
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