Immer wieder kommt es auf Fliessgewässern zu tragischen Unfällen, zuletzt musste auf der Reuss ein 5-jähriges Kind sein Leben lassen. Auch der Hochrhein birgt Gefahren, wie eine Fahrt mit der Thurgauer Seepolizei zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein zeigt. Dagegen helfen Verhaltensregeln, welche Drache Karl vermittelt.

Bild: Raphael Rohner
Freizeitkapitäne haben derzeit Hochkonjunktur. Während des derzeitigen Hitzesommers tummeln sich zur Abkühlung viele an und auf den Gewässern, so auch auf dem Hochrhein zwischen Stein am Rhein und Diessenhofen. Der Rheinabschnitt zwischen den Kantonen Thurgau und Schaffhausen sowie Baden-Württemberg gilt als schönste Stromfahrt Europas. Kaum überraschend also, dass sich an schönen Sommertagen unzählige auf oder als Schwimmer in den Fluss wagen.
Immer wieder ereignen sich auf Schweizer Fliessgewässern tragische Unfälle. So kürzlich auf der Reuss, als ein 5-jähriger Bub aus dem Gummiboot fiel und ertrank. Der letzte Unfall auf dem Hochrhein geschah im vergangenen Herbst. Damals kollidierte ein Weidling oberhalb von Diessenhofen mit einer Wiffe, woraufhin das Schiff zerbrach. «Durch die richtige Reaktion des Schiffsführers konnte eine Suchaktion verhindert werden», schrieb die Kantonspolizei Thurgau. 2019 starb ein Mann unweit davon nach der Kollision seines Gummibootes mit einer Wiffe.

Bild: zvg/Kantonspolizei Thurgau
«An den meisten Todesfällen ist nicht das Gewässer schuld», sagt Marcel Kuhn, seit mehreren Jahren Dienstchef bei der Thurgauer Seepolizei. Aus Kuhns Sicht führen grösstenteils gesundheitliche Gründe oder menschliche Unachtsamkeiten zu Unfällen, teils mit tragischem Ende, wie er sie schon mehrfach erleben musste. Einmal ertrank im Hochrhein ein 3-jähriges Kind, das er persönlich kannte. Ein anderes Mal musste er im Untersee als Taucher eine Leiche bergen. Klar, bewegen ihn solche Fälle emotional. Abschalten und ruhig schlafen konnte er aber immer, seit der in Mammern aufgewachsene Seebueb vor über 20 Jahren zur Seepolizei kam.

Bild: Raphael Rohner
An diesem Nachmittag bei gleissendem Sonnenschein auf dem Alufährboot mit dem liebevollen Namen Gropp führt die Fahrt vom St.Katharinental in Richtung Stein am Rhein. «Man weiss halt nie, was los ist auf dem Rhein», sagt Kuhn, während sich sein Kollege Richard Engel ans Steuer setzt und den «Gropp» mit 60-PS-Aussenbordermotor in Bewegung bringt. Mit dem derzeit niedrigen Wasserstand mutet der Hochrhein friedlich und ungefährlich an. Das kann bei leichtsinnigen Manövern aber schnell über die vielen Gefahren hinwegtäuschen.

Bild: Raphael Rohner
Diese sind nicht alle sichtbar, wie die Strömung oder Untiefen mit vereinzelten Felsbrocken. Die Schifffahrtszeichen oder andere Schiffe täuschen über die herrschende Idylle hinweg. Für Schwimmer und Freizeitkapitäne beruhigend: Wegen des Niedrigwassers verkehren auf diesem Rheinabschnitt derzeit keine Kursschiffe der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh).
Mit den sogenannten Wiffen kollidieren aber immer wieder Schiffe oder Gummiboote. Besonders gefährlich ist das Zusammenbinden von mehreren Gummibooten oder Stand-Up-Paddels, die bei einer Kollision zum Kentern führen, ehe die Sogwirkung ihre Kraft entfaltet und selbst gute Schwimmer unter Wasser ziehen kann. «Am besten bleibt man in Ufernähe und hält Abstand zu Wiffen, Schiffen und Brückenpfeilern», sagt Kuhn. Selbst Paddler sollten die Leinen vom Brett nicht am Körper befestigen. Von Vorteil seien Rettungswesten, auch wenn sie nur bei Motorbooten obligatorisch seien. Und selbst guten Schwimmern empfiehlt er eine Schwimmhilfe.

Bild: Raphael Rohner
Kursschiffe – wenn sie denn fahren – geniessen auf dem Rhein Vorrang und befahren stets die grüne Seite der Wiffen. Gummiböötler sollten nicht immer auf der weissen Seite fahren, jedoch stets genügend Abstand halten. «Wer nicht zu schnell fährt und sich an die Regeln hält, hat nichts zu befürchten», sagt Kuhn.
An diesem Nachmittag treibt es zwar einige Schiffe, Gummiboote, Bretter und Schwimmer am «Gropp» vorbei. Zu bemängeln haben die Seepolizisten nicht viel. Plötzlich aber fährt ein Schiffsführer mit seinem Motorboot zu schnell flussaufwärts. Kuhn steht auf, stemmt die Arme in die Hüften und pfeift. Der Fehlbare merkt es sofort und drosselt sein Tempo. «Die allermeisten verhalten sich richtig», sagt Kuhn und zeigt sich überrascht, dass trotz Feuerverbot niemand entlang des Ufers grilliert.
Probleme verursachten vor allem jene, die den Rhein nicht kennen oder zu viel Alkohol trinken. Gemäss internationalem Gesetz gilt auf dem Bodensee die Obergrenze von 0,8 Promille, egal, ob jemand mit einem Schiff oder einem Gummiboot unterwegs ist. Anders ist es auf allen anderen Schweizer Gewässern mit einer Obergrenze von 0,5 Promille. Kuhn empfiehlt aber, vor und während Fahrten auf dem Hochrhein den Genuss von Alkohol zu meiden.

Bild: Raphael Rohner
Die Fahrt führt unter den Hemishofer Brücken hindurch in Richtung Stein am Rhein, vorbei an der grossen Kiesbank Läui. Dort liessen die Behörden kürzlich Ablagerungen der Quaggamuschel ausbaggern. Der invasive Eindringling beschäftigt die Seepolizei bisher nicht so stark. Das könnte sich bei einer allfälligen Melde- und Reinigungspflicht ändern, wenn für Kontrollen auf Kuhn und seine Kollegen mehr Aufwand zukommen könnte.
So ruhig wie an diesem Nachmittag sei es auf dem Hochrhein selten, das schlage sich auch auf die Arbeit der Seepolizisten nieder. «Wir kontrollieren nur, wenn etwas auffällt», meint Kuhn und blickt stets mit seinen wachsamen Augen in die Weite. An ereignisreichen Tagen hat er zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein auch gut mal über 1000 Schwimmer und Freizeitkapitäne gezählt.
Dann erfordert die Arbeit noch mehr Konzentration, erst recht, wenn noch Kursschiffe dieselbe Strecke befahren. Die Mehrheit der Schwimmer und Freizeitkapitäne aber verhält sich gesittet, meint Kuhn und ergänzt: «Das ist auch für uns entspannend.» Ein Alarm bleibt aber stets nur einen Anruf von der Notrufzentrale entfernt. Zum Einsatzgebiet der Seepolizei gehören etwa auch die Thur oder kleinere Seen wie der Bichel- oder der Hüttwilersee. «Man weiss nie, was passiert. Das ist auch reizvoll», sagt er.

Bild: Raphael Rohner
Der Grund für die zuletzt ruhigen Wochen und Monate ohne tragische Zwischenfälle auf dem Rhein liegt auch in der Prävention der zuständigen Behörden. Die neueste Kampagne «Ufem Rhy» mit dem Drachen Karl sei ein Erfolgsmodell, meint Kuhn. «Wiffen küsst man nicht», heisst es dort etwa. Den Beweis für die Wirkung lieferten Klickzahlen und Videoviews. «Viele schreiben gar den Drachen direkt an und fragen vorbildlich nach, wie man sich auf dem Rhein verhalten soll», meint er. Das sei das Wichtigste für Schwimmer und Freizeitkapitäne auf dem Hochrhein. Mit Abstand, Respekt und Köpfchen bleibt der Ausflug ungefährlich, meint Kuhn und ergänzt: «Wer das befolgt, kann es voll und ganz geniessen.»
Prävention gegen Unfälle auf dem Rhein betreiben die Behörden der Hochrhein-Anrainer seit vielen Jahren. Mit der neuesten Kampagne «Ufem Rhy» erklärt der Drache Karl, wie man sich richtig und sicher verhalten soll:
- Immer in Ufernähe bleiben: Dort ist das Risiko durch Kursschiffe und Wiffen deutlich geringer.
- Abstand halten zu Wiffen, Schiffen und Brückenpfeilern: Kollisionen und Strömungswirbel können lebensgefährlich sein.
- Boote, SUPs und andere Schwimmkörper niemals zusammenbinden: Man wird manövrierunfähig und kann bei Kollisionen leicht kentern.
- Grüne Seite möglichst meiden: Dieser Platz gehört wegen Untiefen primär den Kursschiffen.
- Keine Leinen am SUP: Sie können sich unter Wasser verfangen und zur tödlichen Falle werden.
- Gut vorbereitet starten: Boot beschriften mit Namen/Telefon, paddel- und manövrierfähig bleiben, Schwimmweste tragen und Alkohol vermeiden.
Weitere Infos gibt's unter: www.ufemrhy.ch oder über Instagram (@ufemrhy ). (sko)
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