Papst Leo XIV. widmet seine erste Enzyklika den Risiken künstlicher Intelligenz und warnt vor autonomen Systemen ohne menschliche Verantwortung.
Papst Leo XIV. widmet seine erste Enzyklika den Risiken künstlicher Intelligenz und warnt vor autonomen Systemen ohne menschliche Verantwortung.
Es ist eine Botschaft, die aufhorchen lässt. Mit seiner ersten Enzyklika unter dem Titel „Magnifica Humanitas” hat Papst Leo XIV. nicht etwa ein klassisch geistliches Thema gewählt, sondern sich der vielleicht drängendsten Frage unserer Zeit zugewandt. Das vatikanische Lehrschreiben, das traditionell als Regierungserklärung eines neuen Pontifikats verstanden wird, beschäftigt sich auf mehr als hundert Seiten mit den Chancen und vor allem den Risiken Künstlicher Intelligenz.
Schon dass der Papst bei der Vorstellung im Vatikan persönlich anwesend war, was es in der jüngeren Kirchengeschichte noch nie gegeben hat, zeigt deutlich, welches Gewicht er diesem Thema beimisst.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Im Zentrum der Botschaft steht die Sorge, dass eine zunehmend von Maschinen geprägte Welt unmenschlich werden könnte, wenn man ihrer Entwicklung freien Lauf lässt. Leo XIV. spricht ausdrücklich von einer Wegscheide, vor der die Menschheit stehe, und besonders deutlich wird er, sobald es um den militärischen Einsatz autonomer Systeme geht.
Aus seiner Sicht darf niemals eine Maschine allein über Leben und Tod entscheiden, weshalb tödliche oder unumkehrbare Entschlüsse niemals an künstliche Systeme delegiert werden dürften. Künstliche Intelligenz, so seine Forderung, müsse entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden.
Auch die wachsende wirtschaftliche Machtkonzentration in den Händen weniger Tech-Konzerne kommt zur Sprache, ebenso wie die Gefahr durch täuschend echte Fälschungen und die prekären Arbeitsbedingungen jener Menschen, die im Verborgenen die Trainingsdaten für KI-Modelle aufbereiten.
Wer einen Moment innehält und das Tempo der vergangenen Jahre betrachtet, wird kaum bestreiten können, dass die Mahnungen aus Rom Substanz haben. Algorithmen entscheiden inzwischen darüber, wer einen Kredit erhält, welche Bewerbung überhaupt gelesen wird und welche medizinische Diagnose ein System für am wahrscheinlichsten hält. In jedem dieser Verfahren steckt eine stillschweigende Wertung darüber, was gemessen, ignoriert oder gewichtet wird, sodass die vermeintliche Neutralität der Technik in Wahrheit eine ganze Reihe menschlicher Vorannahmen transportiert.
Hinzu kommt, dass generative Systeme heute Bilder, Stimmen und Texte erzeugen können, die selbst geübte Beobachter kaum noch vom Original unterscheiden, was Wahrheit, Demokratie und das Vertrauen zwischen Menschen erheblich unter Druck setzt. Wenn dann noch militärische Anwendungen hinzukommen, bei denen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen fallen, wird verständlich, weshalb der Papst nicht nur Bedenken äußert, sondern verbindliche internationale Regeln einfordert.
Manchem mag es zunächst überraschend erscheinen, dass ausgerechnet das Oberhaupt der katholischen Kirche zu einem Technikthema das Wort ergreift. Doch bei näherem Hinsehen wird rasch klar, dass es Leo XIV. nicht in erster Linie um die Technik selbst geht, sondern um den Menschen, dessen Würde durch sie berührt wird. Eine Religion, die seit jeher die Frage stellt, was den Menschen zum Menschen macht, hat ein originäres Interesse daran, dass nicht eine Maschine diese Antwort gibt.
Hinzu kommt, dass Künstliche Intelligenz längst keine technische Spezialfrage mehr ist, sondern zu einer globalen Zukunftsfrage geworden ist, die nahezu alle Lebensbereiche durchdringt, von der Arbeit über die Bildung bis hin zur Kriegsführung. In einer Lage, in der wirtschaftliche Akteure auf Tempo drängen, während politische Regulierung oft nur mühsam hinterherkommt, kann eine moralische Stimme von internationalem Gewicht für ein notwendiges Innehalten sorgen.
Am Ende läuft die Enzyklika auf einen schlichten, aber wichtigen Gedanken hinaus, nämlich dass Technik niemals neutral ist, sondern immer das Ergebnis von Entscheidungen, die Menschen treffen, weshalb es auch Menschen sind, die für deren Folgen Verantwortung übernehmen müssen. Ob Sie nun als Nutzer einer Sprach-KI, als Beschäftigte in einem von Algorithmen organisierten Unternehmen oder einfach als mündige Bürgerin oder mündiger Bürger einer digitalen Gesellschaft unterwegs sind, die Botschaft richtet sich an alle. Wer den Fortschritt gestalten möchte, statt sich von ihm gestalten zu lassen, sollte den päpstlichen Weckruf zumindest als Anlass nehmen, die eigenen Erwartungen an diese Technologie zu schärfen und deren Einsatz im Alltag bewusster zu hinterfragen.
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