Der Angriff auf Julia Klöckner zeigt ein grundlegendes Problem: Nicht Technik, sondern Nutzer sind das Einfallstor für Spionage in Messenger-Diensten.
Der Angriff auf Julia Klöckner zeigt ein grundlegendes Problem: Nicht Technik, sondern Nutzer sind das Einfallstor für Spionage in Messenger-Diensten.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Der Fall ist kein Zufallstreffer. Seit Monaten läuft eine Phishing-Welle, vor der das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bereits im Februar gemeinsam gewarnt haben. Im Visier stehen Politiker, Militärs, Diplomaten und investigativ arbeitende Journalisten.
Das Perfide an der Masche: Signal selbst wird nicht gehackt. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bleibt unberührt, auch sonst gibt es keine technische Schwachstelle. Die Angreifer nutzen stattdessen ganz normale Sicherheitsfunktionen der App – und die Gutgläubigkeit ihrer Opfer. Fachleute sprechen von Social Engineering: Die Täter manipulieren Menschen, nicht Maschinen.
Gewarnt wird aktuell vor zwei Varianten der Kompromittierung:
In der ersten Variante schreiben die Cyberkriminellen ihr Ziel direkt über den Messenger an. Absender ist ein Konto namens "Signal Support" oder "Signal Security ChatBot". In dramatischem Ton wird vor einem angeblichen Sicherheitsvorfall gewarnt und zu sofortigem Handeln gedrängt.
Wer nun seine Sicherheits-PIN oder einen per SMS zugestellten Verifizierungscode preisgibt, überlässt den Angreifern faktisch das Konto. Diese registrieren es auf einem eigenen Gerät um. Das Opfer verliert dadurch den eigenen Zugang, und die Kontrolle über Kontaktliste und neue Nachrichten geht an den Angreifer über.
Für den Fall von Julia Klöckner ist vermutlich die zweite Variante einschlägig, vor der durch die Sicherheitsbehörden ebenso gewarnt wird: So erlaubt es Signal, ein Messenger-Konto auf einem zweiten Gerät mitzubenutzen, etwa einem Tablet. Dazu muss man lediglich einen QR-Code scannen, wie es zum Beispiel auch bei WhatsApp üblich ist, wenn man weitere Geräte registriert.
Genau diesen Mechanismus missbrauchen die Täter, indem sie unter einem glaubwürdigen Vorwand ihr Opfer dazu bringen, einen präparierten QR-Code zu scannen. Das Smartphone des Opfers funktioniert danach weiter völlig normal. Parallel aber liest ein fremdes Gerät live mit – samt Zugriff auf sämtliche Nachrichten der vergangenen 45 Tage. Dass bei Klöckner offenbar auch ältere Chats aus dem CDU-Präsidium betroffen sein sollen, passt zu diesem Muster.
Theoretisch können von einer solchen Messenger-Kompromittierung nicht nur hochrangige Politiker und Politikerinnen, sondern jeder betroffen sein. Die gute Nachricht dabei lautet aber: Mit wenigen Handgriffen senken Sie Ihr eigenes Risiko der Messenger-Kompromittierung deutlich. Antworten Sie grundsätzlich nicht auf vermeintliche Support-Nachrichten im Messenger. Weder Signal noch WhatsApp kontaktieren Nutzer direkt über einen Chat.
Geben Sie Ihre PIN niemals als Textnachricht ein – eine echte PIN-Abfrage zeigt die Zeichen ausschließlich verdeckt an, als Punkte oder Sternchen.
Aktivieren Sie in Signal unter "Einstellungen – Konto" die Registrierungssperre. Sie verhindert, dass Fremde Ihr Konto auf ein anderes Gerät umziehen. Scannen Sie QR-Codes nur dann, wenn Sie selbst gerade ein Gerät mit Signal verbinden möchten.
Werfen Sie regelmäßig einen Blick in die Liste Ihrer gekoppelten Geräte. Taucht dort ein Eintrag auf, den Sie nicht zuordnen können, entfernen Sie ihn sofort. Ein weiteres Warnsignal: Meldet Signal bei einem Kontakt eine geänderte Sicherheitsnummer, fragen Sie auf einem anderen Weg nach, ob die Änderung echt war.
Der Fall Klöckner dürfte kein Einzelfall bleiben. Man wird vielmehr sogar davon ausgehen können, dass zahlreiche Signal-Gruppen im parlamentarischen Raum derzeit unbemerkt ausgelesen werden. Offiziell ist von zahlreichen hochrangigen Betroffenen die Rede, bei einer deutlich höheren Dunkelziffer.
Das hat einen einfachen Grund: Die Opfer merken oft monatelang nicht, dass jemand in ihren vertraulichen Nachrichten mitliest. Die App meldet keinen Fehler, das Gerät läuft normal. Wer die eigenen gekoppelten Geräte nie kontrolliert, hat deshalb kaum eine Chance, den Lauschangriff zu entdecken. In Politik, Verwaltung und Behörden dürfte daher vermutlich in den kommenden Wochen noch manche unangenehme Entdeckung in Sachen Cybersicherheit anstehen. Und auch für Sie lohnt sich ein prüfender Blick in die Geräteliste Ihres Messengers – am besten heute noch.
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