Kriterien des Gemeindechecks des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) passen nach Einschätzung von Andreas Maldener nicht zu einer ländlichen Flächengemeinde. Er spricht über Herausforderungen und verrät, was die große Stärke seiner Kommune ist.
Tholey · Kriterien des Gemeindechecks des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) passen nach Einschätzung von Andreas Maldener nicht zu einer ländlichen Flächengemeinde. Er spricht über Herausforderungen und verrät, was die große Stärke seiner Kommune ist.
Wie gut ist meine Gemeinde versorgt? Eine Frage, die sich sicherlich schon so mancher Bürger gestellt hat. Deutschlandweit ist nun das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dieser Fragestellung nachgegangen. Herausgekommen ist dabei ein Ranking aller 10.817 Gemeinden (wir berichteten). Tholey wurde dabei schlecht bewertet und steht im Saarland auf dem letzten Platz.
Nach Angaben des IW wurden dabei 17 Indikatoren in fünf Bereichen untersucht: Digitales (Mobilfunkabdeckung, Breitbandverfügbarkeit), Gesundheit (Erreichbarkeit von Hausärzten, Krankenhäusern, Apotheken, Pflegeeinrichtungen), Mobilität (Qualität von Brücken, Schienenregionalverkehr, Anbindung an Autobahn und Flughafen), Freizeit (Erreichbarkeit von Schwimmbädern, Theatern, Museen) und Bildung (Erreichbarkeit von Grundschulen, weiterführenden Schulen, Gymnasien, Versorgung mit Kitas). „Die Erreichbarkeiten wurden auf Basis von 100-mal-100-Meter-Zellen des Zensus berechnet und zu einem Gesamtindex zusammengefügt“, heißt es in einer Pressemitteilung. Außerdem seien 5.455 Personen befragt worden.
Tholey laut Studie Schlusslicht im Saarland
Was das Saarland betrifft, zeichnet die Studie ein positives Bild: Die Versorgung in 23 der 52 Kommunen wird mit „sehr gut“ bewertet, in elf mit „gut“, in 13 mit „mittel“. Fünf Mal gibt es die Einteilung „schlecht“. Die Kategorie „sehr schlecht“ wurde im Saarland nicht vergeben. Im Landkreis St. Wendel schneiden die Gemeinde Nonnweiler und die Kreisstadt jeweils gut und somit am besten ab. Die Wertung „schlecht“ erhalten die Kommunen Namborn und Tholey. Wobei die Gemeinde Tholey im saarlandweiten Ranking den letzten Platz (7959) belegt.
Mit dieser Einstufung ist Bürgermeister Andreas Maldener (CDU) so gar nicht einverstanden. Er schreibt: „Die Gemeinde Tholey weist die Ergebnisse des aktuellen IW-Gemeindechecks entschieden zurück. Die dort vorgenommene Bewertung vermittelt aus Sicht der Gemeinde ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Versorgungsrealität im ländlichen Raum und insbesondere in der Gemeinde Tholey.“
Bürgermeister kritisiert Bewertungsmaßstäbe
Der Verwaltungschef kritisiert vor allem die methodische Herangehensweise der Studie. Die verwendeten Raster, Bewertungsmaßstäbe und Erreichbarkeitskriterien seien auf urbane Verdichtungsräume zugeschnitten und würden die Besonderheiten ländlicher Flächengemeinden systematisch benachteiligen. „Wer ländliche Gemeinden mit den Maßstäben von städtischen Räumen misst und Nähe zu diesen als maßgeblich ansieht, kommt zwangsläufig zu solchen verzerrten Ergebnissen“, sagt Maldener. Die Studie bewerte vor allem Dichte, kurze Wege und urbane Infrastrukturkonzentration – nicht aber die tatsächliche Lebenswirklichkeit und Versorgung der Menschen vor Ort.
Herausforderungen einer Flächengemeinde
Besonders kritisch bewertet die Gemeinde, dass die Studie starke Schwerpunkte auf die unmittelbare Nähe zu überregionalen Verbindungen im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), eng getakteten Verkehrsangeboten und zentralisierten Infrastrukturstandorten legt. Solche Kriterien könnten je nach geographischer Nähe von Ballungsräumen naturgemäß leichter erfüllt werden als in ländlichen Flächengemeinden. „Wir versorgen nicht einen kompakten Ortskern, sondern neun eigenständige Ortsteile mit unterschiedlichen Bedürfnissen“, betont der Bürgermeister. Darin liege die Herausforderung einer Flächengemeinde, aber auch ihre Stärke.
Vorzüge Tholeys
Maldener selbst attestiert seiner Kommune trotz ihrer ländlichen Struktur ein breites und funktionierendes Versorgungsangebot und listet unter anderem auf: fünf Hausarztpraxen, mehrere Facharztpraxen, vier klassische Nahversorger, zwei digitale Supermärkte, sechs Kindertagesstätten (vier gemeindeeigene, zwei der Kita gGmbH), zwei Grundschulen mit freiwilliger Ganztagsbetreuung und ein ehrenamtlich organisierter Bürgerbus. Apropos Ehrenamt. Darin sieht der Verwaltungschef eine der größten Stärken der Gemeinde. „Im ländlichen Raum entsteht Lebensqualität nicht allein durch Infrastrukturstatistiken, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen und ihre Heimat aktiv gestalten. Und genau die haben wir in unserer Heimat. Das macht mich unglaublich stolz. Leider bilden solchen Studien genau diese entscheidenden Faktoren viel zu selten ab“, sagt Maldener.
Maldener spricht von verzerrtem Bild ländlicher Kommunen
Der Bürgermeister verweist auf die Ansiedlung der Fricke-Gruppe im Industrie- und Gewerbegebiet BAB 1 bei Theley. Diese zeige, dass Unternehmen bewusst die Chancen ländlicher Standorte erkennen – etwa verfügbare Flächen, gute Verkehrsanbindungen im regionalen Kontext, engagierte Fachkräfte und eine hohe Standortqualität.
Maldener sieht die Gefahr, dass solche Studien das Bild ländlicher Regionen verzerren und bestehende Vorurteile verstärken. „Wir stehen zu den Herausforderungen des ländlichen Raums, zum Beispiel bei der Mobilfunkversorgung oder beim Ausbau von Glasfaseranschlüssen. Gleichzeitig lassen wir uns aber nicht auf einen pauschalen Negativbefund reduzieren, der die tatsächlichen Stärken, die hohe Lebensqualität, die wirtschaftliche Entwicklung und das enorme ehrenamtliche Engagement in unserer Gemeinde ausblendet“, betont der Verwaltungschef, der auch auf die gesellschaftliche Wirkung solcher Rankings verweist.
„Wer den Menschen im ländlichen Raum ständig vermittelt, sie lebten angeblich in den schlechtesten Gemeinden Deutschlands, obwohl ihr Alltag funktioniert und ihre Heimat lebenswert ist, stärkt am Ende vor allem antidemokratische Kräfte“, warnt Maldener. „Solche pauschalen Negativbilder sind Wasser auf die Mühlen derjenigen, die Vertrauen in Staat, Institutionen und gesellschaftlichen Zusammenhalt gezielt untergraben wollen.“