35.700 Baugenehmigungen sind 2025 verfallen. Die Zahl zeigt, warum Deutschlands Wohnungsbau trotz großer Nachfrage nicht vorankommt.
35.700 Baugenehmigungen sind 2025 verfallen, obwohl Deutschland dringend Wohnungen braucht. Das zeigt: Das Problem ist längst nicht nur Bürokratie, sondern fehlende Rentabilität.
Wer verstehen will, warum Deutschland seine Wohnungsprobleme nicht in den Griff bekommt, sollte sich eine Zahl ansehen. Das Statistische Bundesamt hat sie vor wenigen Tagen erstmals veröffentlicht, und sie sagt viel darüber aus, was gerade in der Bauwirtschaft völlig aus dem Ruder läuft: 35.700 lautet sie. Sie beschreibt, wie viele Baugenehmigungen im Jahr 2025 verfallen sind. Es ist der höchste Wert seit 2002. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl um fast ein Viertel. Gegenüber 2022 und 2023 sogar um rund 50 Prozent.
Und das ist völlig absurd. Denn Deutschland braucht Wohnungen. Hunderttausende. Die Politik weiß das. Politiker jeder Partei beklagen die Wohnungsnot bei jeder Gelegenheit. Gleichzeitig erschweren sie aber genau den Menschen und Unternehmen, die diese Wohnungen bauen sollen, ihr Geschäft so sehr, dass die bereits genehmigte Bauvorhaben liegen lassen, weil sie sich nicht lohnen. Darin liegt der fundamentale Widerspruch der deutschen Wohnungspolitik: Sie fordert mehr Neubau und verschlechtert zugleich die Bedingungen für Investoren.
Eine Baugenehmigung bekommt niemand zufällig. Bevor sie vorliegt, wurden Grundstücke gekauft, Architekten beauftragt, Finanzierungen vorbereitet, Gutachten erstellt und oft jahrelange Verfahren durchlaufen. Wenn eine Genehmigung am Ende verfällt, bedeutet das: Der Investor durfte bauen, am Ende wollte oder konnte es aber nicht mehr.
In der Zahl wird die eigentliche Krise am Bau sichtbar. Deutschland diskutiert ständig über zu wenige Genehmigungen und zu viel Bürokratie. Tatsächlich wurden 2025 aber wieder mehr Wohnungen genehmigt: 238.500 sind ein Plus von 10,8 Prozent. Doch gleichzeitig wurden nur noch 206.600 Wohnungen fertiggestellt. Das ist der niedrigste Wert seit 2012. Die Folge: Die Branche schleppt einen ständig steigenden Bauüberhang von 760.700 genehmigten, aber nicht fertiggestellten Wohnungen mit sich herum. Sie alle sind auf dem Weg, das Verfallsdatum zu erreichen. Investoren haben offenbar weniger ein Genehmigungsproblem, sondern eher ein Rentabilitätsproblem.
Schon die Ampel-Regierung war an diesem Problem gescheitert. Ihr Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr hat sie nie auch nur annähernd erreicht. Statt der versprochenen 400.000 entstanden zuletzt kaum mehr als die Hälfte davon. Die seit mehr als einem Jahr amtierende sozialdemokratische Bauministerin Verena Hubertz hat daraus ihre Schlüsse gezogen. Anders als ihre Vorgängerin vermeidet sie konkrete Neubauziele. In der Sendung von Markus Lanz sagte sie: „Als Unternehmerin weiß man: Man meißelt nicht eine Zahl in Stein, und dann läuft man vier Jahre hinterher.“ Und weiter: „Ich sage nicht, dass ich keine 400.000 Wohnungen schaffe.“ Am Ende blieb die Formulierung: „Wir bauen so viel, wie geht.“ Das klingt vernünftig. Es zeigt aber auch, wie groß die Skepsis inzwischen selbst in der Bundesregierung geworden ist. Niemand möchte sich mehr an einer Zahl messen lassen.
Stattdessen setzt Hubertz auf den sogenannten Bau-Turbo: „Die Einführung des § 246e Baugesetzbuch ist die Brechstange, die wir brauchen.“ Der neue Paragraf soll es Kommunen ermöglichen, unter bestimmten Voraussetzungen von bestehenden Bebauungsplänen und anderen planungsrechtlichen Vorgaben abzuweichen, um Wohnungsbau deutlich schneller zu genehmigen. Nur: Wenn eine Brechstange nötig ist, um Wohnungen zu bauen, dann stimmt etwas mit dem System nicht. Das System aber hat die Politik selbst geschaffen. Und es verhindert eben, dass sich der Wohnungsbau für die, die ihn ankurbeln könnten, lohnt.
Besonders deutlich wird das beim Mietrecht. Die Mietpreisbremse soll Mieter schützen. Politisch ist sie populär. Ökonomisch erzeugt sie jedoch einen Zielkonflikt. Wer heute ein Mehrfamilienhaus plant, kalkuliert mit Mieteinnahmen über Jahrzehnte. Werden diese Erträge immer stärker reguliert, sinkt die Attraktivität neuer Projekte.
Die Bundesregierung hat die Mietpreisbremse dennoch bis 2029 verlängert. Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen kritisiert das. Verbandspräsident Dirk Salewski sagte im Frühjahr: „Der Wohnungsbau bleibt in der Krise.“ Die Fertigstellungen lägen weit unter dem Bedarf. „Das Einzige, was also wirklich wächst, ist die Lücke.“
Noch deutlicher formulierte der Verband: „Bezahlbarer Wohnraum entsteht nicht durch Regulierung, sondern durch mehr Angebot.“ Damit spricht er einen Punkt an, den die Politik ungern hört. Jede zusätzliche Regulierung mag für sich genommen plausibel erscheinen. In der Summe aber wird sie zum Investitionshemmnis.
Ein anderes Beispiel ist die Grunderwerbsteuer. Je nach Bundesland liegt diese Steuer, die für die klammen Länder und Kommunen eine wichtige Einnahmequelle ist, mittlerweile bei bis zu 6,5 Prozent. Wer ein Grundstück für fünf Millionen Euro kauft, zahlt 325.000 Euro Steuer, noch bevor die erste Wohnung gebaut wird.
Hinzu kommt, was alle lautstark beklagen: gestiegene Baukosten, hohe Löhne, strengere Energieanforderungen, teure Finanzierung und immer neue Dokumentationspflichten. Salewski beklagt deshalb: „Mehr als ein Drittel der Baukosten sind staatliche Kosten durch Steuern und Abgaben.“ Von einer echten Abgabenbremse sei bislang nichts zu erkennen.
Noch gravierender ist der Vorschriften-Dschungel. In Deutschland existieren nicht nur Bundesvorschriften. Jedes Bundesland hat eigene Bauordnungen. Zusätzlich kommen kommunale Vorgaben hinzu: Stellplatzsatzungen, Lärmschutzauflagen, Fassadenvorschriften, Artenschutzgutachten, Brandschutzbestimmungen und lokale Bebauungspläne können Projekte um Jahre verzögern.
Investoren berichten immer wieder, dass identische Projekte in unterschiedlichen Städten völlig unterschiedlich behandelt werden. Was in einer Kommune innerhalb weniger Monate genehmigt wird, kann anderswo mehrere Jahre dauern. Die Spitzenorganisation der Immobilienwirtschaft sieht darin ein Kernproblem. ZIA-Präsidentin Iris Schöberl sagt zum Frühjahrsgutachten über die Lage auf dem Immobilienmarkt 2026: „Die wirtschaftliche Schwäche ist keine Delle, sie hat strukturelle Ursachen.“
Die Bundesregierung reagiert darauf mit Förderprogrammen. Hubertz verweist auf Milliardenhilfen für den sozialen Wohnungsbau und verspricht mehr Tempo. „Wir legen beim Bauen nach, nicht nur mit Worten, sondern vor allem mit viel Geld“, sagte sie im Bundestag und zeigte damit nur einmal mehr die Widersprüchlichkeit der Politik: Einerseits verteilt sie Milliarden an Fördermitteln. Andererseits hält sie an Regelungen fest, die Investitionen unattraktiver machen. Sie beklagt den Wohnungsmangel und verschärft zugleich die Eingriffe in den Wohnungsmarkt. Sie fordert mehr Bautätigkeit und erhöht gleichzeitig Kosten, Auflagen und Unsicherheit. Sie gibt gleichzeitig Gas und bremst.
Die 35.700 verfallenen Genehmigungen sind deshalb mehr als eine Zahl in der Statistik. Sie sind der sichtbar gewordene Widerspruch deutscher Wohnungspolitik. Sie zeigen, dass nicht der Wille zum Bauen fehlt. Es fehlt an Rahmenbedingungen, unter denen Bauen wirtschaftlich sinnvoll ist.
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