Seit 17 Jahren kümmert sich Burkhard Kieker darum, dass Menschen zum Urlaub oder zu Kongressen nach Berlin kommen. Im Juni ist Schluss für den Geschäftsführer von Visit Berlin. Wo steht die deutsche Hauptstadt in Sachen Tourismus?
Interview Burkhard Kieker von Visit Berlin "Liebe Berliner: Wartet schon mal auf die Inder"
Seit 17 Jahren kümmert sich Burkhard Kieker darum, dass Menschen zum Urlaub oder zu Kongressen nach Berlin kommen. Im Juni ist Schluss für den Geschäftsführer von "Visit Berlin". Was macht die deutsche Hauptstadt aus und wo steht sie gerade beim Thema Tourismus? Darüber spricht Burkhard Kieker im Interview.
rbb: Herr Kieker, viele Jahre ging es mit dem Tourismus in Berlin bergauf. Das ist vorbei, oder?
Burkhard Kieker: Ob es vorbei ist, wissen wir nicht. Jedenfalls machen wir gerade eine kleine Pause. Und es wird eine Menge Leute in der Stadt geben, denen das gefällt. Die vorher auch schon gesagt haben: Das ist ein bisschen zu viel, wo soll das noch hinführen?
Letztendlich ist die Attraktivität Berlins ungebrochen, wenn sie sich die wirtschaftlichen Bedingungen anschauen. Andere Städte haben ebenfalls Schwierigkeiten. Und klar, es wird an einem Städtetrip gespart, um den Sommerurlaub zu retten, wenn das Geld knapper wird.
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Berlin wird ein sehr schönes Comeback erleben.
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Burkhard Kieker, Chef von Visit Berlin
rbb: Die Besuchszahlen von vor Corona hat die Stadt bis heute nicht wieder erreicht. Zwischen 2024 und 2025 gingen die Zahlen bei Gästen und Übernachtungen zurück. Warum?
Kieker: Es liegt vor allen Dingen daran, dass wir zwei Flughäfen, die gut funktioniert haben, zusammengelegt haben: Tegel und Schönefeld zum BER. Und während Corona haben sich viele der sogenannten Point-to-Point-Fluggesellschaften wie easy Jet oder Ryanair aus Berlin zurückgezogen - nicht komplett, aber doch stark, weil der Flughafen einfach sehr teuer ist. Der hatte vor Corona 35 Millionen Passagiere, jetzt hat er noch 25. Das spricht, glaube ich, für sich.
Wenn man die innerdeutschen Touristen abzieht, fehlen uns ungefähr sechs Millionen europäische Gäste, die mit dem Flugzeug nach Berlin kommen. Viele weichen auf die Bahn aus - aus Deutschland, aus Dänemark und Holland. Aber ehrlich: Aus Madrid oder aus Palermo kommt keiner mit dem Zug zu uns.
rbb: Ryanair hat kürzlich noch einmal Verringerungen der Kapazitäten von und nach Berlin angekündigt.
Kieker: Den Ryanair-Rückzug werden wir vor allen Dingen im Weihnachtsgeschäft und auf den Weihnachtsmärkten merken – viele Menschen kommen schließlich auch wegen der Wintermagie nach Berlin geflogen. Wir versuchen gerade den Ausfall auszugleichen, indem wir mit anderen Airlines sprechen. Insgesamt bereitet mir die Entwicklung rund um den Flughafen aber Sorgen.
rbb: Ist Berlin als Stadt aber nicht auch einfach zu teuer geworden? Nicht nur für die Berlinerinnen und Berliner, sondern auch Reisende.
Kieker: Wir sind in den letzten sechs Jahren durch die Inflation und der steigenden Löhne 25 bis 30 Prozent teurer geworden. Im Vergleich mit London, Paris oder Rom ist ein verlängertes Wochenende in Berlin aber immer noch 50 bis 60 Prozent günstiger. Die Hotels kosten teilweise die Hälfte von dem, was sie in London bezahlen müssen.
rbb: Gefühlt sind auch die Preise in der Gastronomie ziemlich hochgegangen. Wie sehen Sie das?
Kieker: Die Gastronomie kämpft. Das merkt man teils auch daran, dass sie früher schließt. Wer abends aus dem Kino kommt, muss bereits vorbereitet haben, wo man noch anschließend etwas essen geht. Für die Gastronomie sind die Kosten teurer geworden; die Lebensmittel, die Löhne. Es ist weniger Geld da, oder zumindest fühlt sich das so an. Es lohnt sich einfach nicht mehr, eine dritte Schicht zu finanzieren.
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Ich glaube, dass wir sehr interessant sind für die Chinesen.
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Burkhard Kieker, Chef von Visit Berlin
rbb: Gibt es Länder, in denen wir gerade interessanter werden?
Kieker: Ja, ich glaube, dass wir sehr interessant sind für die Chinesen. Die dortige Regierung möchte ja auch, dass die Chinesen reisen und Geld ausgeben. Wir arbeiten deshalb auch seit vielen Jahren an diesem Markt. Sehr wichtig ist, dass wir hier einen Flug nach Peking haben, einer unserer wenigen Interkontinentalflüge am BER.
Dasselbe gilt aber auch für Indien. Indien ist ein Riesenmarkt. 120 Millionen Menschen leben in der Mittelschicht; das sind also Menschen, die in der Lage sind, sich einen Interkontinentalflug mit zwei Kindern zu leisten. Also liebe Berliner: Wartet schon mal auf die Inder.
rbb: Will Berlin heute andere Touristen ansprechen, als vor 17 Jahren, also als Sie ihren Job begannen?
Kieker: Nein. Ich glaube, der Mix macht es.
Viele sagen, dass die vielen Schulklassen in der Stadt nerven. Die würden Lärm machen oder im Weg stehen. Da sage ich immer: Nein, das sind die Besucher von morgen. Das sind die Menschen, die dann auch mit mehr Geld wieder zurückkommen.
Natürlich haben wir ein Interesse an Menschen, die auch mal in der Lage sind, in ein Restaurant zu gehen oder sich ein Theaterticket zu kaufen. Das ist übrigens auch die größte Gruppe: Über 60 Prozent unserer Besucher sind "kulturelle Entdecker" - so nennen wir sie.
Aber es gibt auch das "Easy-Jet-Set" - also: Reinfliegen nach Berlin und das ganze Wochenende durchtanzen - ja das gibt es. Aber es war nie mehr als zehn, zwölf Prozent.
rbb: Aber es gibt ja durchaus Viertel in der Stadt, in denen die Bewohner gar nicht möchten, dass noch mehr Touristen kommen. Wie nehmen Sie das wahr?
Kieker: Na ja, da muss man aber dann schon genau hinsehen. Zum Beispiel die Admiralbrücke in Kreuzberg. Dort sitzen immer Menschen, nachts wird dann noch Gitarre gespielt, manche können deshalb nicht richtig schlafen.
Wir haben das aber mal untersucht, also haben ein ganzes Wochenende lang alle gefragt: 'Wo kommst du her? Weswegen bist du hier?' Das Ergebnis: 70 Prozent waren Berliner und Brandenburger, nur 30 Prozent der Leute aus den USA, die etwas über den Ort im Lonely Planet gelesen hatten.
Aber an uns wird auch gezerrt: Die einen sagen, bring mehr davon, wir leben davon. Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor dieser Stadt. Auf der anderen Seite sagen sie: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Ich hätte hier gerne einen Luftkurort. Da sage ich: Da bist du in der deutschen Hauptstadt falsch.
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Mein persönlicher Wunsch wäre, dass wir uns für Olympia und die Expo bewerben und beides gewinnen.
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Burkhard Kieker, Chef von Visit Berlin
rbb: Sollte Berlin sich für Olympia oder lieber für die Expo bewerben?
Kieker: Mein persönlicher Wunsch wäre, dass wir uns für beides bewerben und beides gewinnen. Ich glaube, wir können beides.
Ich weiß, das ist eine heiße Diskussion. Ich mache mir auch wieder Feinde, wenn ich das sage. Aber für die Expo, glaube ich, haben wir sehr gute Chancen. Die Expo wäre auch ein Testlauf für den Empfang der Welt. Ich hatte mir die Expo 2025 in Osaka anschauen dürfen. Als ich da war, gab es super interessante Ausstellungen aus der ganzen Welt. Da waren teils 320.000 Menschen am Tag da.
Ich glaube, dass Berlin etwas braucht, worauf wir uns einigen. Ein gemeinsames Ziel, wo wir alle sagen: 'Das wollen wir.' Und da ist die Expo als Vorläuferveranstaltung für Olympia hervorragend geeignet.
rbb: Demnächst hören Sie auf bei Visit Berlin. Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mehr um den Tourismus kümmern – selbst durch die Welt reisen?
Kieker: Ich bin genug durch die Welt gereist. In der Uckermark habe ich einen kleinen Biohof, mit einer biologisch-dynamischen Rinderzucht, die ich mit der Zeit ein bisschen vernachlässigt habe. Da gibt es eine Menge Zäune zu reparieren. Also eine ganz typische Rentnervorstellung.
Allerdings werde ich kein normaler Rentner sein, denn wir haben ja noch die 'Berlin Freedom Week' und die 'Berlin Freedom Conference' gegründet. Das passt zu unserer Stadt der Freiheit. Und da laden wir die Freiheitskämpfer aus aller Welt ein, die jetzt in diesem Moment den Kopf hinhalten – für Freiheit und gegen Autokratie. Das war im vergangenen Jahr ein großer Erfolg und ich darf das als Direktor weiter organisieren. Darüber freue ich mich total.
rbb: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Henning Wächter.
Sendung: rbb24 Inforadio, 23.05.2026, 17:05 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 23.05.2026, Henning Wächter im Gespräch mit Burkhard Kieker
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