Von der Champions League bis zur Kreisliga: Fünf Jahre lang erkundete der italienische Autor Damiano Benzoni den Berliner Fußball. Im Interview erklärt er, warum Berlin für ihn keine echte Derby-Stadt ist und weshalb er den Berliner Fußball trotzdem vermisst.
Interview Italiener über Fußballkultur in Berlin "Ein Berliner wurde ich erst, als ich Fußballspiele besuchte"
Derby-Mangel in Berlin? Eine Stadt mit so vielen Vereinen müsste voller großer Rivalitäten sein. Der italienische Journalist Damiano Benzoni kommt zu einem anderen Schluss und hat daraus gleich ein Buch gemacht. Wieviele Fußball-Spiele er dafür in Berlin besucht hat - und was für ihn den typischen Berliner Stadionbesucher ausmacht, erzählt er im Interview.
rbb|24: Für Ihre Recherchen haben Sie zahlreche Berliner Stadien und Fußballplätze besucht. Wo gibt es die beste Bratwurst?
Damiano Benzoni: Das Volksparkstadion in Mariendorf hatte ein ziemlich gutes Angebot, auch wenn es mir schwerfällt, die eine Bratwurst zu nennen. Aber Mariendorf kommt mir als erstes in den Sinn: der Grill, der pausenlos in Betrieb war, der Qualm über den Tribünen, der Geruch der Würstchen.
Damiano Benzoni (41) ist ein italienischer Journalist und Autor und lebt mit seiner Familie in Como (Lombardei). Zwischen 2019 und 2024 arbeitete er als Sportjournalist in Berlin. In dieser Zeit recherchierte er auch für sein Buch "The Derbyless City – An Emotional Map of Berlin Football" (frei übersetzt: Die Stadt ohne Derby – eine emotionale Vermessung des Berliner Fußballs), das im September erscheinen wird.
rbb|24: Wie viele Spiele haben Sie für Ihre Recherche besucht?
Benzoni: Es waren 90, und zwar über alle Ligen und Wettbewerbe hinweg. Ich war im Olympiastadion, als Union Berlin Champions-League gespielt hat, bei Kreisliga-C-Spielen, aber auch bei Spielen von Frauenteams und der Freizeitliga.
rbb|24: Was kennzeichnet den Berliner Stadionbesucher?
Benzoni: Man findet auch in den untersten Ligen überaus leidenschaftliche Fans. Ich finde es toll, dass es einige Fanlager gibt – Tasmania und Polar Pinguin beispielsweise – die einen sehr ironischen Ansatz bei ihrer Unterstützung haben. Sie nehmen sich selbst nicht zu ernst, was durch ihre Gesänge deutlich wird. Gleichzeitig sind sie sehr engagiert und verschaffen sich Gehör - selbst wenn es sich nur um kleine Gruppen handelt.
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West-Berlin war umschlossen von einem anderen politischen System. Dadurch entgingen der Stadt wirtschaftliche, finanzielle Ressourcen. Reiche Vereine konnten so nicht entstehen.
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Damiano Benzoni über die Berliner Titellosigkeit
rbb|24: Trotzdem lautet Ihre These, dass es kein Fußball-Derby in Berlin gibt. Das müssen Sie erklären.
Benzoni: Da ist natürlich auch ein bisschen Provokation dabei. Eine Stadt mit so vielen Vereinen scheint geradezu für Derbys geschaffen. Aber wenn man sich die potenziell bedeutendsten Paarungen anschaut: Herthas Profiteam und der BFC Dynamo haben nie wirklich auf Wettbewerbsebene gegeneinander gespielt, natürlich wegen der Mauergeschichte. Hertha und Union Berlin haben nur eine Handvoll an Spielen gegeneinander ausgetragen, ich glaube, es waren 14 offizielle Partien. Das reicht nicht für eine gewachsene Rivalität. Und was Union und BFC Dynamo angeht....
rbb|24: ...bei denen die Fans behaupten würden, eine der tiefsten Rivalitäten im deutschen Fußball zu pflegen...
Benzoni: Auch diese Vereine haben schon seit Jahren nicht mehr gegeneinander gespielt. Es ist eine alte Gegnerschaft. Rivalitäten gibt es natürlich, gerade bei Hertha und Union versuchen sie, diese neu zu etablieren. Ich glaube aber: Wenn man sich Berlin aus Perspektive einer fehlenden Fußball-Rivalität anschaut, dann versteht man viel mehr über die Stadt und auch ihren Fußball.
rbb|24: Folgen wir Ihrer These: Was lernen wir dadurch, dass ein großes, bleibendes Derby nicht zustande kam?
Benzoni: Das unterstreicht die Instabilität der Stadt. Sie ist ständig im Wandel, sie träumt groß, baut Luftschlösser, um früher oder später auf dem harten Boden der Tatsachen zu landen. Das meine ich nicht negativ, denn diese Eigenschaft finde ich auch liebenswert. Und besonders den Fußball habe ich lieben gelernt.
rbb|24: Wenn man die Abo-Meisterschaft des BFC Dynamo in der DDR ausklammert, liegt der letzte gesamtdeutsche Meistertitel eines Berliner Vereins weit zurück und datiert auf 1931. Inwieweit hängt die Teilung der Stadt damit zusammen?
Benzoni: Wenn man sich die Geschichte Berlins anschaut, war die Stadt immer schon außergewöhnlich und instabil. Die Teilung hat das natürlich verstärkt. West-Berlin war umschlossen von einem anderen politischen System. Dadurch entgingen der Stadt wirtschaftliche, finanzielle Ressourcen. Reiche Vereine konnten so nicht entstehen. Die logistischen Herausforderungen kamen noch hinzu. Teilweise wurden auch verbotene Mittel wie Schwarzgeld eingesetzt, wenn wir etwa an Hertha denken. (Anm. d. Red.: Um Spieler in die Stadt zu locken, zahlte Hertha illegal erhöhte Handgelder und Gehälter, die das festgelegte Limit überschritten. 1965 flogen sie dabei auf und wurden vom DFB-Sportgericht zum Zwangsabstieg in die Regionalliga verurteilt).
rbb|24: Als Anhänger der AS Rom haben Sie den Berlinern in Sachen Fußball-Rivalität sicher manches zu berichten. Was wäre in Rom los, wenn es kein Derby mehr geben würde, weil entweder Lazio oder AS absteigt?
Benzoni: Das wäre seltsam. Fans des abgestiegenen Teams müssten sich in der Stadt mindestens ein Jahr lang Scherze und Sticheleien anhören. In Italien denken manche beim Begriff "Derby" an Ausschreitungen im Stadion. Ich glaube: Das Derby in Rom ist das, was passiert, wenn man seinen morgendlichen Espresso in einer Bar trinkt. Wenn der Barkeeper das andere Team unterstützt, beginnen die Neckereien.
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Ich weiß, dass ich an einigen Orten nun herzlich empfangen werde, sobald ich dort einen Fuß hinsetze. Dieses Gefühl der Gemeinschaft ist unglaublich.
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Damiano Benzoni über Berliner Fußball
rbb|24: Was unterscheidet die Berliner Fankultur von der in Ihrer Heimat?
Benzoni: Fußball in Berlin und in ganz Deutschland ist tief in der Vereinskultur verwurzelt. Diesen Anteil des Vereinswesens hat Italien gar nicht. Beim deutschen Fan gilt: "Stadion first, TV second". Das Verständnis für den Fußball kreist um das gemeinsame Stadionerlebnis, während der italienische Fußballfan eher ein fernsehgeprägter Fan ist. Bedeutsam ist auch, dass viele Fans in Deutschland Mitglieder in ihrem Lieblingsverein sind, das bedeutet, dass sie Mitspracherecht haben und dieses auch einfordern. In Italien ist der Fan eher ein Konsument. Spannend waren auch die Tennisball-Proteste...
rbb|24: ...als Fußballfans in deutschen Arenen wie dem Olympiastadion und der Alten Försterei Tennisbälle auf den Platz warfen, um gegen den Einstieg eines Investors in die Bundesliga zu protestieren.
Benzoni: Eine solche Protestaktion kann ich mir in Italien schwer vorstellen. Vielleicht, weil das Bewusstsein dafür, dass die eigene Stimme tatsächlich zählt, nicht so ausgeprägt ist wie in Deutschland.
rbb|24: Sie wohnen nun wieder in Ihrer Heimat Como. Was vermissen Sie am Fußball in der Hauptstadt am meisten?
Benzoni: Ich vermisse den Sinn für Gemeinschaft. Im Berliner Fußball kannst du deine Community finden. Wenn du aus dem Ausland kommst, ist es nicht immer einfach, sich in Berlin zurechtzufinden. Ein Berliner wurde ich selbst erst, als ich begann, regelmäßig Fußballspiele zu besuchen und mich mit Leuten dort über die Geschichte ihres Vereins zu unterhalten. Von da an wurde ich erkannt, auch in anderen Stadien oder Sportplätzen. Ich weiß, dass ich an einigen Orten nun herzlich empfangen werde, sobald ich dort einen Fuß hinsetze. Dieses Gefühl der Gemeinschaft ist unglaublich.
Vielen Dank für Das Gespräch!
Beim Text handelt es sich um eine gekürzte, redigierte Fassung des Interviews.
Sendung: rbb|24, 13.08.2026, 16:25 Uhr
Audio: rbb|24, 13.08.2026, Shea Westhoff im Gespräch mit Damiano Benzoni
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