Zwei Konzerte, zwei Welten: Nach der großen Hits-Show am Samstag in der Waldbühne spielen die Pet Shop Boys am Sonntag im Huxleys viele Raritäten, B-Seiten und unveröffentlichte Songs. Ein gewagtes Konzept – das überraschend gut aufgeht.
Konzert Pet Shop Boys in Berlin Ausgerechnet die B-Seiten entfalten den größeren Zauber
Von Ortwin Bader-Iskraut
Wer am Wochenende beide Berlin-Konzerte der Pet Shop Boys besucht hat, konnte fast meinen, zwei verschiedene Bands erlebt zu haben. Am Samstag stehen Neil Tennant und Chris Lowe in der Waldbühne vor einem minimalistischen Bühnenbild, das eher an eine Kunstinstallation erinnert als an eine Popshow. Zwei abstrakte, laternenartige Metallgebilde rahmen die beiden Musiker ein, die sich wie gewohnt kaum bewegen.
Einen Tag später wirkt im Huxleys plötzlich alles kleiner, dunkler und unmittelbarer. Vier überdimensionierte Diskokugeln drehen sich über der Tanzfläche, statt Sitzplätzen gibt es einen voll besetzten Club und statt der größten Hits ausschließlich B-Seiten, Fanlieblinge und unveröffentlichtes Material.
Das Wagnis eines Konzerts ohne Hits
Eigentlich klingt die Idee absurd. Die Pet Shop Boys verfügen über einen der größten Hitkataloge der Popgeschichte. "West End Girls", "It's a Sin", "Go West", "Suburbia" oder "Always on My Mind" hätten mühelos mehrere Konzertabende füllen können. Stattdessen verzichten sie bei ihrer "Obskur"-Show fast vollständig auf diese Songs.
Neil Tennant spricht den offensichtlichen Elefanten im Raum gleich selbst an. Das sei eben nicht die "Greatest Hits Live"-Tour, sondern die "Not Greatest Hits Live"-Tour. Der Witz funktioniert und erstaunlicherweise funktioniert auch das Konzept.
Anfangs tanzt das Publikum noch erstaunlich wenig. Stattdessen wird aufmerksam zugehört. Fast wirkt es, als müssten viele Fans zunächst begreifen, dass sie manche dieser Stücke vermutlich zum ersten Mal und vielleicht nie wieder live hören werden. Erst nach und nach löst sich diese Konzentration in Begeisterung auf.
Club statt Performancekunst
Gerade im direkten Vergleich zur Waldbühne zeigt sich, wie unterschiedlich beide Abende angelegt sind. Während draußen große LED-Flächen und die weite Open-Air-Bühne dominieren, setzt das Huxleys auf das Gegenteil: klassische Scheinwerfer, Nebel und eine echte Liveband mit Schlagzeug und Keyboards. Plötzlich wirken die Pet Shop Boys weniger wie ein kunstvoll inszeniertes Popprojekt und mehr wie eine Clubband.
Dabei bleibt Neil Tennant genau der zurückhaltende Frontmann, der er seit Jahrzehnten ist. Im Anzug, mit Brille und nahezu regungslos steht der 72-Jährige auf der Bühne. Seine Stimme dagegen hat erstaunlich wenig von ihrer Klarheit verloren. Noch immer legt sie sich mit dieser leicht melancholischen Selbstverständlichkeit über die elektronischen Beats. Gerade der Kontrast zwischen seiner stoischen Erscheinung und der deutlich jüngeren, energiegeladenen Begleitband verleiht dem Abend seinen besonderen Reiz.
Überraschungen statt Nostalgie
Erstaunlich ist vor allem, dass die selten gespielten Songs nie wie bloßes Bonusmaterial wirken. Das Konzert fühlt sich vielmehr wie eine eigene, schlüssige Dramaturgie an.
Zu den Höhepunkten gehört das Mashup aus "One in a Million" und der Culture-Beat-Version von "Mr. Vain". Plötzlich zieht der gesamte Saal mit, viele Fans singen selbst diese Raritäten erstaunlich textsicher mit. Auch das Livedebüt von "The Resurrectionist" bleibt in Erinnerung. Vor dem Song erzählt Tennant zunächst von sogenannten "Resurrectionists", Menschen, die einst in Großbritannien Leichen ausgruben, um sie an die Wissenschaft zu verkaufen. Spätestens in diesem Moment wird klar, dass der Konzerttitel "Obskur" durchaus wörtlich zu verstehen ist.
Überhaupt entsteht nie der Eindruck, die Band ruhe sich auf ihrer Vergangenheit aus. Im Gegenteil: Das Konzert endet konsequenterweise nicht mit einem Klassiker, sondern mit einem unveröffentlichten Song, den viele im Publikum trotzdem bereits mitsingen können.
Gerade darin liegt vielleicht die größte Überraschung dieses Wochenendes. Die Waldbühne zeigt eindrucksvoll, warum die Pet Shop Boys seit vier Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Elektropop-Bands der Welt gehören. Das Huxleys dagegen zeigt, warum ihre treuesten Fans ihnen auch nach all den Jahren noch überallhin folgen.
Sendung: rbb24 Inforadio, 13.07.2026, 7:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 13.07.2026, Angela Ulrich im Gespräch mit Ortwin Bader-Iskraut
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