Star-Pianistin Hania Rani hat in der Berliner Philharmonie ihr einziges Deutschlandkonzert gespielt - mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.
Konzertkritik | Hania Rani in der Philharmonie Neoklassik zwischen Licht und Schatten
Von Kai Salander
Alle Lichter sind erloschen, im großen Saal der Berliner Philharmonie ist lediglich ein Spotlight auf Hania Rani gerichtet. Sie spielt vom Notenblatt. Die 35-Jährige, im glänzenden schwarzen Anzug, lässt sich komplett in den Klang fallen, mit vollem Körpereinsatz. Sie sitzt vornübergebeugt, Blick nach unten auf ihre Finger, die über die Klaviertasten tanzen. Anders als bei ihren anderen Konzerten steht kein Synthesizer auf der Bühne. Die Fans erleben ihre Kompositionen in Reinform.
Unter dem Titel "Non Fiction - Piano concerto in four movements" präsentiert Hania Rani an diesem Abend ihr erstes rein symphonisches Werk. Darin verwebt sie klassische sowie experimentelle Töne und reflektiert durch das Prisma aktueller medialer Bilder und historischer Tragödien das stete Nebeneinander von Chaos und Harmonie.
Wärme und Leichtigkeit
Mit viel Fingerspitzengefühl, fast schon zaghaft, lässt die Pianistin allererste Töne auf dem schwarzen Flügel erklingen, ein Auftakt, der wie in Zeitlupe dahinfließt. Ein Gefühl wie beim Aufwachen: ganz langsam Augen öffnen, Ohren spitzen, und dann nimmt das Arpeggio Fahrt auf. Beflügelnde Harmonien, die zugleich Wärme und Leichtigkeit vermitteln. Eine Klangreise mit stetig zunehmender Dynamik, die sie aber dann plötzlich abbremst und wieder auf ganz langsamen Basstönen zum Stehen bringt. So sind die ersten paar Minuten von einem stetigen Auf- und Abbauen geprägt, einem Verebben und Fluten der Klaviertöne, einem Zu- und Abnehmen der Geschehensdichte in ihren Klavierstücken.
In bunt gemischter Garderobe sitzen die Fans in der nahezu ausverkauften Philharmonie. Einige Fans tragen Sneaker, Baggy- oder Cordhosen, andere Jacketts und Anzüge, dazu hellgrüner Lippenstift, ein Auflauf irgendwo zwischen Club- und Theaterbesuch. Kurz kann das Publikum träumen, dann weckt Rani ihre Fans mit einem unerwarteten Stimmungsbruch auf, etwa, als sie ganz plötzlich mit brachialem, aber kontrolliertem Presslufthammer-Anschlag angreift, dass die Saiten nur so schnarren. So wandelt sie elegant zwischen Licht und Schatten, Kitsch und Naturgewalt. So geht es länger als eine halbe Stunde. Komplett entspannt schlafen einige Zuschauer ein, bis sie schließlich der Applaus vor der Pause weckt.
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin brilliert mit viel Gefühl
Im zweiten Teil des Konzertes begleitet das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Hania Rani, gleißend helle Streicherflächen, darunter Ranis betonte Basstöne und noch eine Oktave tiefer die Celli und drei Kontrabässe.
Mit dem Crescendo der Streichinstrumente wird es immer spannender, kurze Pause, und gleich darauf zupfen die Kontrabassisten einen gekonnt holprigen Takt, ein widerspenstiger Rhythmus, der sich im harmonischen Gesamtgefüge querstellt. So verleiht das Orchester den Hania-Rani-Werken noch eine Ecke mehr Substanz und Gewicht im Sound. Klar, mit Harfe, Hörnern, Streichern und einer zweiten Pianistin hat Rani gleich viel mehr Wucht am Flügel. Den haben Bühnentechniker in der Pause gedreht, jetzt sitzt Hania Rani mit dem Rücken zum Publikum, blickt ins Orchester.
Anfänglich fügt sie ihr Spiel ein, begleitet das Orchester vielmehr. Dafür beginnt der nächste Satz mit einem Solo am Flügel, das schließlich das aufschwellende Orchester unterstützt und sich wie ein Klangteppich um die Klaviertöne legt, Hania Rani und das Orchester verschmelzen im Klangbild, bis schließlich vor allem hohe Flöten- und Hörnermelodien zu hören sind.
Schweben und Fallen mit Harfe und Streichern
Auch im Einklang mit dem Orchester wandelt sie zwischen hellen und dunklen Momenten, eine Katharsis, die sich in den vielschichtigen Harmonien, in den dichten Streicherpassagen vollzieht, betont durch grollende, tiefe Basstöne. Die Musik klingt wie ein Aufbruch ins Ungewisse, dann wieder nach einem tränenreichen Abschied. Das Bühnenlicht verstärkt die zwiespältige Atmosphäre, vor allem, als die Streicher bedrohlich wirkende, tiefe Töne spielen, ein starker Kontrast zu Ranis lichtem Klavierspiel, und der Satz ganz unerwartet mit einem einsamen Horn endet.
Nach dem Konzert dankt Hania Rani dem Orchester für seine Geduld, sie sei schließlich keine ausgebildete Komponistin. Auch ihrem Tontechniker gebühre Applaus. Beim Konzert habe er einige Effekte live eingespielt. Auch ein kurzes politisches Statement will Hania Rani setzen: "Free Palestine", und meint, jeder im Saal stimme dem wohl zu.
In der Berliner Philharmonie hat Hania Rani viel Fingerspitzengefühl für Dynamiken bewiesen, ein Drahtseilakt zwischen Meditation und Dramatik wie ein Flug mit unerwarteten Luftlöchern, schweben und fallen, wieder und wieder. Das Publikum hat es ihr gedankt mit Standing Ovations und lautstarkem Jubel.
Audio: rbb24 Inforadio, 16.06.2026, Kai Salander
Sendung: rbb24 Inforadio, 16.06.2026, 7:55 Uhr
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