Mit den Beastie-Boys hat Mike D Hallen gefüllt. Jetzt ist der 60-Jährige erstmals solo unterwegs. In Deutschland hat er nur in Berlin Halt gemacht.
Konzert Mike D in Berlin Beastie-Boy-Legende ohne Altersschwäche
Von Kai Salander
Ex-Beastie-Boy Mike D muss nichts mehr beweisen: Bereits in den Achtzigern hat er mit seiner Crew Rap-Weltgeschichte geschrieben, Fans rund um den Globus erinnern sich an Hymnen wie "Sabotage" oder "So What'cha Want".
Beim Konzert im Säälchen am Berliner Holzmarkt feiert der New Yorker gewissermaßen ein Familienfest. Zwei seiner Söhne sind Teil der Band, die ihn beim Gig unterstützen. Alle auf der Bühne sind deutlich jünger als der Rapstar, aus dem wilden Boy von damals ist mittlerweile ein Golden Ager geworden – und das Publikum ist offensichtlich mitgereift. Vor der Bühne stehen viele Konzertbesucher im mittleren Alter. Die Cappys, die sie bereits als Teenager-Hip-Hopper getragen haben, stehen einigen noch immer.
Statt Baggyklamotten tragen die meisten Fans allerdings Funktionsjacken, Pullover, Tops und Jeans. 2007 war Mike D zusammen mit den Beastie Boys zuletzt in Berlin, heute Abend kann die Menge das Wiedersehen kaum erwarten. Es ist noch kein Ton erklungen, doch die Fans feiern den Auftritt, als hätte Mike D schon den ersten Hit gespielt. Einige Überraschungen und vor allem bisher unveröffentlichte Songs von seinem ersten Solo-Album "Thank You" stehen im Säälchen auf der Setliste, der Longplayer soll im August erscheinen.
Eine Band als Kraftwerk kurz vor dem Kabelbrand
"What's up y'all, all I've got to say is: Hello Berlin!", ruft er dem Publikum zu, und Knall auf Fall rollt die erste Bassline durch den Saal. Plötzlich fällt seine Stimme aus. Mike D rappt, doch aus den Boxen kommen keine Vocals – technische Panne und der eindeutige Beweis, dass er live performt. "Welcome to Berlin!", ruft ein Mann in die Stille und Mike D erweist sich als absoluter Profi, verzieht keine Miene, sondern lacht: "I've been doing this a long time and I'm still making mistakes." Die Fans jubeln.
Alles auf Anfang, und die Truppe prescht ungestüm nach vorn – eine Band als Kraftwerk kurz vor dem Kabelbrand. Mit geschlossenen Augen ist es nur schwer vorstellbar, dass hier gerade ein gestandener Rap-Veteran mit grauen Haaren die Show schmeißt – seine verzerrte Stimme klingt noch immer frisch, jugendlich. Er streckt die Arme aus, springt auf der Stelle auf und ab – ein Workout im Rampenlicht.
Seine Stimme könnte sich durch jegliches Gewebe beißen
Mike D und seine sechs Jungs tragen allesamt dunkelblaue Pullover und dunkelblaue Stoffhosen – und alle pogen. Wer nicht spielt, lässt das Handtuch über dem Kopf kreiseln – eine schweißtreibende Show.
Mit drei E-Gitarren, Bass, Synthesizern und Drummachines zimmert die HipHop-Truppe einen Sound, der so klingt, als sei auf einer Baustelle eine Party ausgebrochen – rhythmischer, verzerrter Maschinensound, kreischende E-Gitarren und donnernde, aber stets groovende Presslufthammer-Beats.
Die Drummachines und Synthesizer stehen auf einem langen Tisch hinter Mike D, die drei Gitarristen flankieren ihn am Bühnenrand. Von dort zeigt er ab und an mit dem Finger ins Publikum – seine Stimme könnte sich durch jegliches Gewebe beißen.
In den höheren Registern klingt es fast schon nach Heliumstimme im Schredder, im Unterton immer der Ruf nach Wahnsinn, wie schon bei den Beastie Boys. Dazu der Appell ans Publikum: loslassen, ausrasten, Ekstase im Tanz suchen, während hier alle im Takt stampfen oder zumindest mitnicken. Während eines Songs läuft der Beat plötzlich wie auf Knopfdruck nur noch halb so schnell – ein Gefühl, als würde der komplette Saal in Zeitlupe fallen.
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Wieder eine Panne, dann totale Anarchie
Auch ein leiser Moment hat Platz in der Show – ein starker Kontrast mit ein paar gezupften Akkorden auf einer Akustikgitarre: verträumte Klänge und Mike D, der versucht, wie ein Folksänger zu klingen. Seine leiernde Reibeisenstimme passt nicht ganz ins Genre – ein surrealer Sound, bei dem allein die Emotionen von der Gitarre kommen.
Zwischendurch kurze Ansagen: "This song is about a man – for him everything went so good and then it went so bad." Darauf brettert der Keyboarder los – bissiger Synthesizer-Ton, natürlich verzerrt.
Wieder eine Panne, und Mike D grinst: "Now that was the wrong song, but I like to think it was a good intention." Die Fans jubeln, lachen und wissen: Ab jetzt herrscht hier totale Anarchie, die Beastie Boys Nummer "Looking Down The Barrel" steht auf dem Programm und die erste Reihe springt mit.
Zwischen den Songs feuert die Band Gimmick-Sounds ab, die nach Spielzeug-Laserschwert und Helikopter klingen. Dann kommt endlich der große Moment für den Keyboarder und Sohn Skyler. Mike D motiviert ihn fast schon väterlich: "Like Rihanna said, shine like a diamond" – ein plumper Spruch mit doppeltem Boden, schließlich heißen Vater und Sohn Diamond mit Nachnamen.
Der Junge spielt einen immer höher steigenden Sägezahnton. Der Vater, mächtig stolz auf seinen Filius, fährt das Glissando in der Luft mit der Hand nach. Vor den Songs schaut er mit prüfendem Blick zu seiner Band, nickt, um ihr den Auftakt vorzugeben. Hinter ihnen blitzt das Strobolicht, weiße Strahler unterm Saaldach leuchten von den Traversen in die Menge – ein schlichtes Bühnenbild, an das hier ohnehin niemand wirklich einen Gedanken verschwendet, zu überwältigt ist das Publikum von der Power der ersten Songs.
Als die Band zu einer Nummer der britischen Post-Punk Band Delta-5-Nummer abrockt, kocht der Saal: "Mind Your Own Business".
"So What'cha Want": Beastie-Boys-Klassiker sorgt für pure Nostalgie
Doch Mike D legt nach. Wie er Hysterie toppen kann, das haben ihn wohl die vielen Jahrzehnte im Showgeschäft gelehrt: Die Band spielt den Beastie-Boys-Kracher "So What'cha Want" – E-Gitarren und Fans kreischen um die Wette.
Nostalgie und überbordende Power liegen an diesem Abend eng beieinander. Draußen vor dem Säälchen loben die Fans die Show wieder und wieder. "Das war meine Jugend!", ruft ein Besucher, andere erinnern sich an ihre eigenen Bandversuche irgendwann in den Achtzigern – inspiriert von den Beastie Boys.
Altersschwäche? Na gut, der eine oder andere Hüftschwung ist Mike D als Beastie Boy vermutlich etwas leichter gefallen – geschenkt. Dafür steht er im Säälchen keine Sekunde still, kann ein mächtiges Feuer entfachen, mit einem Sound zum Mauern-Einreißen und Raps, die ihm noch immer lässig-frech über die Lippen kommen. Dabei gibt ihm seine Band den nötigen Rückenwind.
Sendung: rbb|24, 11.06.2026, 10:45 Uhr
Audio: rbb|24, 11.06.2026, Kai Salander
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