Das Helmi-Puppentheater möchte mit wunderbar schrägen Figuren und Musik über das politische Landleben nachdenken. Nur der Inhalt kommt dabei ein bisschen zu kurz.
Theater Premiere am Ballhaus Ost Raus aufs Land zum schwangeren Igel
Die Helmis wollen raus aus der Stadt. Nicht, weil das Landleben so verlockend klingt, sondern weil es in der Metropole immer düsterer wird. So sagt es jedenfalls die Erzählerin, die wie ein kleines Mädchen in weißem Kleid auf einem Dreirad über die Bühne kreist: "Die Zeit war für alle schwierig. Und natürlich auch für das Helmi-Puppentheater. Es gab keine Jobs, keine Orte und nur wenige lachten noch!"
4000 Quadratmeter Land werden gekauft, in Sekundenschnelle ist ein unsichtbares Haus gebaut. Erst jetzt kommt die Familie Ingalls aus "Unsere kleine Farm" (und somit der Titel des Abends) ins Spiel. Auch sie ist auf ein neues Stück Land gezogen, auch sie baut ein Haus – allerdings im mittleren Westen der USA um 1870.
Unsere kleine Farm: Die Familie Ingalls
Wer alt genug ist, um in den 1980er Jahren (im Westen) ferngesehen zu haben, der kennt sie: Das Ehepaar Ingalls und ihre vier kleinen Töchter. Der fleißige und gottesfürchtige Farmer Charles, die liebende Mutter Caroline – und ihr idyllisches neues Heim. Mit der Serie wird inzwischen das weiße Amerika mit seinen weißen Siedlern romantisiert, vor allem in der Ära Trump.
Beim Helmi Puppentheater am Ballhaus Ost treten die Figuren nun wie immer als herrlich trashige Schaumstoffpuppen in allen Größen auf, hier tragen sie entfernt noch die Gesichtszüge der Familie Ingalls. Emir Tebatebai, Brian Morrow und Florian Loycke machen das als Puppenspieler nonchalant und komisch – aber auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, wenn das Frauenbild von Mutter Caroline kritisiert und ihr kurzerhand eine Expertise in Steuerrecht angedichtet wird.
Szene aus "Unsere kleine Farm" im Ballhaus Ost (Quelle: Mayra Wallraff)
Die Probleme mit dem Landleben bleiben
Doch ob nun 1870 oder 2026 – die Probleme mit dem Neuanfang in der Fremde sind dieselben. Das Land hat eine Geschichte, Vorbesitzer und verschrobene Nachbarn – die die Neuen verachten: "Die Wessis glauben, Radieschen wachsen auf den Bäumen. Das ist mein Land…" murmelt Cora Peter Frost als Waldschrat.
Hübsch sind die eigenen kleinen Songs, die hauptsächlich Jakob Dobers und Frost einstreuen. Genial ist einmal mehr die ungeheure Fülle an irrwitzig schrägen, herzerwärmend komischen und rührend hässlichen Knautschtieren, die die Helmis auffahren. Der alte Hase mit dem sprechenden Köttel, die pelzige Riesen-Hummel, der Emu mit meterlangem Hals – und natürlich der schwangere Igel, der in einer Sturzgeburt das rosa Baby ohne Stacheln gebiert.
Politischer Inhalt bleibt auf der Strecke
Nur inhaltlich bleibt leider so gut wie alles auf der Strecke, was der Abend zu verhandeln gedachte. Die Helmis wollten, so hieß es in der Ankündigung, die Serie zum Anlass nehmen, um über Aussteiger- und Landträume von Rechts und von Links nachzudenken. Doch wer hier nun mit Mistgabeln und Pistolen bewaffnet zum Farmhaus robbt, was es mit der Figur auf sich hat, die bei Nacht und Nebel ein Wildschwein erlegt, was die Feuerwehr damit zu tun hat und warum aus einem Bus plötzlich Brecht, Sartre und Marina Abramović steigen – das wissen wohl nur die Helmis selbst.
Knautsch-Frösche reichen nicht
Natürlich waren die kultigen Puppenspieler noch nie stringente Geschichtenerzähler. Doch ein Abend, der den rechten Kulturkampf verhandeln will, rechtskonservative Homogenitätsideale und die Problematik der weißen amerikanischen Entdecker-Familie auf dem Land der Ureinwohner, der kann nicht nur ein paar Knautsch-Frösche auf der Bühne herumquaken lassen.
Am Ende löst sich auf dem Land alles in Wohlgefallen auf. Es fehlte nur ein bisschen Liebe. "Alle Formen der Liebe, ich will sie alle sehen", singt Tania Elstermeyer – Performerin und Expertin für antifaschistisches Engagement, wie das Ballhaus Ost schreibt. Auf der Bühne spricht sie allerdings nicht darüber. Und damit wäre das politische Thema des Abends endgültig: verschenkt.
Sendung: rbb24 Inforadio, 05.06.2026, 6:54 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 05.06.2026, Barbara Behrendt
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