Ein 23-Jähriger kämpft nach einem Badeunfall um sein Leben. Seit Jahrzehnten beobachte ich dieselbe gefährliche Fehleinschätzung.
Ein 23-Jähriger kämpft nach einem Badeunfall um sein Leben. Seit Jahrzehnten beobachte ich dieselbe gefährliche Fehleinschätzung.
„Mir passiert schon nichts.“ Es gibt Sätze, die vergisst man nicht. Einer davon begleitet mich seit Jahrzehnten. Mal höre ich ihn im Freibad, mal an einem Badesee oder im Urlaub am Strand.
Als ich jetzt gelesen habe, dass ein 23-Jähriger nach einem Badeunfall am Langwieder See in München um sein Leben kämpft und nach bisherigen Erkenntnissen Nichtschwimmer gewesen sein soll, musste ich deshalb gar nicht lange überlegen, worüber wir eigentlich sprechen müssen. Für mich ist dieser Unfall weit mehr als eine tragische Nachricht. Er erinnert mich an eine Entwicklung, die ich seit Jahrzehnten beobachte und die sich jeden Sommer aufs Neue wiederholt.
Seit Jahrzehnten arbeite ich in Bädern. Ich habe viele Menschen erlebt, die überzeugt waren, sicher schwimmen zu können – bis sie plötzlich gemerkt haben, dass sie ihre eigenen Fähigkeiten falsch eingeschätzt hatten.
Genau das ist aus meiner Sicht eines der größten Probleme. Viele Menschen fühlen sich im Wasser wohl und setzen dieses Gefühl automatisch mit Schwimmfähigkeit gleich. Eine fatale Fehleinschätzung. Sie können sich vielleicht einige Meter über Wasser halten oder kommen im flachen Bereich gut zurecht.
Ich wünsche mir, dass wir unsere eigene Schwimmfähigkeit ehrlicher einschätzen. Niemand muss beweisen, wie weit er hinausschwimmen kann. Niemand verliert etwas, wenn er umkehrt, weil ihm das Wasser zu tief, zu kalt oder zu unübersichtlich erscheint. Im Gegenteil: Genau darin liegt Verantwortung.
Das vermittelt Sicherheit. Wirklich sicher schwimmen bedeutet aber etwas anderes. Es bedeutet, auch dann ruhig zu bleiben, wenn der Boden plötzlich verschwindet, die Kräfte nachlassen oder eine Situation völlig anders verläuft als geplant.
Ein Naturgewässer folgt seinen eigenen Regeln. Der Untergrund fällt oft unvermittelt ab, das Wasser wird trüb, Entfernungen wirken kürzer, als sie tatsächlich sind, und wer einmal den Boden unter den Füßen verliert, merkt schnell, wie anstrengend Wasser wirklich sein kann. Hinzu kommt, dass Hilfe häufig nicht innerhalb weniger Sekunden da ist.
Gerade an heißen Sommertagen beobachte ich immer wieder, wie schnell Menschen ihre Vorsicht verlieren. Das Wasser wirkt ruhig, Freunde schwimmen voraus, andere springen ebenfalls hinein. Irgendwann entsteht das Gefühl, dass es schon passen wird. Genau in diesem Moment beginnen viele Risiken.
Wer tatsächlich ums Überleben kämpft, hat oft gar nicht mehr die Möglichkeit zu rufen. Er versucht nur noch, Luft zu bekommen. Die Bewegungen wirken unkoordiniert, der Kopf taucht immer wieder unter, der Blick verändert sich. Genau deshalb werden Notlagen immer wieder zu spät erkannt.
Im aktuellen Fall versuchte der Bruder des jungen Mannes sofort zu helfen. Wahrscheinlich würde fast jeder genauso reagieren.
Dennoch zeigen gerade solche Situationen, wie gefährlich Rettungsversuche im Wasser sein können. Ein Mensch, der in Panik gerät, klammert sich an alles, was ihm Halt verspricht. Dadurch geraten immer wieder auch Helfer selbst in Lebensgefahr. Deshalb weisen Wasserretter seit Jahren darauf hin, zunächst den Notruf abzusetzen, andere Badegäste aufmerksam zu machen und – wenn möglich – ein Rettungsmittel einzusetzen, anstatt unüberlegt hinterherzuschwimmen.
Jeder schwere Badeunfall hat seine eigene Geschichte. Hinter jeder Schlagzeile stehen Menschen, Familien und Freunde, deren Leben sich innerhalb weniger Minuten verändert. Genau deshalb lese ich solche Meldungen nie einfach nur als Nachricht.
Ich wünsche dem jungen Mann aus München von Herzen, dass er diesen Kampf gewinnt.
Vielleicht fragen sich nach diesem tragischen Unfall einige Menschen vor dem nächsten Sprung ins Wasser selbst: Kann ich wirklich sicher schwimmen – oder verlasse ich mich nur darauf, dass schon nichts passieren wird?
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