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Nach Tauchunglück im Bodensee in 80 Metern unter dem Wasser sagt Experte: „Tiefe allein erklärt Unfall nicht”

Дата публикации: 04-08-2026 14:26:00

Der Tauchgang im Bodensee in rund 80 Metern Tiefe war kein gewöhnlicher Sporttauchgang – aber auch kein unvorbereitetes Abenteuer.

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Der Tauchgang im Bodensee in rund 80 Metern Tiefe war kein gewöhnlicher Sporttauchgang – aber auch kein unvorbereitetes Abenteuer.

Am Sonntag, 2. August 2026, kamen am Tauchplatz „Tennisplätze“ in Überlingen eine 46-jährige Taucherin und ihr 64 Jahre alter Tauchpartner ums Leben. Nach Angaben der Polizei leiteten beide gegen 10.30 Uhr aus einer Tiefe von rund 80 Metern einen Notaufstieg ein. Der Mann verlor bereits während des Aufstiegs das Bewusstsein, die Frau kurz nach dem Erreichen der Wasseroberfläche. Trotz sofortiger Reanimationsmaßnahmen starben beide noch am Unfallort. Warum der Notaufstieg erforderlich wurde, ist bislang ungeklärt. Die Wasserschutzpolizei ermittelt.

Einordnung der Verstorbenen als „Sporttaucher“ greift zu kurz

In verschiedenen Medienberichten werden die Verstorbenen pauschal als „Sporttaucher“ bezeichnet. Diese Einordnung greift zu kurz. Nach Informationen aus ihrem Umfeld handelte es sich um erfahrene technische Taucher, sogenannte Tec-Taucher, mit umfangreicher Erfahrung insbesondere im Tief-, Wrack- und Höhlentauchen. Beide sollen über die für Tauchgänge in diesem Tiefenbereich erforderlichen Qualifikationen verfügt haben.

Dr. Frank Gottschalch ist Sachverständiger für Tauchausrüstungen und Tauchunfälle sowie seit über 30 Jahren Tauchausbilder. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

Während das klassische Sporttauchen üblicherweise innerhalb der Nullzeit und bis zu einer empfohlenen maximalen Tiefe von etwa 40 Metern betrieben wird, beginnen jenseits dieser Grenzen die Bereiche des technischen Tauchens.

Hier werden zusätzliche Ausbildungen, spezielle Atemgasgemische, redundante Ausrüstung und verbindlich einzuplanende Dekompressionsstopps erforderlich. Die Grenze von 40 Metern ist allerdings keine allgemeine gesetzliche Höchstgrenze, sondern eine in der Sporttaucherausbildung verbreitete Ausbildungs- und Sicherheitsgrenze. Auch Ausbildungsorganisationen unterscheiden entsprechend zwischen Sporttauchen bis etwa 40 Meter und technischen Tauchgängen mit planmäßiger Dekompression und besonderen Atemgasen.

Nach den vorliegenden Informationen verwendeten beide Taucher geschlossene, elektronisch gesteuerte Kreislauftauchgeräte und Trimix als Atemgas. Trimix ist ein Gemisch aus Sauerstoff, Helium und Stickstoff. Durch den Heliumanteil lassen sich unter anderem die narkotische Wirkung des Stickstoffs und – bei geeigneter Gasplanung – die Gasdichte in großen Tiefen reduzieren.

Tiefe allein erklärt den Unfall nicht

Qualifiziert durchgeführte technische Tauchgänge in größere Tiefen finden am Bodensee regelmäßig statt. Für entsprechend ausgebildete und erfahrene Tec-Taucher ist ein geplanter Trimix-Tauchgang mit Kreislauftauchgerät grundsätzlich kein außergewöhnliches Vorhaben. Die Tiefe von rund 80 Metern macht den Tauchgang anspruchsvoll und lässt nur geringe Fehlertoleranzen zu; sie beweist für sich genommen aber weder Leichtsinn noch mangelnde Qualifikation.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, warum die beiden Taucher überhaupt in dieser Tiefe waren. Zu klären ist vielmehr, welches Ereignis sie dazu zwang, ihre geplante Dekompression abzubrechen und einen unmittelbaren Notaufstieg einzuleiten.

Technisches Versagen? medizinisches Problem? Fehlfunktion? Ursache des Tauchunglücks weiter unklar

Auch das Tauchen mit Kreislauftauchgeräten, sogenannten Rebreathern, ist heute weder im Sporttauchen noch im technischen Tauchen ein Novum. Anders als ein herkömmliches offenes Tauchgerät gibt ein Kreislauftauchgerät das ausgeatmete Gas nicht vollständig an das Wasser ab. Das Kohlendioxid wird chemisch gebunden, während Sauerstoff entsprechend dem Verbrauch des Tauchers ergänzt wird.

Elektronisch gesteuerte geschlossene Kreislauftauchgeräte halten den Sauerstoffpartialdruck innerhalb vorgegebener Grenzen möglichst konstant. Dadurch wird das Atemgas an die jeweilige Tiefe angepasst. Bei sachgerechter Planung ermöglicht dies eine sehr effiziente Nutzung des Atemgases und ein günstiges Dekompressionsprofil. Gleichzeitig sind diese Geräte technisch anspruchsvoll und verlangen eine gerätespezifische Ausbildung, konsequente Kontrollen sowie ein vorbereitetes Vorgehen bei möglichen Fehlfunktionen.

Ob bei dem Unfall ein technisches Versagen, ein medizinisches Problem, eine Fehlfunktion der Atemgasversorgung oder eine andere Notsituation vorlag, kann derzeit nicht beurteilt werden. Nach dem gegenwärtigen Ermittlungsstand lässt sich keine dieser Möglichkeiten sicher ausschließen.

Ein technischer Defekt, ein Problem mit dem Atemgas, eine gegenseitige Hilfeleistung, eine akute medizinische Störung oder eine Verkettung mehrerer Faktoren kommen grundsätzlich in Betracht. Erst die Auswertung der Kreislauftauchgeräte, der Tauchcomputer, der Atemgasflaschen und – soweit vorhanden – gespeicherter Sensordaten sowie die rechtsmedizinischen Untersuchungen können hier belastbare Erkenntnisse liefern.

Bis dahin verbieten sich vorschnelle Schuldzuweisungen. Fest steht lediglich: Zwei offenbar sehr erfahrene und qualifizierte technische Taucher gerieten in großer Tiefe in eine außergewöhnliche Notlage, aus der ihnen nur noch der sofortige Aufstieg als letzter Ausweg geblieben zu sein scheint. Warum es dazu kam, bleibt Gegenstand der Ermittlungen der Wasserschutzpolizei. Die Ergebnisse werden hoffentlich erklären können, welche tragische Ereigniskette zu dem Tod der beiden Taucher geführt hat.

Taucher

Ein Tauchgang in rund 80 Metern Tiefe kann nicht ohne Weiteres durch einen direkten Aufstieg beendet werden. Imago/Cavan Images
Warum ein direkter Aufstieg aus 80 Metern lebensgefährlich ist

Ein Tauchgang in rund 80 Metern Tiefe kann nicht ohne Weiteres durch einen direkten Aufstieg beendet werden. Mit zunehmender Tiefe steigt der Umgebungsdruck. Während des Tauchgangs werden deshalb die im Atemgas enthaltenen Inertgase – hier Stickstoff und Helium – unter erhöhtem Druck in Blut und Körpergewebe aufgenommen.

Beim Aufstieg muss der Umgebungsdruck kontrolliert und ausreichend langsam reduziert werden. Abhängig von Tiefe, Dauer, Atemgas und Tauchprofil sind auf festgelegten Tiefen Dekompressionsstopps einzuhalten. Während dieser Stopps werden die aufgenommenen Gase über den Blutkreislauf zur Lunge transportiert und dort abgeatmet. Erst wenn die berechnete Entsättigung dies zulässt, darf zur nächsten Austauschstufe aufgestiegen werden.

Die notwendigen Tiefen und Zeiten berechnet ein für technische Tauchgänge geeigneter Tauchcomputer. Bei elektronischen Kreislauftauchgeräten können die Messwerte und der eingestellte Sauerstoffpartialdruck in die Berechnung einbezogen werden. Je nach Tiefe und Dauer des Tauchgangs können die Dekompressionsstopps wenige Minuten, aber auch mehrere Stunden dauern.

Werden Auftauchstopps ignoriert, droht Dekompressionserkrankung

Werden diese Stopps durch einen schnellen Notaufstieg ausgelassen, fällt der Umgebungsdruck wesentlich schneller ab, als die gelösten Gase kontrolliert über die Lunge ausgeschieden werden können. Es können sich Gasblasen im Blut und in den Geweben bilden. Vereinfacht lässt sich dies mit dem plötzlichen Öffnen einer geschüttelten Flasche eines kohlensäurehaltigen Getränks vergleichen. Medizinisch drohen eine schwere Dekompressionserkrankung, arterielle Gasembolien, neurologische Ausfälle, Bewusstlosigkeit und Tod.

Ein unkontrollierter Aufstieg aus rund 80 Metern unter Auslassung einer erheblichen Dekompressionsverpflichtung stellt daher eine akut lebensbedrohliche Situation dar. Dennoch lässt sich allein aus dem Aufstiegsprofil noch nicht sicher ableiten, welcher Vorgang ursprünglich zum Notaufstieg oder letztlich zum Tod der beiden Taucher geführt hat.

Notfallgas für den Ausfall des Kreislauftauchgeräts ist lebenswichtig

Tec-Taucher führen für solche Tiefen zusätzlich sogenannte Bail-out-Flaschen mit. Dabei handelt es sich um separate, meist seitlich am Körper befestigte Tauchflaschen mit geeigneten Atemgasgemischen. Sie sollen es ermöglichen, bei einer Störung des Kreislauftauchgeräts auf ein unabhängiges offenes Atemsystem zu wechseln.

Die mitgeführte Gasmenge muss so geplant sein, dass sie nicht nur für den unmittelbaren Aufstieg, sondern auch für sämtliche notwendigen Dekompressionsstopps reicht. Häufig werden deshalb mehrere Flaschen mit unterschiedlichen Gasgemischen mitgeführt. Sie dienen nicht der Verlängerung eines unzureichend geplanten Tauchgangs, sondern bilden eine lebenswichtige technische Rückfallebene.

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