Was macht die Krise mit Friedrich Merz? Sein Biograf Daniel Goffart erklärt, wie der Kanzler mit Rückschlägen umgeht. Goffart glaubt auch: Den aktuellen Urlaub wird Merz kaum genießen können.
Was macht die Krise mit Friedrich Merz? Sein Biograf Daniel Goffart erklärt, wie der Kanzler mit Rückschlägen umgeht. Goffart glaubt auch: Den aktuellen Urlaub wird Merz kaum genießen können.
FOCUS online: Herr Goffart, als Biograf des Kanzlers kennen Sie Friedrich Merz besser als viele andere. Was würden Sie sagen: Wie geht es ihm gerade?
Daniel Goffart: Er ist im Urlaub, aber kann ihn wahrscheinlich nicht richtig genießen. Er wird sich darüber ärgern, dass sein Kabinettsumbau schiefgelaufen ist. Dadurch gerät der Schwung, der nach der Verabschiedung der Reformen aufkam, in Vergessenheit.
In der CDU brodelt es. Auch nicht gerade schön für den Kanzler.
Goffart: Ja, Merz wird bemerkt haben, dass es nach wie vor Vorbehalte gegen ihn gibt.
Nach wie vor?
Goffart: Friedrich Merz war noch nie ein Kandidat der Herzen. Erinnern wir uns: Erst im dritten Anlauf wurde er zum Parteivorsitzenden gewählt. Innerhalb der CDU gibt es viele Menschen, die ihm skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Er hat als Parteivorsitzender nicht so eine Sympathie entfachen können wie Angela Merkel zu ihren besten Zeiten.
Woran liegt das?
Goffart: Das ist sein Stil. Der kürzlich als Vorwurf formulierte Satz, Merz führe eine Partei und keine Firma, hat seine Berechtigung. Merz diskutiert nicht ewig rum, sondern gibt klare Ansagen. Bei schwierigen Prozessen wie Kabinettsumbildungen fällt ihm das auf die Füße. Er ist viel „mit Basta“ unterwegs, dabei müsste er mehr um Zustimmung werben, anstatt Gefolgschaft anzuordnen.
Besonders die faktische Entlassung des Bundesverkehrsministers kam bei vielen CDU-Politikern nicht gut an. Warum hat Merz so gehandelt, was denken Sie?
Goffart: Er war mit Patrick Schnieder unzufrieden. Dafür gibt es auch gute Gründe. Schnieder beklagte immer wieder, dass die Mittel für die Sanierung von Brücken, Schienen und Verkehrswegen nicht ausreichen würden. Dabei hat er den größten Etat, der jemals einem Bundesverkehrsminister zur Verfügung stand.
Merz fand also, dass er die Prioritäten falsch setzt?
Goffart: Wahrscheinlich. Die Bahn kommt selten pünktlich. Deutschland steht im Stau. Das sind zwei gewaltige Versäumnisse, für die man einen Verkehrsminister politisch verantwortlich machen kann. Dass die Rochade mit Güntzler (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist Fritz Güntzler, Finanzpolitiker der CDU) schief ging, weil dieser erst zusagte und dann Stunden später kalte Füße bekam, ist Pech.
Was ich allerdings nicht verstehe. Dass sich die CDU an solchen Dingen so aufhängt. Dieser ganze öffentliche Frust, dieses Rumjammern, und das alles so kurz vor den Wahlen. Das ist unklug. Man tut weder dem Kanzler noch der eigenen Partei einen Gefallen.
Wie haben Sie den Kanzler denn grundsätzlich kennengelernt? Also: als Mensch?
Goffart: Merz war schon als Fraktionsvorsitzender in Bonn angriffslustig. Er konnte Paroli bieten. Besonders die Finanzpolitik liegt ihm – sein größtes Asset, sagen einige. Und er ist zäh. Das zeigen die vielen Widerstände in der Partei, durch die er sich gekämpft hat. Bis zum Bundeskanzler. Sein Comeback ist beeindruckend.
War es immer Merz‘ Traum, Kanzler zu sein?
Goffart: Absolut.
Jetzt wirkt es eher wie ein Alptraum. Hat er den Job unterschätzt?
Goffart: Unterschätzt sicher nicht. Dafür war Merz lange genug dabei. Aber die Widerstände aus den eigenen Reihen und den Medien, das hat er sich vermutlich nicht so vorgestellt. Zudem ist die SPD als einzig möglicher Koalitionspartner besonders schwierig, weil sie immer wieder Dinge fordert, die nicht im Koalitionsvertrag stehen. Ich glaube, Merz hat gehofft, dass er besser durchregieren kann.
Wie geht jemand wie Merz mit solchem Druck um?
Goffart: Dazu eine kleine Anekdote. Bei einer früheren Rede warf Merz seinem Vorgänger Olaf Scholz vor, ein „Klempner der Macht“ zu sein, der lediglich an kleinen Schrauben drehe, statt als visionärer Baumeister eine echte politische Architektur zu liefern.
Scholz sagte im Gegenzug, Merz habe ein „Glaskinn“. Er teile hart aus, könne aber nicht einstecken. Und damit hat er zum Teil recht. Merz tut sich schwer damit, Kritik anzunehmen. Er reagiert angefasst, wenn er öffentlich gerügt wird.
Eigentlich müsste ein Bundeskanzler doch Kritik abkönnen.
Goffart: An sich schon. Man muss aber sagen, dass wahrscheinlich kein Bundeskanzler gerne kritisiert wurde. Auch Angela Merkel nicht. Unvergessen ist, wie sie damals Umweltminister Norbert Röttgen mit einem einzigen Satz entlassen hat – da gab es auch keine Begründung. Will sagen: Kabinettsumbildungen sind normal und damit auch Entlassungen.
Ablehnung kommt nicht nur aus der CDU und den Medien. Merz ist der unbeliebteste Kanzler aller Zeiten. Sogar unbeliebter als Olaf Scholz.
Goffart: Die schlechten Popularitätswerte machen ihn unglücklich. Da bin ich mir sicher. Aber: Beliebtheitswerte sind auch ein Spiegelbild der medialen Darstellung. Und Merz hatte es von Anfang an schwer mit den Medien – als „alter, weißer, konservativer Mann“ ist er, überspitzt formuliert, vor allem für jüngere Frauen eine Art gesellschaftliches Feindbild.
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Was kann er denn tun, um seine Autorität und Popularität zu steigern?
Goffart: Merz muss sein Reformpaket umsetzen und hoffen, dass die Wahlkämpfe im Osten glimpflich ausgehen. Die Lage ist allerdings schlecht, gerade in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Die Hauptstadt ist durch Wegners Rückzug ein schwieriges Pflaster geworden. Merz muss hoffen, dass sich die vielen, vielen Milliarden, die ausgegeben werden, in wirtschaftlichem Wachstum und bei der Beschäftigung bemerkbar machen.
Gab es in Merz‘ Leben andere Situationen, die ihn ähnlich an seine Grenzen gebracht haben wie die jetzige?
Goffart: Der Machtkampf mit Merkel war damals für ihn eine große Belastung. In der Folge ist er enttäuscht aus der Politik ausgeschieden. Zumindest zeitweise.
Was, wenn der Gegenwind nach den Wahlen noch härter wird? Tritt Merz dann auch zurück?
Goffart: Das kann ich mir nicht vorstellen. Er ist jetzt kein einfacher Abgeordneter mehr, sondern Bundeskanzler.
Wann wird es denn haarig für ihn?
Goffart: Ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl. Wenn die Werte der CDU bis dahin weiter absinken und Merz‘ Popularität auch, dann kann ich mir vorstellen, dass es Stimmen in der CDU gibt, die jemand anderen als Kandidaten wollen. Merz ist aber keiner, der so schnell aufgibt. Er lässt sich nicht von der Miesepetrigkeit in der CDU abschrecken.
Welche Rolle spielt die AfD?
Goffart: Eine indirekte. Weil sie den anderen Parteien eine nie gekannte Konkurrenz macht. Je mehr die AfD aufsteigt, desto schwerer wird es für die jeweiligen Parteiführer. Das gilt auch für die SPD. Dort fragen sich ja inzwischen schon eine Menge Genossen, ob Lars Klingbeil und Bärbel Bas die richtigen Vorsitzenden sind.
Wie würde Merz mit einem vorzeitigen Aus seiner Regierung umgehen?
Goffart: Die Situation ist jetzt anders als 2025. Diese Regierung ist der letzte Schuss. Wenn sie es nicht schafft, besteht eine große Gefahr, dass die AfD bei der nächsten Wahl stärkste Kraft wird. Insofern stellt sich die Frage nicht. Diese Regierung weiß, dass sie zum Weitermachen verdammt ist. Auch, wenn sie sich noch so sehr streitet.
Arbeitet Merz auch im Urlaub?
Goffart: Der Bundeskanzler ist immer im Amt. Auch im Urlaub ist er ansprechbar für wichtige Dinge. Mindestens ein paar Stunden am Tag wird er telefonieren, sich Akten ansehen und ähnliches. Klar ist: Ein Bundeskanzler hat nie ungestörten Urlaub. Friedrich Merz ist da keine Ausnahme.
Daniel Goffart ist ein deutscher Journalist, Jurist und Autor. Seit 2024 arbeitet er als Chefkorrespondent der „Wirtschaftswoche“ in Brüssel, vorher war er unter anderem für den „FOCUS“ tätig. 2022 erschien die Biografie „Der Unbeugsame: Friedrich Merz, die Union und der Kampf um die Macht“, die Goffart zusammen mit Jutta Falke-Ischinger verfasste.
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