Ein Unentschieden, eine Niederlage und trotzdem viel Geduld. Warum Klopp Fehler verziehen werden, für die Nagelsmann Kritik bekam.
Ein Unentschieden, eine Niederlage und trotzdem viel Geduld. Warum Klopp Fehler verziehen werden, für die Nagelsmann Kritik bekam.
In vielen wohlwollenden Postings bei Social Media lesen wir aktuell: Gebt ihm Zeit. Das wird schon. Er muss die Mannschaft erst kennenlernen. Sportlich gäbe es durchaus Stoff für Ungeduld. Denn auf das 1:1 in den Niederlanden folgte ein 0:1 gegen Griechenland. Es war Deutschlands erste Niederlage überhaupt gegen die Griechen.
Julian Nagelsmann begann 2023 mit einem 3:1 gegen die USA und einem 2:2 gegen Mexiko. Danach folgten Niederlagen gegen die Türkei und Österreich. Nach gerade einmal Spielen titelte die „Zeit“: „Unter Nagelsmann ist Deutschland noch schlechter.“
Joern Kettler ist Wirtschaftspsychologe, Mimik-Analyst und Bestsellerautor. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Das heißt nicht, dass niemand Klopp gerade kritisiert. Auch sein Fehlstart wird deutlich benannt. Aber mein Eindruck aus vielen Reaktionen ist: Bei Klopp existiert mehr Vorschussvertrauen. Psychologisch ist dieser Unterschied sehr gut erklärbar.
Denn Jürgen Klopp beginnt beim DFB nicht bei null. Wir kennen ihn aus Dortmund und Liverpool, manche auch aus Mainz. Wir kennen seine Emotionen, seine Interviews, seinen Humor und seine Erfolge. Viele Menschen haben längst ein positives Gesamtbild von ihm.
Forscher untersuchten 2016 in vier Experimenten den Halo-Effekt. Positive Informationen über einen Menschen beeinflussten auch die Bewertung anderer Eigenschaften. Ein positiver Gesamteindruck strahlt also auf Bereiche aus, die wir eigentlich getrennt beurteilen müssten.
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Bei Klopp kann das bedeuten: Wir sehen nicht nur das 0:1. Wir sehen gleichzeitig den Trainer, von dem wir bereits überzeugt sind, dass er Fußball kann. Dazu kommt etwas, das man als psychologisches Guthaben beschreiben könnte. Wer über Jahre Vertrauen aufgebaut hat, bekommt eher Zeit, wenn etwas nicht sofort funktioniert.
Forscher werteten 2021 185 unabhängige Studien über Führung und Vertrauen aus. Vertrauen in Führungspersonen spielte eine zentrale Rolle dafür, wie Führung wahrgenommen wurde und mit Leistung zusammenhing. Besonders stark war dabei das emotionale Vertrauen.
Natürlich sind Fußballfans keine Mitarbeiter. Der Mechanismus ist trotzdem interessant: Wir bewerten eine Führungskraft nicht nur nach dem aktuellen Ergebnis. Wir bringen unsere bisherige Beziehung zu ihr mit. Klopp hat davon sehr viel auf dem Konto.
Auch Klopps Wirkung spielt eine Rolle. Seine direkte Sprache, sein Humor und seine Emotionalität gehören seit Jahren zu seiner öffentlichen Person. Wissenschaftler werteten 2017 76 Studien mit 36.031 Personen zu charismatischer Führung aus. Wahrgenommene charismatische Führung hing mit verschiedenen positiven Leistungs- und Führungsbewertungen zusammen.
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Das bedeutet nicht, dass ein charismatischer Trainer automatisch besser ist. Aber Charisma beeinflusst, wie wir einen Trainer erleben. Klopp übernimmt nach dem Griechenland-Spiel zudem offen Verantwortung. Die vielen Wechsel gingen „zu 100 Prozent“ auf seine Kappe, sagte er und bezeichnete die Niederlage gleichzeitig als Teil des Prozesses.
Genau so entsteht Vertrauen: Fehler nicht wegreden, aber vermitteln, dass man weiß, was man tut.
Forscher zeigten 2017 in zwei Feldexperimenten mit 600 Menschen, dass Halo-Effekte Leistungsbewertungen systematisch verzerren können. Ein vorhandener Gesamteindruck beeinflusst also, wie einzelne Leistungen beurteilt werden.
Das lässt sich wunderbar auf unseren Alltag übertragen: Der Kollege, den Sie für hervorragend halten, macht einen Fehler: „Kann passieren.“ Der Kollege, den Sie ohnehin für unfähig halten, macht denselben Fehler: „Typisch.“ Gleicher Fehler. Andere Vorgeschichte. Anderes Urteil.
Vielleicht ist Klopp deshalb gar nicht die wichtigste Erkenntnis dieses Artikels. Interessanter ist die Frage: Wem geben Sie selbst mehr Zeit, mehr Verständnis und eine zweite Chance?
Bei Menschen, die wir mögen, suchen wir schneller nach Erklärungen. Bei Menschen, denen wir kritisch gegenüberstehen, wird derselbe Fehler schneller zum Beweis für mangelnde Kompetenz.
Jürgen Klopp sollte Zeit bekommen. Julian Nagelsmann hätte sie damals vermutlich genauso verdient gehabt.
Fair urteilen bedeutet deshalb nicht, jeden gleich gut zu finden. Es bedeutet, denselben Fehler nicht unterschiedlich zu bewerten, nur weil uns der eine Mensch sympathischer ist.
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