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Filippo Leutenegger ist ein animal politique, aber auch sensibel und verletzlich. Er sagt: «Ich kann damit leben, wenn ich überstimmt werde»

Дата публикации: 21-06-2026 03:04:00

Wirklich? Porträt eines dominanten Charismatikers.

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Filippo Leutenegger ist ein animal politique, aber auch sensibel und verletzlich. Er sagt: «Ich kann damit leben, wenn ich überstimmt werde»

Wirklich? Porträt eines dominanten Charismatikers.

Der Immobilienbesitzer Filippo Leutenegger im Hof seines Wohnhauses an der Forchstrasse in Zürich.

Der Immobilienbesitzer Filippo Leutenegger im Hof seines Wohnhauses an der Forchstrasse in Zürich.

Filippo Leutenegger hat eigentlich keine Zeit. Doch er nimmt sie sich. «Wie lange brauchen wir? Eine Stunde Maximum?», sagt er im Innenhof seiner imposanten Wohnung in Zürich Hirslanden. Danach müsse er weiter in den Thurgau, zur Aufzeichnung einer Fernsehsendung: «Top Jass» mit Monika Fasnacht auf Tele Top. Vor dem Treffen an einem Freitagvormittag Anfang Juni war Leutenegger bereits am Bahnhof Stadelhofen unterwegs: Flyer verteilen gegen die Wohnschutzinitiative, die seine Partei für «brandgefährlich» hält und die später abgelehnt werden sollte an der Urne. Die Folgen der Vorlage wären «katastrophal».

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In einem Newsletter hatte der Immobilienbesitzer und Präsident der Zürcher FDP das bereits im vergangenen Jahr verkündet. Jetzt also auch auf der Strasse, im Eins-zu-eins mit Zürcherinnen und Zürchern, die kurz stehen bleiben. Oder achtlos an ihm vorbeihasten. An ihm, der bis vor kurzem die bekannteste Figur der neunköpfigen Zürcher Stadtregierung war.

Parteipräsident, Stadtrat, Flugblatt-Verteiler, Jasser am Lokalfernsehen: Filippo Leutenegger hat viele Rollen.

Am Abend vor dem Einsatz in der verregneten Rushhour am Stadelhofen war der Schul- und Sportvorsteher der Stadt Zürich mit einer kleinen Feier im Muraltengut verabschiedet worden. Seine langjährige «Chefin» Corine Mauch hielt eine berührende Rede, danach gab es eine innige Umarmung mit der früheren Stadtpräsidentin der SP. Sein Abschiedsgeschenk nach zwölf Jahren: eine Mini-Version eines Escher-Modells, das eine Mitarbeiterin im Lager des Tiefbauamts entdeckt hatte und das er bis zuletzt in seinem Büro in Zürich Enge aufgestellt hatte.

Leutenegger freut sich sichtlich darüber. «Das ist lässig! Das Original musste ich leider zurücklassen.» Die Fotografin muss den Alfred Escher auf dem Esstisch in seiner Wohnung ebenfalls bewundern: den Eisenbahnbaron, den Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt, den «König der Schweiz», wie der freisinnige Nationalrat bereits zu Lebzeiten bezeichnet wurde.

Filippo Leutenegger ist nicht der König von Zürich. Aber er hat der Zürcher Politik der vergangenen Jahre den Stempel aufgedrückt. So gut man das eben kann als FDP-Vertreter in einer rot-grün dominierten Stadtregierung. Als Präsident einer verunsicherten Partei, die am Dienstag nach einer rumpligen Kandidatensuche entscheiden wird, mit wem sie 2027 zur Wahl für die Kantonsregierung antritt. Und vor allem: als nimmermüder Schaffer.

Leutenegger ist 73 Jahre alt. Er sagt von sich selbst: «Ich habe viel Energie.» Er gilt als einer, der sich dafür einsetzt, dass es den Menschen um ihn herum gutgeht. In seiner Familie (er hat fünf erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder), in seinem Mehrfamilienhaus an der Forchstrasse, in Stadt und Kanton Zürich, in der ganzen Schweiz. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er habe ein grosses Herz, auch für Andersdenkende.

So zumindest erzählen es diejenigen, die ihn zu kennen glauben. Haben sie recht?

«Ich bin der Filippo!»

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Schliesslich hat man es mit einem Schwergewicht der hiesigen Politik zu tun. Einem gewieften Rhetoriker. Einem Medienprofi, der mit allen Wassern gewaschen ist: er, der Erfinder der «Arena», der frühere Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, CEO der «Weltwoche» und Verleger der «Basler Zeitung».

Leutenegger hat Charisma. Seine Stimme klingt vertraut. Man kennt sie von früher, vom Fernsehen. Sein Auftreten: locker, in Turnschuhen. Krawatte trägt er schon lange nicht mehr. Leutenegger ist dominant – und dennoch zugänglich, sensibel gar. Ein geselliger Typ. Er will mit allen per Du sein – «Ich bin der Filippo!» – und ist dann irritiert, vielleicht sogar beleidigt, wenn man nicht darauf einsteigt.

Er ist mit Leib und Seele dabei. Das ist ein Risiko: Es macht verletzlich.

Als Leutenegger 2018 vom wichtigen Tiefbaudepartement ins zweitrangige Schuldepartement zwangsversetzt wurde, konnte man förmlich zusehen, wie sehr ihn das getroffen hatte. «Das Vertrauen ist angekratzt», sagte ein verärgerter FDP-Stadtrat an der Medienkonferenz im Stadthaus. Neben ihm: Corine Mauch, der Grund für seine schlechte Laune. In die Kamera von «Schweiz aktuell» sagte Leutenegger: «Normalerweise probiert man, mit den Minderheiten so umzugehen, dass sie sich einbringen können.» Anstatt sie an die Wand zu drücken. Das gezieme sich nicht für eine Konkordanzregierung, in der man Rücksicht zu nehmen habe.

Zu diesem Zeitpunkt konnte sich Leutenegger wohl kaum vorstellen, wie sehr ihn seine neue Aufgabe im Stadtrat beflügeln würde. 2020 erfasste die Corona-Pandemie das Land. Am 13. März verkündete der Bundesrat den Lockdown: Alle Schulen mussten schliessen. Das Unvorstellbare war eingetreten.

Am 14. März, einem Samstag, schritt Filippo Leutenegger zur Tat: Er verschickte eine E-Mail an alle Eltern, deren Kinder in der Stadt Zürich die Volksschule besuchten.

Fährt mittlerweile ein chinesisches Modell: Leutenegger auf seiner elektrischen Vespa.

Fährt mittlerweile ein chinesisches Modell: Leutenegger auf seiner elektrischen Vespa.

«Wir bitten Sie, Ihre Kinder ab Montag, 16. März 2020, zu Hause zu behalten und nicht zur Schule zu schicken», schrieb Leutenegger. Und weiter: «Für Schülerinnen und Schüler der Kindergarten- und Primarstufe stellen die Schulen bis zu den Frühlingsferien eine Notfallbetreuung zur Verfügung.» Dies gelte allerdings nur für Eltern, die zwingend darauf angewiesen seien – etwa, da sie in einem Bereich arbeiteten, «der die vitalen Leistungen unserer Gesellschaft sicherstellt (Gesundheitswesen, Sanität, Polizei, Feuerwehr, Wasser oder Stromversorgung)».

Vier Tage später verfasste Leutenegger das nächste Rundschreiben. Darin liess er Eltern und Erziehungsberechtigte wissen: «Ich möchte mich für Ihre Unterstützung und Ihr Verständnis in Bezug auf die Notfallbetreuung bedanken. Sie haben einen grossen Teil der Verantwortung getragen, die jetzt von der ganzen Gesellschaft gefordert ist.»

Die väterlichen Worte des Schulvorstehers erreichten bis zu 43 000 Adressaten in der ganzen Stadt – per Knopfdruck. Der Eltern-Newsletter der Stadt Zürich war geboren: ein mächtiges Tool, mit dem Leutenegger seine kommunikativen Fähigkeiten gekonnt ausspielte.

«Unterstützen Sie Ihre Kinder beim Fernunterricht.» – «Zögern Sie nicht, bei Stress oder Problemen Unterstützung in Anspruch zu nehmen.» – «Reagieren Sie, bevor Ihnen die Decke auf den Kopf fällt!» – «Das Sportamt hat einen tollen Youtube-Kanal für sportliche Aktivitäten in den eigenen vier Wänden ins Leben gerufen», liess er seine Abonnenten während des Lockdowns wissen.

Und vor allem: «Lassen Sie sich nicht verunsichern. Flächendeckende Repetitionen von Klassen sind kein Thema.» Das war vielleicht die wichtigste Botschaft, die nervöse Eltern hören wollten, während sie sich beim Homeschooling abmühten.

Filippo Leutenegger in seinem Zuhause. Er wohnt in einer früheren Fensterfabrik, die er selbst umbauen liess.

Für viele wurde Leutenegger zum ruhenden Pol der Pandemie. Er vermittelte Zuversicht in der (Schul-)Krise. Er gab Eltern Halt, und sei es nur für einen kurzen Moment am Bildschirm. Man konnte ihm auch zurückschreiben. Vielleicht griff er dann sogar zum Telefon und erkundigte sich persönlich nach den grössten Sorgen. Und als die Pandemie vorbei war, konnten sich Schulleiter und Schulkreispräsidentinnen weiterhin auf ihn verlassen. Auf ihn, den FDP-Stadtrat, der nach seiner Strafversetzung überhaupt keine Lust auf Schule hatte.

Beim Elterngespräch dabei

Die Vorbehalte waren gegenseitig. Die Volksschule der Stadt Zürich ist fest in linker Hand. Fünf von sieben Schulkreisen werden von SP-Politikerinnen präsidiert. Ihnen hat der Schulvorsteher ohnehin nichts zu sagen. Der städtische Schulpräsident fungiert eher als primus inter pares: ausgestattet mit symbolischer Macht vielleicht, mehr aber auch nicht.

Was will einer wie Leutenegger in diesem Job?

Die Antwort lautet: erreichbar sein, da sein, zuhören. Wenn nötig mit seinem Namen punkten. Eine Schulkreispräsidentin der SP erzählt es so: Als sie bei einem Konflikt mit Schweizer Eltern nicht mehr weiterkam, weil diese das Problem nicht mit einer Frau besprechen wollten, war Leutenegger zur Stelle: Er nahm sich Zeit für sie – und beim nächsten Krisentreffen war er ebenfalls dabei. Und hörte zu. Er, den der Vater des betreffenden Schülers noch kannte aus der «Arena». Das beruhigte die Situation.

Das Problem war damit zwar nicht aus der Welt. Aber das ist nebensächlich, wie die Schulkreispräsidentin betont. Wichtig sei: Leutenegger war da für seine Leute – «auch für jene in unserer linken Blase».

Diese Blase konnte sehr zufrieden sein mit ihrem «Chef». Er setzte sich ein für Tagesschulen. Er machte sich stark für gute Sekundarschulen und die Berufslehre. Er brachte die Bildungselite gegen sich auf, weil er es wagte, die Stellung des Langgymnasiums infrage zu stellen. Emotional hatte die Volksschule ihn ohnehin auf ihrer Seite. Leutenegger, der Familienmensch, der einst eine Kita im Quartier gegründet hat, sagt: «Ich habe Kinder sehr gerne.» Schulbesuche waren für ihn Pflicht, aber auch Vergnügen, eine rührende Angelegenheit; etwa wenn ihm im Singsaal ein Ständchen geboten wurde.

Und auch sonst tat der liberale Schulvorsteher das, was seine linken Kreispräsidentinnen von ihm verlangten. Anfang Mai musste Leutenegger per Communiqué mitteilen, dass die Stadtzürcher Schulpflege das kantonale Referendum gegen eine bessere Entschädigung von Volksschullehrern bedauere – und den Medien für Nachfragen zur Verfügung stehen.

Leutenegger selbst hält die Lohnvorlage für überladen, die eine knappe Mitte-links-Mehrheit im Kantonsrat beschlossen hatte. Aber was will man machen? «So ist das nun einmal in einer Kollegialbehörde», sagt der FDP-Politiker, als man ihn darauf anspricht.

Fan der Schweiz

Kollegialität, Konkordanz, die liberale Schweiz, die föderative Ordnung, der Ausgleich zwischen Mehrheit und Minderheit: Filippo Leutenegger kommt immer wieder auf diese Werte zu sprechen. Er sagt: «Ich bin ein grosser Fan unseres Systems.» Er will gewinnen. Aber nicht um jeden Preis.

Leutenegger wuchs in Rom auf, als Sohn von Auslandschweizern. Er hätte eigentlich Philipp heissen sollen. Aber nach der Taufe in der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore machte die Kirchenverwaltung kurzerhand Filippo draus. Er sagt: «In Italien könnte ich nicht politisieren.» Zu viel Drama, zu viel Polemik zwischen Regierung und Opposition. Wenig Sinn für Kompromisse, fürs Ringen um bestmögliche Antworten.

Leutenegger kann auch polemisch sein. Seine Gegner kommen mitunter schlecht weg, ob im Stadtparlament oder in der eigenen Partei. Er kann sehr deutlich werden. Erst recht, wenn er gestresst ist. Leutenegger sagt: «Ich bin echt. Ich erzähle kein Blabla.» Im Nachhinein allerdings will er vieles von diesem Echten so nicht gesagt haben. Interviews mit ihm sind eine Herausforderung: zuerst kantig, dann – nachdem er den Text «redigiert» hat – für seine Gesprächspartner häufig allzu brav. Sie haben ihn schliesslich erlebt, wenn er Klartext spricht.

Ist das eitel, mutlos gar?

Liebling der Medien: Diese Karikatur erschien 2014 in der NZZ, kurz nach Leuteneggers Wahl in den Zürcher Stadtrat.

Liebling der Medien: Diese Karikatur erschien 2014 in der NZZ, kurz nach Leuteneggers Wahl in den Zürcher Stadtrat.

Wahrscheinlicher ist, dass Leutenegger vorzuleben versucht, was er sich selbst auf die Fahnen geschrieben hat. Er, der Fan des Schweizer Systems, sagt: «Wir müssen uns reiben, fürs Gemeinwohl einstehen, Probleme lösen, tragfähige Lösungen finden.» Und zwar im Hintergrund, nicht auf der grossen Bühne. Deswegen habe er die Konkordanz im Stadtrat immer verteidigt. «Ich war ein Faktor, obwohl ich oft verloren habe. So what?» Es klingt sehr überzeugt. Dieses Ideal verträgt sich schlecht mit öffentlichen Attacken auf jene, die seine Meinung nicht teilen. Daher bleibt bei Leutenegger vieles «off-the-record».

Und wenn er verliert, akzeptiert er es und schweigt. Er versucht es zumindest. «Das ist dummes Zeug. Wir sind liberal haben deshalb unterschiedliche Meinungen, das ist alles», sagt der Parteipräsident auf die Frage, ob die FDP in der Europafrage gespalten sei. Leutenegger hatte das Nein-Lager angeführt, als die nationale Partei im Herbst ein erstes Mal darüber zu befinden hatte, ob sie dem neuen Vertragswerk mit der EU zustimme oder nicht. Er war der «Sprecher einer lauten Minderheit», wie er damals sagte.

Die Abstimmung in Bern ging krachend verloren. Mit Nein votierten weniger als ein Viertel der Parteidelegierten. Auch die Zürcher Delegation im Saal hatte anderes im Sinn, als ihrem Präsidenten geschlossen zu folgen.

Leutenegger schüttelte sich kurz – und machte dann weiter. Bei ihm zu Hause an der Forchstrasse sagt er: «Ich bin beseelt von unserem Land – und ich kann damit leben, wenn ich überstimmt werde.» Widerstand von unten sei wichtig, ein wichtiger Pfeiler der Demokratie. Und noch einmal: «Ich brenne für die Schweiz.»

Es klingt sehr gut. Ist das nun der echte Leutenegger? Oder spricht hier ein Politiker, der die Bühne dankend annimmt, die die Medien ihm bieten – beim Shooting in seiner Wohnung in Zürich, an der Delegiertenversammlung der FDP Schweiz im vergangenen Oktober in Bern, an der die grossen Scheinwerfer und Kameras des Landes wieder auf ihn gerichtet waren?

Kurz vor diesem Auftritt machte das Gerücht die Runde, dass der Zürcher Kantonalpräsident mangels präsentabler Kandidaten auch die nationale Partei übernehmen werde. Ihm, einem animal politique, traut die angeschlagene FDP offenbar alles zu, egal auf welcher Staatsebene, egal in welchem Alter.

Er selbst kann über solche Geschichten nur schmunzeln. Leutenegger vertraut darauf, dass man ihm sein Versprechen abnimmt, mit dem er sich 2023 zum Präsidenten der Zürcher Freisinnigen wählen liess: Ein Parteipräsident habe für die Partei da zu sein. Und nicht für eigene Ambitionen. Er sei ein Königsmacher, er wolle die Partei aus dem Jammertal holen – und Kandidaten für die Zukunft aufbauen. Sein Gegenspieler, ein Mann der Autolobby und ehedem gescheiterter Regierungsratskandidat, hatte keine Chance.

Im April 2027 stehen im Kanton Zürich die nächsten Wahlen an. Dann wollen die Liberalen ihr Jammertal durchschritten haben. Die Ausgangslage wäre eigentlich günstig. Als Wahlkampflokomotive wird Filippo Leutenegger mehr Zeit haben, da er nicht mehr Stadtrat ist. Aus Zürich und vielen weiteren Gemeinden im Kanton gibt es Rückenwind. Leuteneggers Sitz im Stadtrat konnte die FDP bei den Wahlen im Frühjahr zwar nicht verteidigen, aber im Stadtparlament legte die Partei zu.

Und in der Kantonsregierung wird es einen Generationenwechsel geben. Stand heute werden vier von sieben Sitzen frei, so auch jener der Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh, dem einzigen der FDP.

Der (einzige) Kandidat des Präsidenten

Dann kam der 13. April 2026, ein Montag. Leutenegger hatte zur Pressekonferenz geladen, in einer Sitzungspause des Kantonsrats in Zürich Aussersihl. Die Parteileitung präsentierte ihren Kandidaten für den Regierungsrat: Andri Silberschmidt, 32, Gastrounternehmer, seit sieben Jahren im Nationalrat, das Aushängeschild der Zürcher FDP in Bern. Und sonst niemanden.

Er sei ein Brückenbauer. Ein «gschaffiger» Typ, ein sehr erfolgreicher Parlamentarier, eine bekannte Persönlichkeit. «Er ist der beste Garant, um den FDP-Sitz in der Regierung zu halten», sagte Leutenegger vor den Medien über Silberschmidt. Augenblicke zuvor hatte der Präsident seine Partei zur «stillen Siegerin» der Gemeindewahlen vom März erklärt. Diesen Schwung wolle man mitnehmen ins nächste Jahr. Und: Bei einer weiteren Vakanz im Regierungsrat – gemeint war der Sitz des parteilosen Sicherheitsdirektors Mario Fehr – werde man bereit sein.

Was hätte Alfred Escher wohl gehalten von dieser Strategie? Braucht es einen Leutenegger, um einen ohnehin schon prominenten Kandidaten auf den Schild zu heben – als einzigen Namen auf dem Ticket der FDP?

Kopfschütteln allenthalben

Grosse Teile des Zürcher Freisinns und seiner Anhänger jedenfalls waren gekränkt, enttäuscht, beleidigt gar. Die stolze Partei und ihr Präsident übten sich in Selbstverzwergung. «Mutlos», grummelte es aus der Kantonsratsfraktion. «Peinlich», kommentierte die NZZ auf der Titelseite der folgenden Samstagsausgabe.

Filippo Leutenegger sagt: «Zwischendurch kommt beim Präsidenten halt der Güllenwagen vorbei.»

Filippo Leutenegger sagt: «Zwischendurch kommt beim Präsidenten halt der Güllenwagen vorbei.»

Mehrere unbekannte Politiker waren von der von Leutenegger präsidierten Findungskommission nicht berücksichtigt worden. Europafreundliche Kandidatinnen wurden abgelehnt, weil man es sich mit der SVP nicht verscherzen wollte. Wieder andere wurden von der Partei angefragt, mehrfach sogar. Doch sie verzichteten. Leutenegger habe nach Kräften versucht, ein gemischtes Zweierticket aufzustellen, sagt eine dieser Politikerinnen zur NZZ. Aber das habe sich als schwierig erwiesen.

Spielte die Zürcher FDP etwa mit dem Gedanken, mit zwei Männern anzutreten? Wie würde das ankommen? Wie würde das wirken nach aussen? Zweifel kamen auf. Und ja, so heisst es aus Parteikreisen, der Chef höre einem auch dann zu, wenn es für ihn ums Ganze gehe. Er entscheide längst nicht alles allein – auch wenn dies von aussen so scheinen möge.

Showdown am Dienstag

Der Vielgescholtene nimmt’s gelassen. «Zwischendurch kommt beim Präsidenten halt der Güllenwagen vorbei», sagt Filippo Leutenegger beim Treffen in seinem Wohnzimmer. Und überhaupt: Er habe damit gerechnet. «Aber jetzt kommt es so, wie ich es mir gewünscht habe.»

Nach dem Shitstorm im April verkündete die Parteileitung, dass man sich weiterhin melden könne. Und so werden die Delegierten neben Silberschmidt auch über die Kandidatur des Mumienforschers Frank Rühli und jene des Landwirts Martin Huber zu befinden haben. Rühli und Huber hatten sich ebenfalls bereits im vergangenen Jahr beworben, während der ordentlichen Frist. Sie versuchen es nun ein zweites Mal.

Leuteneggers Gelassenheit, ob Taktik oder nicht, dürfte vor allem mit der vierten Kandidatur zusammenhängen: jener von Monika Keller, 57, Kantonsrätin, Konfliktberaterin an der ETH Zürich und seit zwölf Jahren Gemeindepräsidentin von Greifensee. Sie wurde im März in ihrem Amt bestätigt. Danach gab sie sich einen Ruck. Sie bringe Exekutiverfahrung mit. Und es könne doch nicht sein, dass die Partei keine Frauen präsentiere, sagt sie am Telefon.

Keller könnte die Kohlen für ihren Parteipräsidenten aus dem Feuer holen. Selbst wenn sie nicht aufgestellt werden sollte. Selbst wenn der Präsident auch von ihrer Kandidatur nicht überzeugt sein sollte. Aber dank ihr dürfte Leutenegger am Ende recht behalten mit einem Satz, den er bei der Präsentation Silberschmidts sagte und der zu ihm, der nach eigenen Angaben gerne überstimmt wird, viel besser passt als eine von oben definierte Einerstrategie: «Wir sind eine Partei des Wettbewerbs.»

Fortsetzung folgt an der Nominationsversammlung am Dienstagabend in Zürich, dem nächsten grossen Auftritt von Filippo Leutenegger.

Was kommt nach Leutenegger? Blick auf einen Sitzplatz seines Mehrfamilienhauses in Zürich.

Was kommt nach Leutenegger? Blick auf einen Sitzplatz seines Mehrfamilienhauses in Zürich.

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