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DFB-Vorsänger: "Der Fokus rutscht vom Spiel auf den Konsum"

Дата публикации: 01-07-2026 19:15:32

Der Berliner Pasquale Seliger reiste als Vorsänger der deutschen Nationalmannschaft zur Fußball-WM. Nach dem bitteren aus der DFB-Elf spricht er über seine Gefühlswelt, fanfeindliche Maßnahmen in den Stadion und was er sich speziell für die USA wünscht.


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Interview Berliner DFB-Vorsänger über WM "Der Fokus rutscht vom Spiel auf den Konsum"

Die deutschen Fans sind nach dem WM-Aus ihrer Mannschaft gegen Paraguay enttäuscht. (Foto: IMAGO / HMB-Media)
Die deutschen Fans sind nach dem WM-Aus ihrer Mannschaft gegen Paraguay enttäuscht. (Foto: IMAGO / HMB-Media)

Die Nationalmannschaft zu einer Fußball-Weltmeisterschaft begleiten: Für viele Fans ist das ein großer Lebenstraum. Der Berliner Pasquale Seliger hat ihn sich erfüllt. Als Mitglied eines DFB-Fanklubs und Vorsänger der deutschen Fankurve ist er bei allen großen Turnieren dabei. So auch in diesem Jahr bei der FIFA Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko. Doch sein Fan-Abenteuer sollte mit dem Ausscheiden Deutschlands gegen Paraguay ein bitteres Ende nehmen.

Im Interview spricht Seliger über seine Gefühlswelt nach dem deutschen WM-Aus, von fandfeindlichen Maßnahmen in den WM-Stadien und darüber, was er sich speziell für die USA wünscht.

rbb|24: Herr Seliger, legen wir sofort den Finger in die Wunde und sprechen zunächst über das Sportliche. Wie haben Sie das Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay erlebt und haben Sie es mittlerweile verarbeitet?

Pasquale Seliger: Das war schon ein hartes Spiel. Wir waren nach dem Tor von Jonathan Tah gefühlt schon weiter – maximale Ekstase. Dann zählt es nicht. Im Elfmeterschießen sind wir eigentlich tot, leben auf einmal wieder, um dann endgültig zu sterben. Das Aus hat schon sehr wehgetan und eine große Leere hinterlassen. Ich habe es noch nicht verarbeitet, das wird noch ein wenig in mir brodeln.

rbb|24: Wir hatten bereits vor der WM miteinander gesprochen. Damals sagten Sie, es hätte noch kein fanfeindlicheres Turnier als diese WM in den USA, Kanada und Mexiko gegeben. Bleiben Sie nach den letzten Wochen bei diesem Standpunkt?

Seliger: Zu 100 Prozent, der Eindruck hat sich eher nochmal verschlechtert. Die Rahmenbedingungen – seien es die Tickets oder Reisestrecken – waren ja bereits bekannt. Aber um mal ein konkretes Beispiel zu nennen: Als ich beim ersten Deutschland-Spiel in Houston nochmal in die anderen Blöcke ging, um sie einzustimmen und zurück zu meinem Platz kam, waren unsere beiden Trommeln weg. Obwohl wir mit dem dortigen Sicherheitschef vorab alles besprochen hatten und es genehmigt war, hat die Security die Trommeln einfach weggesperrt.

Zudem wurde mir verboten, leicht erhöht zu stehen – etwas, das es dringend braucht, da mich alle sehen müssen, damit sich die Stimmung überträgt. Es war dann sogar die Polizei im Block und sagte mir, dass wenn ich mich nochmal auf eine Stange stelle, ich aus dem Stadion fliegen würde. Diese Diskussionen haben uns die komplette 1. Halbzeit gekostet.

rbb|24: Sie hatten vor der WM befürchtet, dass Sie als Vorsänger und Fans schlechte Plätze im Stadion haben und deshalb weniger Stimmung erzeugen werden. Hat sich diese Sorge bewahrheitet?

Seliger: Ja. Der Block, in dem wir als Vorsänger waren, lag im zweiten oder dritten Stadionrang. Das war von der Stimmung her kein Vergleich zur Europameisterschaft 2024, als wir direkt hinterm Tor standen. Wenn man die große Party im Stadion will, kann man die Fans nicht in diese Blöcke packen.

Dazu kommt, dass es in den letzten Spielen durch die verschiedenen Ticketkategorien zwei Deutschland-Blöcke gab. Im Spiel gegen Paraguay waren diese Blöcke rund 50 Meter voneinander entfernt, unter unserem Block saßen neutrale Stadionbesucher. So konnte man gar nicht wirklich miteinander feiern. Die Fankultur, die den Fußball ausmachen sollte, wird so stark beschnitten, dass es echt schwer ist, die Stimmung ins Stadion zu bringen.

Pasquale Seliger heizt als Vorsänger der Deutschland-Fankurve ein (picture alliance/DFB) Pasquale Seliger heizt als Vorsänger der Deutschland-Fankurve ein (picture alliance/DFB)

rbb|24: Neu bei dieser WM sind auch die "Hydration Breaks" in den jeweiligen Halbzeiten. Welche Auswirkungen haben diese kurzen Pausen auf das Stadionerlebnis?

Seliger: Wenn es in einem Stadion 40 Grad wären, hätte ich Verständnis dafür. Aber in ungefähr der Hälfte der Spiele herrschen weniger als 30 Grad, in Houston waren es 20 Grad und Leute haben Pullover getragen. Es geht hier nur um Marketing, man will noch mehr Werbungen verkaufen können und macht damit den Sport kaputt. Fußball hat zwei Halbzeiten mit je 45 Minuten und nicht vier Viertel mit je knapp 22 Minuten. Hier wird sehr tief in die Seele des Fußballs eingegriffen. Es verändert das Spiel – und somit auch die Stimmung. In diesen Trinkpausen gehen Leute auf Toilette, verschnaufen kurz und es kommen sogar Verkäufer mit Essen und Trinken in die Blöcke. Der Fokus rutscht vom Spiel auf den Konsum.

rbb|24: Wie hat Ihnen die WM-Atmosphäre in den Städten bislang gefallen?

Seliger: Als ich am Flughafen von Houston ankam, war von der WM überhaupt nichts zu sehen, kein einziges Schild – das hat mich schon verwundert. Von der Stadt habe ich wenig gesehen, da es für mich direkt aufs Fanfest ging, wo natürlich viel WM-Feeling war – allerdings auch ein großes Polizeiaufgebot, das fast schon wie eine Machtdemonstration wirkte.

rbb|24: Wo gab es den größten Support der lokalen Bevölkerung für Deutschland?

Pascal Seliger: Toronto war ein echtes Highlight – egal ob Stadion, Menschen oder Security. Man konnte mit allen Leuten gut reden, wir erfahren hier als Deutschland unglaublich viel Zustimmung. Es herrscht eine extrem positive Stimmung uns Fans gegenüber. Die einheimischen Fans liefen sogar beim Fanmarsch mit und versuchten, unsere Lieder mitzusingen. In den USA ist die WM-Stimmung am ehesten an den lateinamerikanisch geprägten Orten spürbar, dort brennt es total. An einzelnen Ort geht sehr viel, insgesamt aber sehr wenig. Deshalb reise ich nun nach Mexiko weiter.

rbb|24: Sie haben ja auch Fanlager anderer Nationen erlebt. Wer hat den größten Eindruck auf Sie gemacht?

Pascal Seliger: Was grundsätzlich sehr schön ist, ist, wie wir mit den anderen Nationen zusammen feiern. Wir hatten beispielsweise nach dem Spiel gegen Ecuador noch eine große Party mit den natürlich euphorisierten Ecuadorianern. Ich habe nirgends irgendwelche Gewalt, sondern immer ein gutes Miteinander erlebt. In den Städten haben wir beispielsweise noch die schottischen Fans getroffen, da gibt es einfach viele richtig schöne Momente. Das zeigt, was eine Weltmeisterschaft grundsätzlich an Energie und Kraft hat – auch in den aktuellen Zeiten. Sie bringt Menschen zusammen.

rbb|24: Wie war der Kontakt zu den US-Amerikanern selbst?

Seliger: Viele US-Amerikaner haben mir gesagt, wie stolz sie darauf sind, dass die ganze Welt bei ihnen zu Gast ist, und dass sie sich über diese Diversität freuen. Mir wird aus der Gesellschaft heraus gespiegelt, dass es einen großen Wunsch in den USA gibt, ein weltoffenes Land zu sein. Ich hoffe, dass diese WM einen zumindest kleinen Beitrag dazu leisten kann, das wieder mehr in den Vordergrund zu rücken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs.

Sendung: rbb|24, 01.07.2026, 21:15 Uhr
Audio: rbb|24, 01.07.2026, Marc Schwitzky im Gespräch mit Pasquale Seliger

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