Wie sich Public Viewing anfühlt, ist hinlänglich verhandelt. Aber wie fühlt es sich dort an, wo man sich für Fußball offenbar so gar nicht interessiert? Ein Feldversuch in der Berliner Ringbahn.
Reportage Deutschland vs. Ecuador in der Ringbahn Dieser Zug hat eine Bremse
Als Sven Regener - der Sänger, Trompeter, Texter und Autor - 13 Jahre alt war, spielte die Bundesrepublik Deutschland ein Weltmeisterschafts-Finale gegen die Niederlande. Regener, bekennender Fan von Werder Bremen, interessierte das nicht die Bohne. Was ihn interessierte, war, ob denn zum Zeitpunkt des Finals, ob am 7. Juli 1974 kurz nach 16 Uhr, ob da jemand auf der Autobahn fahren würde. Also schnappte er sich sein Fahrrad und machte sich auf die Suche. Und auf die Autobahn. Sie war leer. Erst nach vielleicht zehn Minuten sei ein Fahrzeug mit drei Omas drin vorbeigekommen, erzählte mir Regener einmal in einem (Fußball-)Podcast.
Ich finde das auch deshalb bis heute wahnsinnig komisch, weil ich immer wieder neu darüber spekulieren kann, ob denn diese Omas nicht vielleicht auch deshalb auf dieser Autobahn unterwegs waren, weil sie selbst einmal schauen wollten, ob denn da jemand fahren würde zum Zeitpunkt des WM-Finals. Und allein schon deshalb ist es nun zum dritten deutschen Vorrunden-Spiel der FIFA Fußball-WM an der Zeit, in die Fußstapfen von Sven Regener und mithin in die Berliner Ringbahn zu steigen.
Los geht’s an der Storkower Straße. Wo sich mit Blick Richtung Himmel, der hier auch immer der Blick Richtung Plattenbau ist, noch immer leicht befinden lässt, dass es mit dem Ende der DDR nicht mehr lange dauern kann. Um 21:40 Uhr, 20 Minuten vor Spielbeginn gegen Ecuador, steige ich ein in die S42. Gut gefüllt. Gut gekühlt. Kein Fußball weit und breit. Wer irgendwo das Spiel sehen will, hat sein Ziel schon erreicht. Hier sitzen nur noch die, die für Fußball nichts übrig haben.
Der Zug setzt sich in Bewegung, in die Abenddämmerung hinein. Wie schön Berlin dann sein kann, im ausgehenden Sommerlicht. Wenn man nirgendwohin muss, aber irgendwo sein kann. Zwischen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen höre ich bei einem Gespräch der Sitzbank gegenüber, wie schlimm es um die Bürokratie in Finnland bestellt ist. Sehr unflexibel! Bei der WM sind sie auch nicht dabei, denke ich, und dass ich weniger über Deutschland meckern will ab sofort. Das wäre mir vor dem Fernseher vermutlich eher nicht passiert.
Im Wedding steigt der Schweißgeruch zu. Ecuadorianischer Angstschweiß, denke ich. Nehme ich an. Ich bin kein Investigativ-Journalist. Ich wechsle lieber den Platz. Gute Idee. Weiter hinten singen ein paar Kinder "oben gute Laune, unten gute Laune, vorne gute Laune, hinten gute Laune". Eine Frau mittleren Alters schnippt sofort begeistert mit ihren Fingern mit. Nachdem die singenden Kinder eine Station später den Zug verlassen haben, raunen sich zwei Teenagerinnen zu: "Voll süß! Dabei war der Papa Deutscher!"
Das Spiel läuft bereits. Und wie. Leroy Sané mit dem deutschen 1:0 in der zweiten Minute. Ich höre auf einem Ohr Inforadio mit und überlege kurz, es dem S-Bahnhof Westend zu übermitteln. Aber die Wahrung der Totenruhe ist eben auch zu respektieren.
Unter den sehr lebendigen deutschen Spielern dieser WM als musikalische Begleitung derzeit sehr beliebt sei der Song "Der Zug hat keine Bremse", las ich unlängst. Kurios, weil: die Ringbahn schon. In Halensee. Alles aussteigen. Weiterfahrt auf dem Gleis gegenüber. Und dann fällt das 1:1 durch Ecuadors Nilson Angulo. Kann das Zufall sein?
Von Fußball ist hier drinnen, in der Ringbahn, aber auch danach nichts zu spüren. Sonnenallee steigt einer ein, bei dem ich kurz denke, er würde die Partie schauen. Aber er daddelt nur ein Fußball-Computerspiel. Ein Tor erzielt er nicht. Über drei Stationen. Bezeichnend.
Es wird ein bisschen voller in diesem Teil der Stadt. Und herzlicher. Zwei Teenager-Jungs suchen in einer Vierer-Gruppe den Kontakt zu ihren Gegenübern. Ihnen ist langweilig. Ein Mann sagt auf Nachfrage, er komme aus Pakistan. Die beiden Jungs entgegnen in reinstem Berlinerisch: Saudi-Arabien. Es stellt sich heraus, dass sowohl der Pakistani als auch einer der Burschen Hussein heißt. Sie geben sich gerührt die Hände. Dann sagen sie erstmal nichts. Strahlen nur. Manchmal ist es so einfach.
Um 22:44 Uhr bin ich, ist die Ringbahn wieder an der Storkower Straße angekommen. Noch eine Runde gebe ich mir nicht. Lieber mal schauen, was die anderen Öffis so drauf haben. Kleines Fazit noch: Am fleißigsten scheinen die Menschen im Prenzlauer Berg Schland-Spiele zu suchten. Hier ist der Zug leer, niemand steigt zu. Ich dafür um. Schönhauser Allee. Nix los. Gar nix. Nirgends. Würde ja sagen, das Spiel ist ein Straßenfeger. Fürchte aber einfach, so sieht das hier um kurz vor 23 Uhr inzwischen immer aus.
An der Eberswalder Straße gehe ich in einen Imbiss. In den USA nimmt der VAR einen deutschen Treffer zurück. Im Imbiss läuft "Der Zug hat keine Bremse". Ich wünschte, es wäre andersrum.
Der U-Bahnhof Schönhauser Allee während des WM-Spiels Deutschland-Ecuador (Ilja Behnisch)
Dann Heimweg mit der M10, der Party-Tram, die heute auf Tanzverbot macht. Nicht voll, gut gekühlt, Fahrgäste mit hoher Dichte an "Ich schaue drei Dia-Vorträge pro Monat an"-Vibe dabei. Das macht es nochmal kühler. Während draußen die unzähligen Spätis vorbeiziehen, die die WM zeigen und deren Leinwände fast alle belagert werden, herrscht drinnen gespenstische Stille. Das 2:1 für Ecuador ist so nur als gestikuliertes Entsetzen zu vernehmen. Es ist, als würde man durch eine Zombie-Apokalypse fahren. Draußen passiert etwas Schreckliches. Doch bloß nicht ihre Aufmerksamkeit erregen.
Kurz vor meiner Haltestelle, kurz vor Ende der Partie, hält ein Typ mir gegenüber und mit Lacrosse-Schläger im Gepäck sein Handy in seinen riesigen Händen. Er schaut jetzt tatsächlich das Spiel. Und er schüttelt seinen Kopf. Vielleicht ist er den ganzen Abend Party-Tram gefahren, um zu schauen, wer während eines Deutschland-Spiels Party-Tram fährt. Und am Ende war da einfach nur ich. Wie so drei Omas.
Sendung: rbb|24, 26.06.2026, 06:35 Uhr
Audio: rbb|24, 26.06.2026, Ilja Behnisch
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