Вход на сайт

Просмотр новости

Найдите то, что Вас интересует

Wie Weidetiere dabei helfen, neues Leben in die Agrarlandschaft zu bringen

Дата публикации: 03-07-2026 08:00:49

Lange Zeit waren Weidetiere abseits der Küsten und des Alpenrands in Ställen verschwunden. Die Folgen für die Artenvielfalt fielen verheerend aus. Nun erproben Naturschützer, Landwirte, Wissenschaftler und Stifter, wie die Weidewirtschaft eine Zukunft bekommen kann. Gefragt sind dafür vor allem Agrarpolitiker und Verbraucher.

Основное содержимое страницы с новостью.

Tour de Graslandschaften: Lange Zeit waren Weidetiere abseits der Küsten und des Alpenrands in Ställen verschwunden. Die Folgen für die Artenvielfalt fielen verheerend aus. Nun erproben Naturschützer, Landwirte, Wissenschaftler und Stifter, wie die Weidewirtschaft eine Zukunft bekommen kann. Gefragt sind dabei vor allem Agrarpolitiker und Verbraucher.

Eine idyllische Flusslandschaft mit sechs grasenden Rindern.

Weiderinder an der Elbe.

Aus einem Meer bunter Blüten tönt das Zirpen von unzähligen Heuschrecken. Orchideen leuchten in Tönen von Lila, Rosa und Purpur im Gras. Die Graue Skabiose betört, wer in die Nähe ihrer Blüten kommt, mit ihrem süßen Duft, die Traubige Graslilie mit ihrer Anmut. Wo es feucht ist, quaken Frösche, während der Weißstorch Jagd auf sie macht. Über sandigen Böden erklingt der Gesang von Ortolanen und Schwarzkehlchen.

Inmitten dieses bunten Treibens lebt und gedeiht, was Menschen ernährt – weidende Rinder, die Fleisch bringen und Milch geben. Schafe und Ziegen bearbeiten die spärlichere Vegetation. Ab Juli, wenn der Nachwuchs der in den Wiesen brütenden Kiebitze und Brachvögel bereits flügge ist, liegt erstmals der Duft von frisch geschnittenem Gras in der Luft. Als Heu wird es die Tiere im Stall durch den Winter bringen. Bis das große Wachsen und Blühen von vorne beginnt.

Täuschendes Grün

Dieses Bild hat sich noch vor hundert, zweihundert Jahren in weiten Teilen Deutschlands geboten, entstanden durch ein enges Zusammenspiel von Mensch und Natur. Ökologisch nahmen die Weidetiere die Rolle großer Grasfresser ein, die Europas Landschaften seit Millionen Jahren zu einem ständig wechselnden Mosaik aus Wald und Offenlandschaft gemacht hatten. Die Tiere nützen mit Fressen, Stampfen und ihrem Dung auf vielfältige Weise allen Lebewesen, die offenes, sonniges Land brauchen und im Schatten von Bäumen oder hohen Gräsern verkümmern würden.

Blaue, rote, gelbe Blütenvielfalt

Blumenvielfalt auf Weidefläche in Oberfranken.

Eine Idylle war das Landleben deshalb nicht. „Hart und entbehrungsreich“ sei es gewesen, sagt Ingrid Pflaum, Leiterin des Deutschen Hirtenmuseums im fränkischen Hersbruck. Von Harmonie kann aber auch heute nicht die Rede sein.

Die Agrarlandschaft von heute ist zwar, sofern sie nicht mit Gewerbegebieten, Straßen und Vorortsiedlungen überbaut wurde, immer noch grün. Doch die Farbe täuscht, sagt Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Gartens an der Freien Universität Berlin: „Ich sehe bei uns in der Landschaft grüne Wüsten – monoton und biologisch verarmt.“ Das heutige Grünland sei meist kein gewachsener, vielfältiger Lebensraum: „Weidelgras, Weißklee, Löwenzahn – das ist keine Wiese mehr, das ist ein Grasacker.“ Diese Flächen würden vielfach angesät, mehrfach im Jahr gemäht, stark gedüngt: „Sie bieten kaum Lebensraum für andere Arten.“

Landkarte zeigt Beweidungsprojekte aus dem Text.

.

Mehr als 50 Schafe in einer grasbestandenenen idyllischen Landschaft.

Schafe in der Porphyrkuppenlandschaft nördlich von Halle.

Als wichtigste Ursache für diesen Umbruch werten Experten, dass über Jahrzehnte hinweg systematisch Weidetiere vom Freiland in die Ställe geholt wurden, um mehr Fleisch produzieren zu können. Das verbliebene Grünland muss hocheffizient fermentiertes Gras, die in Plastik eingewickelte Silage, für Tierfutter oder Biogasanlagen abwerfen. „Zudem wurden seit den 1950er-Jahren viele Wiesen und Weiden in echte Äcker umgewandelt – für den Anbau von Getreide und Mais als Tierfutter“, sagt Botaniker Borsch.

Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums zufolge sind heute nur noch 4,7 Millionen Hektar und damit gut ein Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland sogenanntes Dauergrünland. Diese Fläche wird – vor allem in Norddeutschland und am Alpenrand – zu 54 Prozent als Weide genutzt, zu 41 Prozent als Wiese geschnitten. Nur eine zusammengenommen knapp 50 mal 50 Kilometer große Fläche gilt noch als naturnah.

„Der eigentliche Sündenfall“

Frühere Landschaften „waren übervoll mit Blütenpflanzen, Wiesenvögeln, Amphibien und Reptilien“, sagt Lioba Degenfelder, die in Bayern Flächeneigentümer in Naturschutzfragen berät. Die Weidetiere hätten immer nur Teilstücke abgegrast, es seien Mosaike aus genutzten und weniger stark genutzten Flächen entstanden. „Im Vergleich dazu sind die heutigen Grünlandgebiete zwar produktiv, aber ziemlich leblos“, sagt Degenfelder. Sie kritisiert, dass Landwirtschaft und Landschaft „eigentlich wie eine Schraubenfabrik betrachtet“ worden seien.

Weidetiere in Ställe zu verbannen und mit Getreide, Mais und Soja zu füttern statt mit Gras und Heu, beschreibt Degenfelder als den „eigentlichen Sündenfall und den Punkt, ab dem sich das Offenland in Bezug auf die Biodiversität sehr negativ verändert.“

Aber auch zu wenig Nutzung schadet Wiesen und Weiden. Fallen sie brach, verdrängen oft Sträucher und einige wenige dominante Grasarten die große Vielfalt an Kräutern des Offenlands, die etwa 30 bis 40 Prozent der gesamten heimischen Flora ausmacht, aber im Rückgang begriffen ist. Zudem ist heute düngender Stickstoff allgegenwärtig – aus der Gülle, die Bauern auf Wiesen entsorgen, und aus Autoabgasen. Der Stickstoff gibt nur einigen wenigen Grasarten und höchstens noch dem Löwenzahn einen Boost, die dann die große Mehrheit verdrängen.

Zurück zur naturnahen Beweidung?

90 Prozent der artenreichen Feuchtwiesen, Trockenrasen, Bergwiesen und Salzwiesen sind in den letzten 70 Jahren verschwunden, ihre Pflanzen und Insekten füllen die Roten Liste. Das hat harte Folgen: „Diese Ökosysteme sind nicht nur artenreich, sondern auch entscheidend für Kohlenstoffspeicherung, Wasserhaushalt und Klima“, sagt Botaniker Borsch. Vor allem die Rolle von Grasland als Kohlenstoffspeicher wird unterschätzt, weil die Halme im Vergleich zu Bäumen nicht viel hermachen. Der Speicher befindet sich im gigantischen Wurzelwerk. Ein Drittel des terrestrischen Kohlenstoffs lagert weltweit unter Graslandschaften.

Frau und Mann in grüner Landschaft, im Hintergrund Pferde.

Christiane Hönicke und Daniel Elias

Zwei Pferde mit wehenden Mähnen.

Koniks an der Salzstelle Hecklingen.

Rötliche Vegetation

Salzflora bei Hecklingen

Die Veränderungen, die Borsch beschreibt, kann jeder in der Landschaft selbst erleben: Man kann 2026 zwei Wochen lang über neunhundert Kilometer von Berlin nach Bayern durch Graslandschaften in sechs verschiedenen Flusstälern radeln, ohne einen einzigen Kiebitz zu sehen oder zu hören. Froschquaken ertönt nur vereinzelt aus Auentümpeln, aber nicht aus Wiesen. Schon Mitte Mai sind viele Wiesen bis knapp über den Boden abgemäht, vielfach samt samt der Vogelnester, mit Eiern und Jungvögeln darin. Auch Weidetiere sind eine Rarität.

Eine solche Erkundung der Landschaft bietet aber mehr: Noch – und vor allem wieder – gibt es Orte, an denen sich das pralle Leben vitaler Graslandschaften erfahren lässt. Projekte laufen, um Weidetiere ins Freie zurückzuholen. Landwirte, Forscherinnen und Naturschützer arbeiten daran, dass die alte Vielfalt unter neuen Bedingungen eine Zukunft hat.

Landschaftspflege als Dienstleistung

Schritt für Schritt wird der grüne Rasen röter und Christiane Hönicke freut sich darüber. Sie arbeitet als Chefin des Agrarbetriebs Primigenius daran, mit Koniks ein Naturschutzgebiet mit seltenen Salzwiesen bei Hecklingen zu regenerieren. „Unsere Pferde schaffen mit ihren Hufen offene Stellen, in denen sich die seltenen Salzpflanzen vermehren können, und ihr Dung ist gut für die Insektenwelt, was wiederum vielen Vogelarten nützt“, sagt sie. Die wichtigste der Salzpflanzen, die sich hier wieder ausbreiten sollen, ist der rot und orange schimmernde Gewöhnliche Queller (Salicornia europaea).

Dass die Artenvielfalt durch Beweidung wieder zunimmt, bezeichnet Hönicke als „Produkt“ ihres Betriebs. Dieses Denken hat sich in der deutschen Landwirtschaft noch kaum durchgesetzt. Deshalb versuchen im ganzen Land Naturschützer, Landwirte und Wissenschaftler, den Wandel zu beschleunigen, da Weidetiere für die Rückkehr zu einer artenreichen Kulturlandschaft essenziell sind.

Hönicke ist mit den zwanzig Mitarbeitern ihrer Firma Primigenius in mehreren Regionen von Sachsen-Anhalt aktiv. Größtes Weidegebiet ist die Oranienbaumer Heide in der Nähe von Dessau mit mehr als zweitausend Hektar Ausdehnung, von denen Heckrinder und Koniks 800 Hektar ganzjährig beweiden. Die sogenannte Salzstelle in Hecklingen zählt mit 15 Hektar zu den kleinsten Weideflächen im Portfolio. Doch botanisch hat sie viel zu bieten.

Tritt für Tritt zurück zur Salzflora

„Es gibt nur wenige andere Gebiete in Deutschland, wo sich weit entfernt von den Küsten eine so reichhaltige Salzflora etabliert hat“, sagt Daniel Elias, Landschaftsökologe an der Hochschule Anhalt in Bernburg, der das Projekt WeideVielfalt, einen Zusammenschluss von sechs Partnern aus Wissenschaft, Naturschutz und Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt, wissenschaftlich betreut. Grund dafür ist, dass in Hecklingen stark salzhaltiges Wasser an die Oberfläche kommt.

Rötlich-gelbe dickliche Pflanze

Queller (Salicornia europaea)

Bereits im 16. Jahrhundert beschrieb der Botaniker und Arzt Valerius Cordus die besondere Vegetation erstmals am Beispiel des Quellers. Die ungebremste Faszination von Naturforschern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts für das Gebiet führte dazu, dass es 1926 als eines der ersten überhaupt unter Naturschutz gestellt wurde. Eine regionale Arbeitsgemeinschaft von Biologen spricht von „einer der bedeutendsten Binnensalzstellen Deutschlands“.

Die Namen der Pflanzen, die hier vorkommen, sind vielsagend: Salztäschel, Salzaster, Strandsode, Salz-Binse, Salz-Hornklee, Salz-Hasenohr, Salz-Melde. Diese sogenannten „halophilen“ Arten können in ihrem Stoffwechsel im Gegensatz zu anderen Pflanzen mit dem hohen Salzgehalt umgehen und ihn tolerieren. „Für die meisten anderen Pflanzen ist das Salz Gift“, sagt Elias.

„Spektakulär, was die Tiere hier machen“

Doch vor allem zu DDR-Zeiten hat der spezielle und seltene Lebensraum stark gelitten. Aus der Intensivlandwirtschaft wurde Gülle eingeleitet und das Gebiet wurde mit Entwässerungsgräben durchzogen, manche Teile wurden aufgeschüttet. Als die Eingriffe weniger wurden, breitete sich Schilf aus. Mit seinen langen Halmen ist es anderswo bei Naturschützern als Lebensraum sehr beliebt, doch an der Salzstelle ist es aus Sicht von Elias fehl am Platz: „Wir tragen hier die Verantwortung für etwas ganz Besonderes“, sagt er über die Salzwiesen. Deshalb sei die Idee mit der Beweidung entstanden, um das Schilf und auch überdüngte Wiesenflächen zurückzudrängen.

Meter für Meter sollen die Koniks wieder Platz für die Salzflora schaffen. Das machen sie vor allem mit ihren scharfen Schneidezähnen, mit denen sie Vegetation bis knapp über dem Boden abweiden, und mit ihren Hufen, die immer neue Mulden erzeugen. In denen kann sich dann der Queller ansiedeln. „Es ist wirklich spektakulär, was die Pferde hier machen“, sagt Elias.

Unternehmerin Hönicke spricht von einer „Bau- und Konstruktionsleistung für ein wertvolles Ökosystem“, die ihre Pferde erbringen. Sie setzt dafür auf Rückenwind durch den EU-Beschluss, verlorene Naturvielfalt auf 30 Prozent der gesamten Fläche zu regenerieren: „Auch Deutschland hat sich verpflichtet, Arten und Lebensräume zu erhalten und wiederherzustellen, genau das bieten wir mit der Beweidung als Dienstleistung an.“

Junge Frau mit Fernglas vor Feuchtwiese

Caroline Dietzel

Knapp 200 Kilometer südlich von Hecklingen steht Caroline Dietzel mit diesem Ansatz noch ganz am Anfang. Nach ihrem Studium der Forstwirtschaft und des Ökosystem-Managements arbeitet sie in der vom Verein Naturforschende Gesellschaft Altenburg getragenen „Natura-2000-Station Obere Saale“. Das ist eine von zwölf derartigen Einrichtungen, die in Thüringen eine zentrale Rolle im Naturschutz spielen. Die Stationen sind nach dem europäischen Netz von Schutzgebieten benannt.

Die obere Saale soll wilder werden

Die Weiden entlang der Saale rascheln an diesem Morgen in einem heißen Wind. Dietzel schaut auf das kleine Relikt einer Feuchtwiese, die ihr Vorbild dafür ist, was hier passieren soll. Eine Wasseramsel zischt knapp über der Oberfläche der Saale vorbei, als die junge Frau ihr großes Ziel beschreibt. Die Auen der Saale sollen hier im Oberlauf des Flusses wieder von Feuchtwiesen geprägt sein, samt Orchideen und Kiebitzen, statt von Getreide. „Ich sehe das richtig vor meinem inneren Auge, wie hier in Zukunft Einheimische und Radtouristen den Anblick farbenfroher Feuchtwiesen genießen“, sagt sie.

Doch noch erstrecken sich in den Saaleauen bei Kaulsdorf weitläufige Getreidefelder, die nicht nur biologisch monoton, sondern auch anfällig dafür sind, dass Überschwemmungen den wertvollen Boden mitreißen. „Die älteren Menschen im Dorf erinnern sich noch gut daran, wie es zuvor war, als hier im Sommer das Heu gemacht und ins Dorf gefahren wurde“, sagt Dietzel.

Acker in Hügel-Fluss-Landschaft

Aus Acker soll wieder Weide werden.

Landkarte des Projektgebiets „Wilde Saale“.

Landkarte des Projektgebiets „Wilde Saale“.

Pflanzen mit rosa Blütenzylinder.

Der Schlangen-Knöterich (Bistorta officinalis) ist eine typische Pflanze feuchter Mähwiesen.

Bunte Wiese vor Bäumen.

Feuchtwiese in der Mainaue – ähnlich soll es künftig auch im oberen Saaletal wieder aussehen.

Dass es früher als fortschrittlich galt, Auen in Äcker zu verwandeln, will die Naturschutzmanagerin gar nicht kritisieren. „Das war so und es ging darum, genug Getreide zu haben“, sagt sie. Doch der Status als europäisches Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebiet (FFH) weist den Weg in eine andere Zukunft.

Von dem kleinen Wiesen-Relikt mit leuchtend gelbem Hahnenfuß und rosafarbenem Schlangen-Wiesenknöterich (Bistorta officinalis) soll die Regeneration der Saaleaue ausgehen. Im Zentrum des Projekts „Wilde Saale“ steht die örtliche Agrargenossenschaft, die auf stark gesunkene Getreidepreise reagieren und sich mit Fleisch von Weidetieren ein neues Geschäftsfeld erschließen will. Dietzel sieht ihren Job darin, dass neben den Landwirten auch die Grundbesitzer, die Gemeinde und die Bevölkerung an Bord sind und die Veränderungen unterstützen. „Nur so kann das gelingen“, sagt sie.

Wasserbüffel als neue Einkommensquelle?

Nachdem Naturschützer, Landwirte und Gemeinderäte ähnliche Projekte in anderen Teilen Deutschlands besucht hatten, fiel die Wahl auf Wasserbüffel. Sie kommen mit dem nassen Untergrund gut klar, schaffen mit ihren mächtigen Körpern durch Suhlen die verlorengegangenen Tümpel neu – und sie erbringen gut vermarktbares, hochwertiges Fleisch. In Mitteldeutschland seien diese Tiere auch eigentlich heimisch, immerhin gebe es eiszeitliche Fossilienfunde, sagt Dietzel. Vielen Menschen sei der Anblick von Weidetieren aber fremd: „Da müssen wir auch Bedenken ernst nehmen.“ Die Umwandlung von Äckern in Feuchtwiesen soll deshalb schrittweise stattfinden, mit viel Partizipation.

Mann mit Hut und Frau in sportlicher Kleidung vor jungen Rindern in grüner Landschaft.

André Maslo und Anna Heimes.

Schwarze und braune Jungrinder auf der Weide mit gesenkten Köpfen.

Jungrinder auf der Weide.

Grüne Landschaft mit vereinzelten Sträuchern.

Projekt in Oberfranken: Weide statt Acker

An der Salzstelle in Hecklingen ging der Impuls zur Beweidung von einer Hochschule aus, an der oberen Saale von einem staatlich unterstützten Naturschutzverein. Auf der anderen Seite des Thüringer Waldes wird in Oberfranken ein anderes Modell erprobt: Hier ist ein Münchner Stifterehepaar groß in die Beweidung eingestiegen.

Petra Pohl und Christoph Hiltl haben mit ihrer „Stiftung Lebensräume für Mensch und Natur“ nahe dem oberfränkischen Kronach verteilt auf 250 Flurstücke insgesamt 200 Hektar Land gekauft oder gepachtet, um sie gemeinsam mit Landwirten zu artenreichen Weideflächen weiterzuentwickeln. Ein Teil der Flächen war früher Ackerland, jetzt breitet sich eine mit einzelnen Büschen bestandene Landschaft aus, die an eine Savanne erinnert. Eine Dorngrasmücke trällert von einer Buschspitze herab, ein Rotmilan und ein Schwarzstorch ziehen am Himmel ihre Kreise.

So wenig Niederschlag wie in Savanne

André Maslo, Leiter der Ökologischen Bildungsstätte Oberfranken, die im Wasserschloss Mitwitz ihr Büro hat, hat sich einen Hut mit breiter Krempe aufgesetzt, um sich vor der prallen Sonne zu schützen. In kaum einer anderen Region schlägt der Klimawandel so hart zu wie in Oberfranken. Am Horizont erstrecken sich kahle Hügel, die bis vor wenigen Jahren von Fichten bestanden waren. „Das ist kein Waldsterben, sondern ein Fichtensterben“, sagt Maslo, der das Weideprojekt für die Stiftung koordiniert. Anstelle der natürlichen Mischwälder habe man zu sehr auf die schnell wachsende Baumart gesetzt. Jetzt, wo der sommerliche Niederschlag in Oberfranken dem afrikanischer Savannen immer ähnlicher werde, brauche es neue Strategien: „Beweidung könnte ein Teil der Antwort sein“, sagt Maslo.

Blumen mit gedrungen wirkenden blauen Blüten.

Knäuel-Glockenblume (Campanula glomerata)

Mutterschaf mit Lamm am Boden liegend.

Zur Landschaftspflege setzt die Stiftung auch Schafe ein.

Rosafarbene Orchidee

Helm-Knabenkraut (Orchis militaris)

Schlanke, kleine Pflanze mit fliegenartigen Blüten.

Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera)

Pflanze mit lila-gelber Blüte

Acker-Wachtelweizen (Melampyrum arvense)

Üppinge Orchidee.

Blütenstand der Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum)

Regenerierende Landschaft

Die Stiftung setzt auf das ganze Spektrum von Weidetieren: Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen. Maslo hat bereits beobachtet, dass mit dem Dung der Tiere auch Zahl und Vielfalt der Insekten im Gebiet zunimmt. Deshalb würden Zugvögel gezielt Flächen mit Weidetieren ansteuern. Die Geoökologin Anna Heimes geht im Auftrag der Stiftung regelmäßig die Flächen ab, um Zäune zu kontrollieren und Veränderungen der Artenvielfalt zu dokumentieren. Dort, wo vergangenes Jahr Schafe unterwegs waren, kommt sie mit dem Deuten kaum hinterher: Hier wächst das Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) wieder aus dem Gras, dort die Knäuel-Glockenblume (Campanula glomerata), auch eine Rote-Liste-Art.

Die Augen der Biologin leuchten, als sie an einem steilen Hang, den Ziegen bearbeitet haben, zwei weitere Orchideenarten vorfindet, darunter die grazile Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera) und die imposante, in ihrer Üppigkeit tropisch anmutende Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum): „Es ist unglaublich befriedigend, wenn man sieht, wie sich die Landschaft regeneriert“, sagt die Biologin.

Von Kronach aus ein Stück den Main hinauf und die Pegnitz hinab liegt das mittelfränkische Hersbruck. Die hiesige Hersbrucker Alb ist ein vom Bundesamt für Naturschutz ausgewählter national bedeutender Biodiversitäts-Hotspot mit Hunderten, nach Angaben der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege sogar mehr als tausend Pflanzenarten, darunter Dutzende Orchideen. Dazu trägt maßgeblich bei, dass hier seit dem Mittelalter bis in die 1960er Jahre von der Gemeinde angestellte Hirten die sogenannten Hutanger als Allmenden mit Rindern bewirtschaftet haben. Jeden Morgen sammelten sie das Vieh der Bauern ein und trieben es zum Grasen auf die Allmende-Flächen.

Mann mit grauem Haar vor zwei Stieren und zwei Ochsen.

Karl Heinlein an einer Weidefläche.

Frau mit festem Blick in offenem Rinderstall.

Alexandra Schwarz

Aus gutem Grund ist in Hersbruck das Deutsche Hirtenmuseum zuhause, das der Kulturgeschichte der Beweidung gewidmet ist. Dessen Leiterin Ingrid Pflaum sagt über die Region: „Diese Landschaft ist kleinteiliger, strukturierter, malerischer als ich es von anderswo kannte.“ Doch als die gemeinschaftliche Beweidung endete, begannen die Flächen zuzuwachsen. Die Vielfalt schwand.

Den Wald wieder zur Weidefläche machen?

Schon weit vor dem aktuellen Trend, wieder Weidetiere in die Landschaft zu bringen, hat hier der passionierte Naturschützer Karl Heinlein mit Mitstreitern das Problem erkannt. Schon in den 1980er-Jahren riefen sie das „Hutanger-Projekt“ ins Leben, das sie später in einen Naturland-Agrarbetrieb umwandelten. Ihr Modell: die Almende-Wirtschaft wiederzubeleben. Mit der zupackenden Landwirtin Alexandra Schwarz hat Heinlein heute verteilt auf viele kleine Flächen Rinder im Weideeinsatz. Paten können das Projekt unterstützen und sich Anrechte auf das Fleisch sichern. Viel hängt aber von Prämien der EU und des Freistaates Bayern für Landschaftspflege ab.

Über Stock und Stein fährt Heinlein mit seinem Geländewagen alten Stils durch die Hersbrucker Alb, um die Flächen zu kontrollieren. Zu jedem Flurstück hat er eine Geschichte zu erzählen, und als er zu einem eingezäunten Stück Land kommt, auf dem ein gewaltig großer Stier grast, wird er etwas sentimental: „Der ist unser Prachtstück“, sagt er. Die Rundfahrt endet nicht auf einer grünen Weidefläche, sondern mitten in einem Eichenhain. Ihn sieht Heinlein als nächste und vielleicht wichtigste Herausforderung für die Zukunft der Beweidung. „Früher gab es zwischen Wald und Weide keine scharfen Grenzen, da müssen wir wieder hin“, sagt er und malt aus, wie hier einmal im Schatten der großen Bäume Rinder stehen werden.

Dicke Eichen, grasbewachsener Boden

Eichenhain in der Hersbrucker Alb – bald Weidegebiet?

Soll die Beweidung über einzelne Initiativen hinaus wieder florieren, braucht sie eine wirtschaftliche Basis, die nicht allein von staatlichen Prämien abhängig ist – einen Markt. Dass es ihn gibt, zeigt die Fülle von Weidemilch-Produkten, die inzwischen in vielen Supermärkten im Angebot sind. Für Projekte mit dem Fokus auf Naturschutz mindestens so wichtig ist aber das Geschäft mit dem Fleisch der Weidetiere.

Für Weidefleisch braucht es zahlende Kunden

Dabei kämpfen die Weidepioniere mit zwei Problemen: Unter umweltbewussten Menschen ist aus vielen guten Gründen vegetarische oder vegane Ernährung im Trend. „Wenn aber niemand mehr das Fleisch kauft, gibt es keine Weidetiere mehr – und die Graslandschaften verschwinden“, warnt Thomas Borsch, der Direktor des Botanischen Gartens in Berlin. Es sei ein Paradox, „wenn Menschen, die am meisten für Naturschutz tun wollen, ihm die nötigen Einnahmen vorenthalten“.

Das andere Problem ist der Preis. „Früher haben wir Fleisch an Gaststätten geliefert, aber die kaufen inzwischen immer billiger ein, da können und wollen wir nicht mithalten“, sagt Karl Heinlein. Auch Privatkunden wollten meistens weniger zahlen, als es kostet, mit Rindern in freier Natur Weidelandschaften zu pflegen. Tiere in einen Stall zu pferchen ist deutlich billiger als für sie auf wechselnden Flurstücken Zäune aufzubauen und sie zwischen den Flächen hin- und herzutransportieren.

Fünfzig Kilometer südlich von Hersbruck arbeitet eine große Koalition aus Naturschützern und Landwirten daran, der Beweidung dennoch eine solide wirtschaftliche Basis zu geben – durch gemeinschaftliches Marketing.

In Gaststätten, Metzgereien und Lebensmittelläden der westlichen Oberpfalz – der dünn besiedelten Region zwischen Neumarkt, Amberg und Regensburg – begegnet einem immer wieder eine Silberdistel vor sonnigem Hintergrund. Getragen wird das Logo von regionalen Landschaftspflegeverbänden. „Es geht bei Juradistl darum, Produzenten zu unterstützen, die Naturschutz betreiben“, sagt die Agrarbiologin Wiebke Weiland. „Naturschutz zum Genießen“ lautet ein Motto der Initiative.

Junger Mann mit braunem Filzhut in Landschaft.

Schäfer Peter Betz

Schafe auf Trockenrasen

Peter Betz hat aktuell rund 650 Schafe.

Sonnenblumenartige Pflanze mit silbernen Blütenblättern.

Silberdistel (Carlina acaulis).

Junge Frau vor Streuobstwiese

Wiebke Weiland

Steiler Hang, oben Kiefernwald, unten Feuchtwiese, dazwischen Trockenrasen.

Trockenrasen im Tal der Schwarzen Laber bei Parsberg.

Einer der Mitwirkenden ist der Schäfer Peter Betz. Der 26-jährige gehört zur jüngsten Generation der rund tausend Berufsschäfer in Deutschland. Nach dem Abitur stieg Betz mit einer Lehre in diese besondere Art von Tierhaltung ein. „Wenn man Rinder oder Schweine hat, ist man die meiste Zeit im Stall, mit Schafen ist man immer draußen“, sagt er. An diesem heißen Nachmittag lässt er einen Teil seiner 600 Tiere im Auftrag des Landschaftspflegeverbands im Tal der Schwarzen Laber auf einem steilen Trockenrasen abfressen.

Streicht EU die Prämien für Landschaftspflege zusammen?

Betz lebt davon, eigenhändig geschlachtete Jungschafe an Muslime zu verkaufen, die sich direkt bei ihm melden, und an die ökologisch motivierten Kunden von Juradistl-Produkten. Er experimentiert auch damit, die Schurwolle zu Düngerpellets zu verarbeiten – ein Verkauf für die Textilindustrie ist schon lange nicht mehr lukrativ. Auch Prämien für die Beweidung sind für das Einkommen wichtig: „Ich achte aber darauf, mich nicht zu sehr von ihnen abhängig zu machen, denn in Brüssel wird jetzt schon über eine Streichung um ein Drittel ab 2028 diskutiert.“

Der Schäfer meint die nächste Runde der EU-Agrarreform. Diese Sorge geht derzeit bei allen um, die Weide- und Naturschutzprojekte betreiben. Die Alarmzeichen, dass die EU wieder rein Masse belohnen statt ihre Schwüre zum Schutz der Biodiversität durch nachhaltige Landwirtschaft umsetzen will, mehren sich.

Spiegel der Gesellschaft

Können Verbraucherinnen und Verbraucher den Weide-Naturschutz durch ihre Nachfrage sichern? Einerseits klingt es eindrucksvoll, dass Juradistl seit 2004 mehr als 13.000 Lämmer in 1,3 Millionen Mahlzeiten auf die Tische der Region gebracht hat, und seit 2011 rund 600.000 Rinder-Gerichte. Auch 2,5 Millionen Liter Apfelschorle, 28 Tonnen Honig und 200.000 Packungen Knödel allein seit 2021 sind imposant. Seit 2025 sind Gin und Birnenbrand als Produkte dazugekommen.

Mehr als zwanzig Gasthäuser und 70 Läden verkaufen die regionalen Naturschutz-Produkte. Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zu den Mengen an Fleisch und anderen Lebensmitteln, die in der Region konsumiert werden, ist der Anteil aber klein.

Das gilt auch insgesamt für die Bewegung, die Kulturlandschaft durch Beweidung wieder zu bereichern – noch agiert sie nicht in der Fläche, sondern in mit viel Leidenschaft und Herzblut betriebenen Einzelprojekten. Sie zeigen, wie es anders laufen könnte, wenn in der Agrarpolitik und bei den Konsumenten der Wille dazu vorhanden wäre. „Bei uns sind Graslandschaften eine Art Spiegel: Sie zeigen, wie sehr der Mensch die Landschaft geprägt hat – und wie schnell sie verschwindet, wenn wir aufhören, sie zu pflegen“, sagt Botaniker Borsch.

Das Rechercheprojekt „Zukunft Erde – Graslandschaften“ wird von der Andrea von Braun Stiftung gefördert.

Схожие новости

#Наименование новостиТональностьИнформативностьДата публикации
1 Алтайские биологи продвигают перспективные проекты в сельском хозяйстве 5709-07-2026
2Deutschlands letzte Steppen – wo die Eiszeit bis heute fortlebt0703-07-2026
3Коровы в России - вымирающий вид-2330-09-2022
4Elektro-Traktoren sparen Zeit, Geld und Emissionen. Warum nutzt sie fast niemand?0708-07-2026
5Эксперт: мораторий на добычу горного козла в Сибири поможет спасти популяцию ирбиса0023-10-2018
6Еде предписано расти0530-06-2026
7Французский фермер помог найти сбежавшего от ветеринаров медвежонка0019-06-2019
8Дума Ставрополья инициирует бессрочное предоставление сельскохозяйственных земель школам0016-10-2020
9Росгвардия помогает на Алтае спасать косуль от браконьеров с помощью беспилотников0017-02-2020
10Ученые из восьми стран попросили Росприроднадзор запретить вылов косаток в 2019 году0012-11-2018

Классификация: . Схожих патентов: 0. Схожих новостей: 10. Тональность: 0. Информативность: 6. Источник: www.riffreporter.de.