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Notfallsanitäter: „Für Emotionen bleibt keine Zeit“

Дата публикации: 03-07-2026 07:29:00

Klinikbrand, Todesfälle, Extremsituationen: Viele Retter funktionieren im Einsatz perfekt, kämpfen danach aber oft lange mit den Folgen.

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Klinikbrand, Todesfälle, Extremsituationen: Viele Retter funktionieren im Einsatz perfekt, kämpfen danach aber oft lange mit den Folgen.

Der Brand im Krankenhaus in Ludwigslust hat viele Menschen erschüttert. Zwei Patienten sind ums Leben gekommen, zahlreiche weitere mussten unter schwierigsten Bedingungen evakuiert werden.

Für Feuerwehr, Rettungsdienst und alle beteiligten Einsatzkräfte war das ein Einsatz unter enormem Zeitdruck – Entscheidungen mussten innerhalb von Sekunden getroffen werden, während es gleichzeitig darum ging, Menschenleben zu retten.

Christian Prengel ist Experte für Brandschutz, Erste Hilfe und Gefahrenabwehr sowie Host des Podcasts „Zwischen Alarm und Alltag“. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

Im Einsatz bleibt für Emotionen keine Zeit

Als Notfallsanitäter und Feuerwehrmann weiß ich, was in solchen Momenten passiert. Nach außen wirken Einsatzkräfte ruhig, konzentriert und professionell. Genau das müssen sie auch sein. Während eines Einsatzes sind sehr viele Emotionen vorhanden, es bleibt aber keine Zeit, Emotionen zuzulassen.

Das Gehirn schaltet in einen Arbeitsmodus. Abläufe, Prioritäten und Teamarbeit stehen im Vordergrund. Jeder weiß, was zu tun ist, und genau das macht unsere Arbeit so professionell. Doch wenn der Einsatz beendet ist, beginnt häufig etwas anderes: die Verarbeitung.

Viele Menschen glauben, besonders spektakuläre Großeinsätze seien automatisch die größte psychische Belastung. Meine Erfahrung ist eine andere. Oft sind es nicht die größten Einsätze, sondern die persönlichsten Verknüpfungen, die sich tief einprägen. Als Vater belasten mich zum Beispiel, Einsätze mit Kindern sehr.

Manche Einsätze bleiben ein Leben lang im Kopf

Ein Einsatz begleitet mich bis heute. Zwei Pkw waren frontal zusammengestoßen. Ein 13-jähriges Mädchen verlor dabei ihr Leben. Nur wenige Meter von der Unfallstelle entfernt fand ein Schützenfest statt. Während wir versuchten zu helfen und mit den Folgen des Unfalls umgingen, lief im Hintergrund Musik, Menschen lachten und feierten. Zwei Welten, die in diesem Moment kaum gegensätzlicher hätten sein können. Es war nicht nur das Unfallgeschehen selbst, das sich eingeprägt hat. Es war diese besondere Situation.

Noch heute kommt es vor, dass ich auf einem Schützenfest stehe, dieselbe Art von Musik höre und mein Kopf für einen kurzen Moment zu diesem Einsatz zurückkehrt. Solche Verknüpfungen entstehen völlig unbewusst. Mit der Zeit werden diese Erinnerungen weniger intensiv. Sie verlieren an Schärfe. Trotzdem zeigen sie, dass belastende Einsätze uns oft länger begleiten, als wir selbst zunächst glauben.

Psychische Hilfe für Einsatzkräfte wird immer wichtiger

Genau deshalb hat sich in den vergangenen Jahren im Bereich der psychosozialen Unterstützung glücklicherweise sehr viel entwickelt. Einsatznachsorge, psychosoziale Notfallversorgung und professionelle Ansprechpartner gehören heute in vielen Feuerwehren und Rettungsdiensten selbstverständlich dazu. Das ist eine Entwicklung, die ich ausdrücklich begrüße. Sie zeigt, dass mentale Gesundheit heute einen deutlich höheren Stellenwert hat als noch vor einigen Jahren.

Trotzdem erleben wir bei besonderen Einsatzlagen immer wieder, dass dieses Thema nicht abgeschlossen ist. Jeder belastende Einsatz erinnert uns daran, wie wichtig es ist, diese Angebote weiter auszubauen und kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Junge Einsatzkräfte brauchen früh Unterstützung

Gerade junge Kolleginnen und Kollegen sowie ehrenamtliche Einsatzkräfte stehen häufig zum ersten Mal vor Situationen, auf die man sich nur schwer vorbereiten kann. Niemand kann einem vollständig vermitteln, wie es sich anfühlt, einen schweren Verkehrsunfall, einen Wohnungsbrand mit Todesopfern oder den Tod eines Kindes mitzuerleben. Umso wichtiger ist es, diese Menschen nach solchen Einsätzen nicht allein zu lassen.

Aus meiner Sicht beginnt Prävention deshalb nicht erst nach einem belastenden Einsatz, sondern bereits in der Ausbildung. Genauso selbstverständlich, wie wir den Umgang mit technischer Ausrüstung oder medizinischen Maßnahmen lernen, lernen sie auch, über belastende Einsätze zu sprechen und Unterstützung anzunehmen. Denn professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: Es ist Ausdruck von Professionalität und Verantwortungsbewusstsein.

Warnsignale dürfen nicht ignoriert werden

Wer merkt, dass belastende Bilder immer wiederkehren, dass bestimmte Situationen dauerhaft Erinnerungen auslösen oder dass Ereignisse einen über längere Zeit beschäftigen, sollte sich Unterstützung holen. Je früher wir darüber sprechen, desto besser können wir verhindern, dass aus einer normalen Belastungsreaktion eine langfristige psychische Erkrankung entsteht.

Der Klinikbrand in Ludwigslust macht deutlich, welch außergewöhnliche Leistungen Feuerwehr, Rettungsdienst und alle beteiligten Organisationen Tag für Tag erbringen. Gleichzeitig erinnert er uns daran, dass hinter jeder Uniform ein Mensch steht. Ein Mensch, der helfen möchte, Verantwortung übernimmt und manchmal Eindrücke mit nach Hause nimmt, die ihn noch lange begleiten.

Mentale Gesundheit verdient denselben Schutz

Der Einsatz endet irgendwann. Die Verarbeitung manchmal erst viel später. Deshalb sollten wir die mentale Gesundheit unserer Einsatzkräfte mit derselben Selbstverständlichkeit behandeln wie ihre körperliche Sicherheit.

Wir haben in den vergangenen Jahren bereits viel erreicht. Jetzt sollten wir diesen Weg konsequent weitergehen – insbesondere für die nächste Generation von Feuerwehrleuten, Notfallsanitätern und den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die jeden Tag bereit sind, für andere da zu sein.

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