Madeline Cash erzählt von der verrückten Gegenwart der USA – schräg und nie kitschig.
Madeline Cash erzählt von der verrückten Gegenwart der USA – schräg und nie kitschig.

Nat Ruiz
Vorstadt-Ennui irgendwo an der amerikanischen Westküste. Die Flynns führen eine «offene Ehe», die diesen Namen kaum verdient. Vater Bud schläft, aus dem in Tupperware und Schuluniformen ertrinkenden Haus verbannt, im Familien-Minivan. Mutter Catherine, die Erfinderin dieses Arrangements, beendet derweil abrupt ihre Affärenpläne mit ihrem Nachbarn, nachdem sie dessen Kunstprojekt gesichtet hat. Das ist berechtigt: Es involviert Vulven aus Keramik.
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Und diese beiden verlorenen Schäfchen sollen drei Teenager-Töchter aufziehen? Ein Glück vielleicht, beachten diese ihre Eltern ohnehin selten. Die schöne Abigail, 17, ist verrückt nach einem wortkargen Armeeveteranen mit dem wenig vertrauenerweckenden Spitznamen «War Crimes Wes». Louise, 15, das Mittelkind mit Mittelkind-Komplexen, findet bei einem Internetliebhaber mit Hang zu religiösem Fanatismus Halt. Und die sieben Sprachen beherrschende Harper, 12, ist überzeugt, eine Verschwörung aufgedeckt zu haben.
Jene Unsterblichkeitsmachenschaften des lokalen Logistikmilliardärs sind es schliesslich, die alle in den Bann und in die Handlung von «Verlorene Schäfchen» ziehen. Mehr als ein Krimi ist der mit Spannung erwartete Debütroman der Autorin Madeline Cash aber ein amerikanischer Familienroman in der Tradition von Philip Roth und Jonathan Franzen. Franzens «Die Korrekturen» sei denn auch ein Vorbild gewesen, sagte Cash (Jahrgang 1996) in Interviews.
Erfreulicherweise hat die Hochachtung Cashs Humor nicht erstickt. Im Gegenteil: Eine grosszügige Menge von Wortspielen und trockenem Witz macht das Buch zu einem kurzweiligen Vergnügen, das trotz der vagen zeitlichen Verortung zeitgenössischer nicht sein könnte. Es ist dazu hoffnungsvoll und schräg, aber niemals kitschig. Am Ende fühlt man sich längst als Teil der Herde.
Madeline Cash: Verlorene Schäfchen. Ü: Sophie Zeitz. Penguin 2026. 320 S.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»