Die Gitarrenlegende Pat Metheny und der Trompetenstar Till Brönner begeistern bei ihren Auftritten im Engadin zwar mit Hits und mit Virtuosität. Die Originalität hingegen kommt zu kurz.
Die Gitarrenlegende Pat Metheny und der Trompetenstar Till Brönner begeistern bei ihren Auftritten im Engadin zwar mit Hits und mit Virtuosität. Die Originalität hingegen kommt zu kurz.
Florian Bissig14.07.2026, 05.30 Uhr

Giancarlo Cattaneo
Jazz ist eine Kunst, die aus dem Moment heraus entsteht. Auch bei Aufnahmen im Studio versucht man immer wieder, diese musikalische Spontaneität zu bannen. Immer öfter werden heute aber auch bei Jazzalben all die technischen Tools in Anspruch genommen, die sonst die Produktion und Postproduktion von Pop-Musik prägen.
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Die beiden Jazzstars, die am vergangenen Wochenende auf dem Programm des Festival da Jazz in St. Moritz standen, haben eben erst ein enorm aufwendiges Album herausgebracht, für das nicht nur das Arsenal popmusikalischer Studiotechnik in Anspruch genommen wurde. Der deutsche Trompeter Till Brönner und der amerikanische Gitarrist Pat Metheny haben beide auch zahlreiche Gastmusiker eingespannt.
Auf ihren Konzerttourneen – und insbesondere für die kleinen Konzertsäle des St. Moritzer Boutiquefestivals – können sie freilich nur eine Band von vier oder fünf Personen mitbringen. So stehen sie vor der Frage, wie sie ihr Hochglanzprodukt nun wieder in Live-Musik zurückverwandeln.
Pat Metheny löst die Aufgabe mit einem Kniff. Seine Band heisst Side-Eye III+, was bedeuten soll, dass es sich um ein Trio mit Zuzügern handelt. Auf dem gleichnamigen Album spielen fünfzehn zusätzliche Musikerinnen und Musiker. Am Festival da Jazz im Jugendstilsaal des Hotels Reine Victoria hingegen tritt er im Quintett auf. Der 71-jährige Metheny ist eine lebende Legende. Seit er sich in den 1970er Jahren, noch kaum erwachsen, erstmals auf eine Bühne wagte, hat er sich als eigenständiger Musiker profiliert – sowohl als Gitarrist mit weichem Legatospiel wie auch als Komponist, der die Geschmeidigkeit und Gesanglichkeit der Pop-Musik in den Jazz eingeführt hat.
Wenn Metheny auftritt, will man Metheny hören. Insofern wird in St. Moritz niemand enttäuscht: Zwei volle Stunden lang interpretiert die Band Kompositionen des Leaders – von den frühen Klassikern wie «Bright Size Life» bis zu Stücken des aktuellen Albums. Metheny spielt wie meist auf verschiedenen Instrumenten – auf der sogenannten Archtop-Gitarre, auf seiner Synthesizer-Gitarre sowie auf akustischen Instrumenten. Dass er sich bei seinen Solos windet und verrenkt, scheint symptomatisch für seine Hingabe.
Auch die Band, aus jungen Musikern zusammengesetzt, die Methenys Kinder oder gar Enkel sein könnten, beherrscht die Vorgaben mit grösster Selbstverständlichkeit. Sie unterstützt jeden Akzent der Kompositionen, spielt die Themen exakt in der erwarteten Phrasierung, baut Dynamik auf. Vor allem aber improvisieren die Mitmusiker virtuos und ganz im Geiste der Songs. Hervorzuheben ist insbesondere das mitreissende Spiel des Kontrabassisten Jermaine Paul.
Bei aller Bravour – oder gerade ihretwegen – hat die ganze Übung indessen den Charakter eines Meisterkurses. Die Jungen liefern, was ihnen beigebracht wurde, und werden von ihrem Meister mit einem gönnerhaften Nicken belohnt. Die Arrangements folgen stets dem gleichen gängigen Muster: Nach dem Thema soliert Metheny, zuweilen auffallend kurz. Dann kommt ein weiteres Solo, und schon ist man beim Schluss-Thema.

Roy Rochlin / Getty
Die Solos gehören ganz dem Solisten, eine lebendige Interaktion findet nicht statt. Und so gibt es bei aller Vielfalt der Stücke während zweier Stunden keine Überraschungen. Pat Metheny mag ein guter Mentor für talentierte Jungmusiker sein, die seine Musik spielen wollen. Eigenständige musikalische Persönlichkeiten fördert er so kaum.
Auch seinem Publikum wird Pat Metheny in St. Moritz nicht gerecht. In einer einzigen Ansprache zeigt er sich überrascht über den kleinen Konzertsaal und scherzt, dass er hier allen Gästen die Hand schütteln könnte. Das würde einigen begeisterten Hörern wohl schmeicheln. Anderen wäre es vielleicht lieber, wenn er sich stattdessen auf die Chancen des intimen Rahmens besonnen hätte, um mit den Mitmusikern mehr zu interagieren, mit dem Publikum mehr zu kommunizieren.
Wer am Freitag an Pat Metheny mäkelt, hofft, dass Till Brönner am Samstag der Klubatmosphäre besser gerecht werden kann. Der deutsche Trompeter und Flügelhornist stellt auf seiner Tour sein neues Album «Italia» mit italienischen Pop-Songs der 1960er bis 1980er Jahre vor, das für ein breites Publikum produziert wurde. Brönner hat in den 1990er Jahren einen beeindruckenden Karrierestart als ambitionierter Jazzmusiker hingelegt, sich in der Folge dann auch populäreren Stilen geöffnet und so viele Fans weit über die Jazzkreise hinaus erreicht.
Für sein St. Moritzer Konzert im «Embassy Ballroom» im Hotel Badrutt’s Palace hat der Musiker – dem hier auf 1800 Metern so nahen Himmel sei’s gedankt – aber kein Italo-Pop-Programm vorbereitet. Der elegante und gewiefte Bühnenmensch präsentiert vielmehr eine Art Revue zu Stationen seines Lebenswerks, die er in ausführlichen Ansagen einführt und einordnet: hier ein melancholisches Stück, das er am Meer geschrieben hat, da ein Samba-Groove, den er aus Rio heimgebracht hat, und jetzt ein Song, der ihn an ein Gespräch erinnert, das er einst mit Hildegard Knef führte.
Die meisten Stücke präsentieren Brönner und sein tadelloses Quartett als hart swingenden Straight-ahead-Jazz. Brönner ist ein hervorragender Trompeter, er spielt virtuos, dynamisch und sauber, auf dem Flügelhorn glänzt er mit einem hinreissenden Ton. Jede einzelne Phrase klingt brillant und maximal effektvoll. Überdies lockt der Leader seine Begleiter bald in ein aufregendes Zusammenspiel, bald lässt er ihnen – insbesondere dem Pianisten Olaf Polziehn – auch viel Raum für eigene Improvisationen.
Anders als Pat Metheny aber hat Brönner keinen fassbaren persönlichen Stil, weder als Komponist noch als Instrumentalist. Einmal klingt er nach Dizzy Gillespie, einmal nach Miles Davis, ein andermal nach Chet Baker; oder in einem launigen Einwurf auch einmal nach Louis Armstrong. Man könnte die Beliebigkeit beklagen: als Verschwendung von Talent, als verpasste Chance, dem zeitgenössischen Jazz eine eigenständige neue Stimme zu geben. Doch das Publikum des St. Moritzer Jazzfestivals ist nicht so streng und zeigt sich begeistert von der Virtuosität und Zugänglichkeit der Darbietung.