Das Schweizer Fernsehen hat zwei neue Satireformate – mit und von Frauen gemacht. Was gut gemeint ist, entpuppt sich als positiver Sexismus.
Das Schweizer Fernsehen hat zwei neue Satireformate – mit und von Frauen gemacht. Was gut gemeint ist, entpuppt sich als positiver Sexismus.
Denise Bucher, Peer Teuwsen10.05.2026, 05.30 Uhr

PD
Sie hechten auf die Bühne, als ob es einen Preis zu gewinnen gäbe. Sie versprühen gute Laune, als müssten sie Tote erwecken. Sie demonstrieren ein Selbstvertrauen, als zitterten sie in Wahrheit wie Espenlaub. Und die Moderatorin, die alles «grossartig» findet, liest ihre Begeisterungsstürme vom Blatt ab.
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Die drei Comediennes Jane Mumford, Thelma Buabeng und Patti Basler sowie die Moderatorin Andrea Fischer Schulthess, die sich in der ersten von vier Folgen des neuen Comedy-Programms «Fun Fatale» auf der Bühne des Zürcher «Miller’s Studio» verausgaben, sie scheinen unter gewaltigem Druck zu stehen.
Die drei erzählen fast ausschliesslich von privaten Themen, von Kindern, Endometriose und Diät – Themen, wie man sie von Frauen erwartet, die Frauen ansprechen sollen. So ist auch das Publikum mehrheitlich besetzt. Alle drei Künstlerinnen sind sehr gut vorbereitet, sie waren fleissig, wie man es gemeinhin von Frauen erwartet.
Aber vielleicht darum wirkt das Programm ein wenig angestrengt. Und auch erschreckend harmlos, um nicht zu sagen: bieder. Aber, no offense, es ist nicht leicht, in einem so wohlbestallten Land wie der Schweiz gute Comedy zu machen. Auch die Late-Night-Programme der Männer sind bisher nicht durch Mut zur Provokation aufgefallen, abgesehen vom einen oder anderen Moment in «Deville».
Die erste Folge «Fun Fatale» wird eröffnet mit Jane Mumford, die einem nicht böse sein kann, wenn man sagt, sie gehöre nicht zur A-Liga des Schweizer Humors. Sie macht Witze über das Zügeln und das Rauchen. Man wundert sich, warum die Comedy-Überfliegerin Hazel Brugger nicht auf der Bühne steht. Aber sie hat, wie die Medienstelle mitteilt, «aufgrund ihres sehr dichten internationalen Terminkalenders» abgesagt. Dafür sei sie aber «im Opener der Sendung dennoch als wichtige Stimme der Schweizer Comedy-Szene sichtbar». Als KI-generiertes Video hängt sie da an der Wand.
Nach 20 Minuten ist der Spass dann schon vorbei. Fürs Publikum, das «Fun Fatale» nicht in der Mediathek, sondern linear am späteren Sonntagabend auf SRF 1 schaut, gibt’s danach noch etwas mehr weiblichen Humor zu sehen: zwei Folgen à 10 Minuten von «Leila’s Fix», die SRF als «neue Satireshow mit Leila Ladari» anpreist, in der die Comedienne sich «mit den Themen ihrer Generation und Zeit» auseinandersetze. Das heisst konkret: fade Witzchen über die Mühsal des Schwanger- und Mutterseins, inszeniert im pinkfarbenen Studio.
Hat SRF nach Jahrzehnten mit Victor Giacobbo und Mike Müller, Dominik Deville, Karpi, Gabriel Vetter und jetzt Stefan Büsser auf einmal entdeckt, dass es auch Komikerinnen gibt? Ja, aber die Einsicht kam nicht von alleine. Es brauchte einen Eklat, die Frauen mit Humor mussten nachhelfen.
Als 2023 nur Männer als mögliche Nachfolge für die Late-Night-Show «Deville» genannt wurden, verfassten Lara Stoll und Patti Basler einen offenen Brief an SRF-Direktorin Nathalie Wappler, die Kulturchefin Susanne Wille und die Comedy-Abteilung von SRF. Sie selbst und anonym bleibende Kolleginnen warfen der Comedy-Abteilung eine strukturell bedingte Benachteiligung von Komikerinnen vor. Also Sexismus.
In anonymisierten Statements, die Stoll und Basler gesammelt hatten, berichteten Comediennes davon, nie zu Castings eingeladen zu werden, von stark gedrückten Löhnen, von Ideenklau und von der Überzeugung bei SRF, das Publikum wolle sympathische Männer auf dem Bildschirm sehen.
SRF lud Basler und Stoll «zum konstruktiven Gespräch». Ein konfrontatives wäre besser gewesen, wenn man sich das Resultat anschaut. «Fun Fatale» und «Leila’s Fix» sind gut gemeint, aber voll daneben. Das Problem ist: SRF reagiert auf die Sexismusvorwürfe mit Sexismus. Der Sender gesteht den Komikerinnen ein Sonderprogramm zu und steckt sie in ein rosa Reservat.
Danach gefragt, was ein pinkfarbenes Studio, in dem über Frauenprobleme geschimpft werden darf, zur Gleichberechtigung beitragen könne, sagt Martina Ziesack, Leiterin Comedy & Satire: «Comedy lebt davon, dass sich Humorschaffende mit dem beschäftigen, was sie persönlich umtreibt. Daraus entsteht glaubwürdige und relevante Comedy. Im besten Fall gibt es dabei keine ‹Frauenthemen› oder ‹Männerthemen›, sondern schlicht Themen, die Menschen betreffen und unterhalten. Gleichzeitig ist es für die Gleichberechtigung wichtig, dass unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden.»
Wenn man diese Logik auf die Inhalte der Humorsendungen von SRF anwendet, bedeutet das: Giacobbo, Müller, Deville und Büsser treibt das weltpolitische Geschehen um, während die Komikerinnen sich offenbar vor allem mit Privatem wie Muttersorgen und Periodenschmerzen beschäftigen. Mit dieser «Perspektive» dürfen sie das seit Jahrzehnten gesetzte Hauptprogramm ergänzen.
Daraus muss man schliessen: Patti Basler, Lara Stoll und ihre Kolleginnen lagen richtig mit ihrer Kritik. Die Comedy-Abteilung von SRF scheint nicht in der Lage zu sein, überholte Denkmuster hinter sich zu lassen, wenn die Bemühungen um Gleichberechtigung in der Reproduktion eines reaktionären Frauenbilds münden. Dieses neue Comedy-Programm ist ein Trostpflaster, das schon jetzt nicht mehr richtig klebt.
Als die Comediennes 2023 protestierten, liess SRF in einer Stellungnahme verlauten, man bemühe sich um ein gerechteres Geschlechterverhältnis «mit dem Projekt Chance 50/50» und wolle «bei der Comedy spezifisch» besser darauf achten. Ist der Umstand, dass «Fun Fatale» von einem reinen Frauenteam produziert wird, vielleicht auch ein Pflästerchen, eines für die Statistik? Dabei heisst es doch heute, gemischte Teams seien der Weg zum Erfolg.
Aber immerhin ist die Sendezeit ausgewogen verteilt zwischen den Komikern und den Komikerinnen, oder? «Late Night Switzerland» mit Stefan Büsser dauert etwa 40 Minuten. «Fun Fatale» und «Leila’s Fix» sind zusammen etwa gleich lang. Aber auch das ist nur auf den ersten Blick gerecht. Im Moment sind von «Fun Fatale» und «Leila’s Fix» als Supplement vier Ausgaben angekündigt. «Late Night Switzerland» mit Büsser hingegen startete im Januar 2024 und geht seither einmal pro Woche auf Sendung. Ob und wie es mit «Fun Fatale» weitergeht, ist offen. Man prüfe eine Fortsetzung «zu gegebenem Zeitpunkt», sagt SRF.
Nach der Premiere von «Fun Fatale» stellt sich heraus, dass eine Fortsetzung sich lohnen könnte. Die erste Folge erreichte 205 000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Das ist ein Marktanteil von nicht schlechten 26,5 Prozent. Zum Vergleich: Für die Premiere von «Late Night Switzerland» mit Stefan Büsser schalteten 197 000 Personen ein. Marktanteil: 20,7 Prozent. Vielleicht sollte SRF seine Vorstellung, das Publikum wolle «sympathische Männer» sehen, doch überdenken.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»