Hertha gewinnt das Auftaktspiel gegen Bochum und kann einmal kräftig durchschnaufen. Weil die ersten Zweifel ausgeräumt sind, der neue Spielstil Früchte trägt und Spieler von der zweiten in die erste Reihe treten. Dennoch ist Luft nach oben.
Analyse Herthas Auftaktsieg in Bochum Gegen jeden Zweifel
Manchmal reicht es, den Gegner über einen sprechen zu lassen. Nach Abpfiff trat Bochums Maximilian Wittek ans sky-Mikrofon: "Hertha hatte zwar viele Abgänge, aber da stand eine echte Mannschaft auf dem Feld, die sich in alles reingeworfen hat", sagte der Linksverteidiger. Es sind Worte, die bei den Verantwortlichen von Hertha BSC wie eine Berliner Weiße im Sommer heruntergegangen sein dürften.
"Es geht nicht allein ums Geld"
Denn genau diesen Effekt beschworen Geschäftsführer Peter Görlich, Trainer Stefan Leitl und die Spieler selbst über die Saisonvorbereitung immer wieder. Ja, die Berliner haben mit Fabian Reese, Tjark Ernst, Michael Cuisance oder Kennet Eichhorn enorm viel individuelle Qualität verloren - und mit Olewaseun Adewumi auf dem Papier bislang nur einen einzigen Neuzugang. Der Transfersommer wurde und wird von viel Sorge, Kritik und Häme begleitet.
"Wenn ich da in die jüngste Vergangenheit zurückblicke, stelle ich fest, dass es nicht allein ums Geld, sondern dass es um eine mannschaftliche Geschlossenheit geht, dass es um eine klare Identität des Fußballspiels geht, dass es mit Mut und Glaube zusammenhängt", erklärte Görlich vor wenigen Tagen gegenüber rbb24. Er dürfte nach Herthas 1:0-Auftaktsieg in Bochum eine gewisse Genugtuung spüren.
Entscheidende Worte von Trainer Leitl
Denn wie viel ist individuelle Qualität wirklich wert, wenn all die glänzenden Einzelteile nicht einmal eine vollwertige Summe ergeben? Dass ein teurer und bekannter Kader nicht zum Erfolg führen muss, haben die Blau-Weißen vor allem in der vergangenen Saison deutlich gezeigt. Die Truppe, die Hertha zum Aufstieg führen sollte, passte schlicht nicht zusammen – sportlich wie menschlich.
Die Entscheidung, den Kader im laufenden Transfersommer so grundlegend zu entkernen, war vor allem finanzieller Natur, aber auch eine bewusste sportliche Kurskorrektur. Angesprochen auf den neuen pressingintensiven Spielstil, den Hertha nun praktizieren will, sagte Leitl auf der Pressekonferenz vor dem Bochum-Spiel entscheidende Worte: "Du musst als Trainer natürlich Anpassungen vornehmen, wenn Dinge innerhalb der Gruppe nicht funktionieren. So war es in der Vergangenheit", erklärte er.
Kurzum: Mit der im wahrsten Sinne alten Mannschaft war solch ein aufwendiger, eher selbstloser Stil in seinen Augen gar nicht möglich. Entweder, weil sich gewisse Stars immer wieder aus der Arbeit gegen den Ball herausnahmen oder die hohe Defensivlinie durch fehlendes Tempo nicht zu halten war.
55 Minuten, die Herthas Zukunft zeigen sollen
Und so trat der Hauptstadtklub eine gewisse Wette für die nun eröffnete Spielzeit ein: Trotz der Abgänge zahlreicher Hochkaräter soll ein anderer, ein mutiger Spielstil möglich sein. Durch – wie Görlich sagte – mannschaftliche Geschlossenheit, klare Spielidentität, Mut und Glaube. Der erste Stresstest für diese Wette war das Spiel im Bochumer Ruhrstadion. Und Hertha bestand. In einer von Beginn an engen und umkämpften Begegnung waren die Berliner in den ersten rund 55 Minuten die stets etwas bessere Mannschaft.
Trainer Stefan Leitl feuert seine Spieler von Hertha BSC in Bochum an. (Quelle: imago images/ Team 2)
Besser, weil Hertha seinen Spielstil besser umsetzen konnte, eher bei sich wirkte als das Heimteam. Das lag vor allem an der Arbeit gegen den Ball. Die Leitl-Elf setzte das Vorhaben der Saisonvorbereitung fort und presste den Gegner wesentlich höher und aggressiver als noch in der letzten Saison.
Die Berliner konnten als Kollektiv deutlich höher stehen, weil sie mit Deyovaisio Zeefuik, Niklas Kolbe, Linus Gechter und Julian Eitschberger eine überaus schnelle Abwehrkette auf dem Feld hatten. Das erlaubte eine völlig neue Form von Mut im Pressing – und Gegner Bochum kaum Torgefahr.
"Wir waren unfassbar gut bei den zweiten Bällen, extrem griffig", lobte Leitl darüber hinaus. Vor einem Jahr ging die so ambitionierte "alte Dame" zum Saisonauftakt noch beim FC Schalke 04 unter, zerbröselte unter den Erwartungshaltungen. Nun, da Erfolgsdruck eher Zweifeln wich, wurde die vermeintliche Berliner B-Elf mit jeder Minute größer und sicherer. "Wir haben ein super Miteinander", bekräftigte Führungsspieler Paul Seguin nach Abpfiff. Die Mannschaft wollte es zeigen.
Gouram nutzt seine Chance
Fußball funktioniert über Geschichten. Und die Geschichte des Herthaner Siegtreffers zum 1:0 (39. Minute) ist eine gute. Sie beginnt damit, dass die Hauptstädter das Tor durch – natürlich – einen hohen Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte einleiteten – so wie sie es die komplette Vorbereitung geübt hatten. Die Geschichte geht damit weiter, dass ausgerechnet der 20-jährige Startelf-Debütant Soufian Gouram die Vorlage zum Tor spielt. Der Gouram, der als Eigengewächs den "Berliner Weg" symbolisieren soll, im Sommer die Chance erhielt und sie eindrucksvoll nutzte.
Und die Erzählung wird endgültig rund, weil der Torschütze Sebastian Grönning heißt. Der Grönning, der es in der vergangenen Saison aus sportlichen Gründen zeitweise nicht einmal in den Kader schaffte. Der 29-jährige Mittelstürmer stand stellvertretend dafür, wie durch den Kaderumbruch Spieler aus der zweiten in die erste Reihe traten.
So wie ein Kevin Sessa, der im Mittelfeld die Fäden zog. So wie Marius Gersbeck, der Tjark Ernst im Tor beerben muss und die Ausstrahlung einer Nummer eins hatte. So wie Julian Eitschberger, der nun Herthas Stamm-Rechtsverteidiger ist und seine Mannschaft energetisch mitriss. Die stillen Reserven, die Hertha nach den Abgängen der Stars noch im Kader hatte, wurden über den Sommer freigelegt.
Hertha-Eigengewächs Soufian Gouram im Spiel gegen den VfL Bochum. (Foto: imago images/RHR-Foto)
Drei wichtige Punkte, aber Luft nach oben
Herthas Auftritt in den ersten 55 Minuten gegen Bochum kam für viele Beobachtende überraschend. Überraschend mutig, energetisch und klar. Bis dahin hatten sich die Berliner den 1:0-Führungstreffer durchaus verdient. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Hertha nach rund 60 Minuten die Luft Stück für Stück ausging. Die neue intensive Spielweise wurde in der dichten Atmosphäre an der Castroper Straße so sehr herausgefordert, wie es kein Testspiel der Welt simulieren kann. So hatte Bochum durchaus Chancen auf den Ausgleich, allen voran der gebürtige Berliner Berkan Taz hätte zweimal zum 1:1 treffen können.
"Man hat gemerkt, dass uns am Ende Körner gefehlt haben und wir dann ein 2:0 brauchen", so Seguin. Dass Hertha den Sieg über die Zeit brachte, lag am besagten Miteinander. Die Berliner kämpften bis zum Schluss, schmissen sich in jede gegnerische Aktion und agierten als echte Einheit. Stresstest bestanden.
So holte Hertha den ersten Auftaktsieg seit sechs Jahren. Im Wissen, dass einige Fragezeichen der Vorbereitung ein wenig aufweichen und dass in der Spielanlage - vor allem im Ballbesitz - trotzdem noch Luft nach oben ist. Ein Zwischenstand, den viele den Charlottenburgern vor Anpfiff nicht zugetraut hätten.
Sendung: rbb24, 08.08.2026, 09:54 Uhr
Audio: rbb|24, 08.08.2026, Luise Kropff
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