Hertha BSC hat mit Andreas Schumacher einen Co-Trainer verpflichtet, der sich auf Standardsituationen spezialisiert hat. Damit ziehen die Berliner in einem Bereich des Fußballs nach, der immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Auf Spuren von Jürgen Klopp Hertha will mit Schumacher zum Branchenstandard aufschließen
Die Saison 2025/26 und das klare Scheitern am Aufstiegsziel machte sehr deutlich: Hertha BSC hat großen Nachholbedarf in verschiedensten Bereichen. Seitdem Peter Görlich im September 2025 sein Amt als Geschäftsführer der Berliner übernommen hat, geht der Fußball-Zweitligist zahlreiche jener Bereiche an. So gab es beispielsweise bereits größere Veränderungen in der medizinischen Abteilung und dem Scouting.
Ein konkreter Teilbereich im Spiel der Blau-Weißen wurde nun ebenfalls angegangen. "Bei Defensiv- und Offensivstandards gab es die größten Abweichungen", hatte Görlich in der Saisonanalyse im Vergleich zu den Topwerten der Ligakonkurrenz erklärt. In der vergangenen zwei Saisons hatte jeweils kein Zweitligist so wenig Tore nach Standards erzielt wie Hertha.
Ein Umstand, der personelle Konsequenzen hatte. Co-Trainer Patrick Ebert, zuletzt für ruhende Bälle verantwortlich, wurde zurück in die Jugend versetzt. Andreas Schumacher hat ihn beerbt. Er soll die "alte Dame" endlich in die Moderne der Standardsituationen führen.
Tausendsassa Schumacher
Schumacher hat bereits einige Stationen hinter sich. Allein beim VfB Stuttgart war er Leiter Top-Talente & Individualisierung, Leiter Methodik, Leiter Leistungsbereich und zuletzt Assistenztrainer bei den Profis. Zudem arbeitete der 45-Jährige in den Jugendakademien des Hamburger SV und St. Louis in den USA. Zuletzt war Schumacher von 2023 bis 2025 für die Standardsituation des 1. FC Magdeburgs verantwortlich.
Schumacher hat einen breiten theoretischen und methodischen Hintergrund. Neben den zahlreichen Rollen seiner Vergangenheit ist der einstige Regionalliga-Profi auch studierter Sportwissenschaftler. Herthas neuer Co-Trainer betreut(e) zudem andere Trainer auf ihrem Weg. 2022 veröffentlichte er das Buch "Zwei gegen eins" über Spielerverhalten in der Offensive. Derzeit absolviert Schumacher die Ausbildung zum Fußballlehrer, der höchsten Trainerqualifikation.
Standardsituationen werden chronisch unterschätzt
Im modernen Fußball fallen rund ein Drittel aller Tore nach Standardsituationen, also nach Freistößen, Eckbällen und Elfmetern – dabei unterscheiden sich die Quoten der Teams sehr deutlich. Klar ist dennoch: Standards haben – gemessen daran, wie wenig einige Teams sie trainieren - einen fast schon unterschätzten Effekt auf Fußballspiele.
Am wenigsten beachtet werden die Einwürfe. Meist als schnöde Spielfortsetzung gedacht, bieten Einwürfe eigentlich großes Potenzial zur Gestaltung weiterer Aktionen. Denn wann sonst hat der Spieler im Ballbesitz so unbedrängt Zeit, seine Mitspieler in Szene zu setzen?
Dass Einwürfe einen großen Einfluss haben könnten, erkannte einst auch Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp. 2018 heuerte er beim FC Liverpool einen eigenen Einwurftrainer an – damals noch ein Novum und beinahe schon belächelt. Thomas Gronnemark sollte nicht nur die Länge und Präzision von Einwürfen trainieren, sondern auch das Stellungsspiel und Laufwege der Mitspieler schleifen. In einem Fußballspiel gibt es zwischen 30 und 50 Einwürfe – reichlich Möglichkeiten, um das eigene Ballbesitzspiel kreativer anzulegen. Im Profi-Fußball kommt es bekanntlich auf Details an.
Schumacher denkt Standards anders
Dass Einwürfe vermutlich unterschätzt werden, ist Schumacher bekannt. Er hat dieser Teildisziplin der Standardsituationen ganze Coaching-Seminare und Podcast-Episoden gewidmet. Schumacher sieht Einwürfe laut eigener Aussage als Möglichkeiten, Torchancen zu kreieren oder zumindest vorzubereiten.
Auch Ecken betrachtet er etwas anders als es bei Hertha in den letzten Jahren meist der Fall war. Während die Berliner meist sehr herkömmliche und damit für den Gegner erwartbare Varianten wählten – oder besondere Varianten kaum einstudiert wirkten und Hertha meist um die Ohren flogen – passt Schumacher seine Standards an den Charakter seiner Mannschaft an.
Andreas Schumacher beim Training der Hertha in Kitzbühel / rbb/Jakob Rüger
"Wir haben bei offensiven Standards noch Luft nach oben", bekräftigte Trainer Stefan Leitl im Trainingslager noch einmal. "Dazu gehört auch die Restverteidigung. Wie können wir zweite Wellen starten? Welcher Spieler hat welche Aufgaben? Daran werden wir akribisch arbeiten und hier fühlt sich er (Andreas Schumacher, Anm. d. Red.) wohl."
Es muss nicht immer die direkte Flanke sein
Im Februar 2025 erklärte Schumacher im Podcast "From Coach to Coach", warum seine damalige Mannschaft Magdeburg in den herkömmlichen Statistiken meist nicht als besonders standardgefährlich geführt wurde. Der FCM hatte damals eines der körperlich kleinsten Teams der 2. Liga. Hohe Bälle in den Strafraum zu bugsieren, habe daher nur selten Sinn ergeben. Stattdessen wählte Schumacher andere – oft kurze und flache – Varianten, um den Gegner zu überraschen und die Stärken der eigenen Spieler besser zu nutzen.
So spielte Magdeburg eine Ecke oftmals erst kurz auf einen Spieler, rüttelte damit das Deckungsverhalten des Gegners auf und spielte erst im zweiten Moment die Flanke ins Strafrauminnere. So war der FCM erst auf den zweiten Blick gefährlich nach ruhenden Bällen, was sich in oberflächlicheren Statistiken nicht zeigt.
Standardtrainer wie ein zusätzlicher Topstürmer?
"Wenn du einen Standard-Trainer engagierst und dadurch nur zehn Tore mehr durch Standards erzielst, dann wäre das vergleichbar mit einem Topstürmer mehr im Kader", sagt Schumacher selbst. Womöglich denkt die chronisch klamme Hertha genau so: In die Strukturen um die Mannschaft zu investieren, ist oftmals weniger teuer als einen neuen Leistungsträger zu verpflichten – und, wenn gut gemacht, auch nachhaltiger.
Dass Schumacher einen Effekt auf die Standardgefahr des Hauptstadtklubs haben könnte, zeigte sich im Testspiel gegen den 1. FC Köln (2:2) – die Generalprobe vor dem Saisonauftakt in Bochum. Hertha zeigte gleich mehrere, gut einstudierte Varianten und erwischte den Gegner immer wieder eiskalt. Trotz des ausbleibenden Torerfolgs waren die Ideen klar erkennbar.
Geschäftsführer Görlich sprach im Nachhinein gegenüber rbb24 von einem "sehr guten Test". Ab kommenden Freitagabend wird sich zeigen, ob Hertha gute Testergebnisse auch in die Praxis umsetzen kann.
Sendung: rbb|24, 01.08.2026, 20:01 Uhr
Audio: rbb|24, 01.08.2026, Marc Schwitzky im Gespräch mit Simon Wenzel
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