Der andere Passant ist noch 50 Meter entfernt, doch das Hirn rattert: grüßen oder nicht? Autor Lucas Wiegelmann hat sich eine persönliche Faustregel überlegt.
Der andere Passant ist noch 50 Meter entfernt, trotzdem rattert schon das Hirn: grüßen oder nicht? Autor Lucas Wiegelmann hat sich dafür eine persönliche Faustregel überlegt.
In meiner liebsten Comedyserie „Stromberg“ prägt der Titelheld, ein Versicherungsmakler und Unsympath namens Bernd Stromberg, einen schönen Weisheitsspruch. „Wenn im Wald ein Wolf einem Wolf begegnet, denkt er sich: ‚Ah, sicher ein Wolf!‘ Aber wenn ein Mensch im Wald einem Menschen begegnet, denkt der: ‚Ah, sicher ein Mörder.‘“
In Wirklichkeit dürften die meisten, wenn sie als Einzelperson im Wald eine andere Einzelperson sehen, zwar eher denken: Ah, sicher ein Spaziergänger. Aber dass sie überhaupt etwas denken, dass sie das Gegenüber und seine möglichen Motive zumindest unterbewusst kurz abschätzen, ob im Wald, in der Fußgängerzone oder sonst wo, das geht bestimmt allen so.
Und zumindest bei mir persönlich mündete dieses Screening früher in die uralte und zugleich immer neue Benimmfrage: Okay, also grüßen oder nicht?
Ich habe mir für Begegnungen mit fremden Menschen mittlerweile eine ganz einfache Faustformel zurechtgelegt: Schweigen ist Silber, Grüßen ist Gold.
Wenn nicht offensichtliche Gründe dagegen sprechen (der andere joggt, er hat Kopfhörer auf, er telefoniert oder so) und wenn eine klar einzugrenzende Einzelbegegnung vorliegt (also nicht: Man läuft auf dem Wochenmarkt durch den Pulk, sondern: Ich alleine treffe auf eine andere Person oder eine kleine Gruppe), grüße ich mittlerweile immer, und zwar sage ich „Moin“. Die Vorteile, die diese Strategie mit sich bringt, liegen auf der Hand.
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Erst mal demonstriere ich mit „Moin“ eine regionale Prägung: Das signalisiert Offenheit (ich gebe etwas von mir preis!) und stellt, wenn sich die Begegnung im ländlichen Norden abspielt und der andere ebenfalls von hier stammt, sofort eine Verbindung her: Grüßen ist Heimat, wenn sich zwei Unbekannte nach nur einem Wort ein ganzes Stück weniger fremd sind.
Gleichzeitig ist die Begrüßung kurz genug, um die höfliche Distanz nicht zu gefährden, anders etwa als die aufdringliche Doppelform „Moin Moin“. Und ich lasse mir damit nicht zu sehr in die Karten gucken. Ob ich in dem Passanten gerade meinen früheren Schulkameraden erkannt habe oder nicht, bleibt in „Moin“ gnädig unausgesprochen.
Vor allem aber: Die Alternative, einfach gar nichts zu machen, ist auch keine Lösung. Man kann ja gar nicht nicht grüßen: Wenn alle immer nur stumm aneinander vorbeistoffeln, senden sie einander eben auch Botschaften und prägen die Art und Weise, wie Menschen übereinander denken. Ich habe lange genug in Großstädten gelebt, wo das an der Tagesordnung war, in Köln zum Beispiel. Der Stadt, in der „Stromberg“ gedreht wurde.
Die Frage, ob wir grüßen oder nicht, öffnet allgemein ein weites Feld. Es kann in der konkreten Situation lange dauern, bis sie beantwortet ist, quälend lange. Jeder kennt ja das Horrorszenario, dass man auf einem schnurgeraden Weg einem weit entfernten Passanten entgegengeht und beide die ganze Zeit vor lauter Unsicherheit auf die eigenen Füße starren. Ein Gruß ist etwas Schönes, aber nur in der Theorie. In der Praxis wird er schnell zur Peinlichkeit.
Es gibt einfach so viel falsch zu machen. Stehen bleiben oder nicht? „Guten Tag“ oder „Hallo“? Oder einfach ein Nicken in Anerkennung der merkwürdigen Vorsehung, dass ausgerechnet wir beide ausgerechnet jetzt ausgerechnet diesen Weg genommen haben und nicht zwei Minuten früher oder später zu Hause losgelaufen sind?
Und ja, von einer flüchtigen Begegnung beim Stadtbummel hängt weniger ab als von einem Vorstellungsgespräch oder einem Date. Dafür hat man aber auch deutlich weniger Zeit, gut rüberzukommen, also eigentlich gar keine. Insofern ist die Nervosität, die mit dem Thema verbunden ist, durchaus nicht unberechtigt.
In meinem Fall kommt sogar noch eine besondere Schwierigkeit dazu: Ich habe ein furchtbares Gesichtergedächtnis, das nur noch von meinem Namensgedächtnis unterboten wird. In meinem Handy-Telefonbuch finden sich Einträge wie „Alter Bekannter 2“, weil mir jemand bei einem zufälligen Wiedersehen mal seine Nummer gegeben hat, an den ich mich nicht erinnern konnte.
Wenn ich irgendwo neu bin, stelle ich mich in den ersten Wochen mehrfach denselben Kollegen vor. Wer so hilflos ist wie ich, denkt im Wald nicht „Ah, sicher ein Mörder“, sondern eher: „Muss ich den kennen?“
Von Lucas Wiegelmann