Manchmal reichen Sekunden und wir mögen jemanden nicht. Warum unser Gehirn so schnell urteilt und weshalb es sich dabei täuschen kann.
Manchmal reichen Sekunden und wir mögen jemanden nicht. Warum unser Gehirn so schnell urteilt und weshalb es sich dabei täuschen kann.
Ich war neulich auf einer Party und konnte jemanden auf den ersten Blick nicht leiden. Kennen Sie das? Der Mensch hatte mir nichts getan, wir hatten kaum zwei Sätze gewechselt und trotzdem war mein Kopf schon fertig mit seiner Beurteilung: arrogant, anstrengend, bloß nicht zu lange danebenstehen.
Später kamen wir doch ins Gespräch und nach zehn Minuten dachte ich: Eigentlich ist der sympathisch. Mein erster Eindruck hatte sich nicht nur geirrt, er hatte mir vorher auch noch das gute Gefühl gegeben, recht zu haben.
Joern Kettler ist Wirtschaftspsychologe, Mimik-Analyst und Bestsellerautor. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Unser Gehirn liebt schnelle Entscheidungen und Abkürzungen. Bei anderen Menschen versucht es aus wenigen Informationen herauszufinden wie die Person tickt.
Eine Studie zeigt, dass Menschen aus Gesichtern innerhalb kürzester Zeit Eigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit oder Dominanz ableiten. Solche Urteile fühlen sich überzeugender an, als sie tatsächlich verlässlich sind. Der erste Eindruck ist eher ein Schnellcheck als eine Charakteranalyse. Nur behandelt unser Gehirn diesen Schnellcheck gern wie ein abgeschlossenes Gutachten.
Nicht nur das Gesicht entscheidet. Eine Forschergruppe ließ 320 Menschen sehr kurze Aufnahmen eines einzigen Wortes beurteilen: „Hallo“. Schon daraus entstanden übereinstimmende Eindrücke darüber, ob jemand vertrauenswürdig, dominant oder sympathisch wirkte.
ANZEIGE
ANZEIGE
Das erklärt, warum uns jemand manchmal irritiert, ohne dass wir genau sagen können, weshalb. Vielleicht ist es das Sprechtempo, ein harter Tonfall, ein knapper Blick oder die Art, wie jemand in ein Gespräch hineinplatzt und dann passiert etwas typisch Menschliches: Wir beobachten nicht nur Verhalten, wir erfinden sofort die passende Geschichte dazu. „Der schaut mich kaum an, der ist arrogant.“ „Die redet so laut, die muss sich ständig wichtigmachen.“ Vielleicht ist der eine aber nur nervös und die andere schlicht begeistert.
Ob wir jemanden mögen, hängt auch von uns selbst ab. Ein direkter Mensch wirkt auf den einen erfrischend ehrlich und auf den anderen wie ein menschgewordener Presslufthammer.
Unsere Erfahrungen mischen kräftig mit. Wer uns an jemanden erinnert, mit dem wir schlechte Erfahrungen gemacht haben, startet sofort mit einem Minuspunkt.
Genau deshalb ist der Satz „Ich habe einfach eine gute Menschenkenntnis“ manchmal gefährlich. Vielleicht haben Sie recht. Vielleicht hat Ihr Gehirn nur sehr schnell eine Geschichte erfunden um Sie vor der „schlechten Person“ zu schützen.
Jetzt könnte man anfangen, jede Handbewegung zu trainieren, den perfekten Blickkontakt zu berechnen und vor dem Spiegel ein „authentisches“ Lächeln zu üben. Bitte nicht.
Ein wesentlich besserer Hebel ist echtes Interesse. Eine Gruppe aus Forschern zeigte, dass Menschen, die mehr Fragen und vor allem passende Folgefragen stellen, von Gesprächspartnern sympathischer wahrgenommen werden. Entscheidend war das Gefühl: Mein Gegenüber hört mir zu und interessiert sich für mich.
Erzählt Ihnen jemand, dass er gerade aus Italien zurückkommt, müssen Sie also nicht sofort sagen: „Da war ich auch schon zwölfmal.“ Fragen Sie lieber: „Was hat Ihnen dort am besten gefallen?“ Sympathie entsteht oft dort, wo wir aufhören, selbst interessant wirken zu wollen.
Nach ersten Begegnungen läuft bei vielen die innere Wiederholung in Dauerschleife. „Warum habe ich das gesagt?“ „War ich zu laut?“ „Dieser Witz war wirklich eine Katastrophe.“
Ein anderes Forschungsteam fand den sogenannten „Liking Gap“: Menschen unterschätzten nach Gesprächen systematisch, wie sehr ihr Gegenüber sie tatsächlich mochte und ihre Gesellschaft genossen hatte.
Während Sie noch über einen misslungenen Satz nachdenken, erinnert sich der andere vielleicht nur an ein angenehmes Gespräch.
Mehrere Forscher zeigten in sieben Experimenten, dass bereits entstandene negative Bewertungen verändert und sogar umgekehrt werden können, wenn neue Informationen das vorherige Verhalten in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Eine spätere Untersuchung der beiden zeigte, dass eine solche Neubewertung auch nach einer zweitägigen Verzögerung möglich war.
Wenn Sie selbst schlecht angekommen sind, bringt der Satz „So bin ich eigentlich gar nicht“ meist wenig. Besser ist, beim nächsten Kontakt anders zu handeln: zuhören, Interesse zeigen, verlässlich sein oder ein Missverständnis offen ansprechen.
Wenn Sie jemand anderen sofort unsympathisch finden, stellen Sie sich einfach diese zwei Fragen: „Was weiß ich wirklich über diesen Menschen und was habe ich nur hineininterpretiert?“
Der erste Eindruck ist wichtig, weil unser Gehirn schnell Orientierung sucht. Aber schnell bedeutet nicht automatisch richtig.
Vielleicht war der vermeintlich arrogante Mensch nur nervös. Vielleicht war die distanzierte Kollegin einfach müde. Und vielleicht lohnt es sich manchmal, einem Menschen zwanzig Minuten mehr zu geben, so wie auf meiner Party.