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INTERVIEW - «Wenn ein Mensch in Gefahr ist, muss der überschwemmte Weinkeller warten», sagt der Feuerwehrchef über die jüngsten Unwetter in Zürich

Дата публикации: 03-07-2026 03:01:00

Peter Wullschleger ist seit 21 Jahren an vorderster Front dabei. Die Unwetter, sagt er, sind in dieser Zeit schlimmer geworden.

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«Wenn ein Mensch in Gefahr ist, muss der überschwemmte Weinkeller warten», sagt der Feuerwehrchef über die jüngsten Unwetter in Zürich

Peter Wullschleger ist seit 21 Jahren an vorderster Front dabei. Die Unwetter, sagt er, sind in dieser Zeit schlimmer geworden.

Zürich ist von starken Unwettern getroffen worden. Diese Aufnahme stammt vom 19. Juni.

Zürich ist von starken Unwettern getroffen worden. Diese Aufnahme stammt vom 19. Juni.

Claudio Thoma / Keystone

Peter Wullschleger, Sie sind Kommandant Feuerwehr und Zivilschutz bei Schutz und Rettung Zürich. In der Region Zürich hat es in kurzer Zeit gleich zwei schwere Unwetter gegeben, am 19. Juni und in der Nacht auf den 1. Juli. Sie waren an einem Tag Einsatzleiter und einmal an der Front. Waren die Ereignisse vergleichbar?

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Zum Teil. Am 19. Juni hatten wir mehr Wind und entwurzelte Bäume, die sogar auf Fahrleitungen stürzten. Es kam zu Verletzten und gar zu einem Todesfall. Betroffen war vor allem die Stadt Zürich. Es goss wie aus Kübeln, aber das Unwetter war nach etwa zwei Stunden vorbei. In der Nacht auf den 1. Juli hatten wir mehrere Wellen: Um 19 Uhr 30 kamen die ersten Meldungen aus dem Kanton, um 20 Uhr 30 aus der Stadt. Um 4 Uhr gab es ein weiteres Gewitter. Schliesslich meldeten sich frühmorgens die ersten Nachzügler, weil sie beim Aufstehen merkten, dass ihr Keller vollgelaufen war. Wir zählten vom 30. Juni auf den 1. Juli fast tausend Einsätze.

Peter Wullschleger.

PD

Wie viele sind es normalerweise?

Etwa dreissig bis vierzig pro Tag.

Kam es bei Ihnen zu Engpässen?

Nein. Wir sind eingespielt und auch für solche Ereignisse vorbereitet. Wir stehen in engem Austausch mit Meteo Schweiz und hatten Hinweise, dass es heftig werden könnte. Wenn es so heiss ist wie in den letzten Tagen, ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass etwas kommt.

Wie bereiten Sie sich darauf vor, wenn ein Sturm im Anzug ist?

Wir kennen einen speziellen Unwettermodus. In der Einsatzleitzentrale stellen wir sicher, dass es genügend Call-Taker und Disponenten gibt, um die zu erwartenden zahlreichen Notrufe zu bewältigen. Wir bieten Personal auf oder behalten Leute nach Schichtende im Haus. Weiter verteilen wir zum Beispiel in der Stadt Zürich zusätzliches Material und Personal der Feuerwehr in Depots in allen vier Himmelsrichtungen, um für den Sturm gerüstet zu sein.

Sind die Unwetter schlimmer geworden?

Ja. Ich bin jetzt seit 21 Jahren dabei, und die Intensität und die Häufigkeit der Unwetter haben zugenommen. Das belegen unsere Statistiken eindeutig. Wir sind aber auch besser vorbereitet. Wir ziehen aus jedem Einsatz Lehren, wie wir noch besser werden können.

Kommt es beim Abarbeiten der Fälle nicht zu einem Stau?

Wir sind extrem effizient. Unser System legt automatisch fest, welche Einsatzkräfte am schnellsten vor Ort sein können. Ausserdem vereinfachen wir im Unwettermodus unsere Kommunikation. Im Normalbetrieb funkt der Disponent mit dem Einsatzleiter in einer Gemeinde oder mit uns hin und her, um den Einsatz zu koordinieren. Im Unwettermodus verschicken wir unkommentiert eine Karte mit dem Einsatzort in die Depots der Feuerwehren, sogar per Fax.

Per Fax?

Das hört sich altmodisch an. Aber ein Stück Papier können Sie am einfachsten auf den Einsatz mitnehmen. Ausserdem ist es wichtig, mehrere redundante Systeme zu betreiben, falls es zu Ausfällen kommt.

Wie entscheiden Sie, welcher Einsatz Priorität hat?

Die Rettung von Menschen und Tieren geht über alles. Am 19. Juni erhielten wir eine Meldung über eine Person, die im Raum Wollishofen in einem Untergeschoss eingeschlossen war, während Wasser einlief. In so einem Fall lassen wir natürlich alles andere stehen und liegen. Ich erinnere mich auch, wie vor einigen Jahren bei einem anderen Unwetter die Meldung eintraf, dass sich beim Waidspital ein Bach gebildet habe. Er floss direkt auf den Notfall zu. Da haben wir sprichwörtlich Mann und Maus von anderen Einsätzen abgezogen.

In der Einsatzleitzentrale von Schutz und Rettung Zürich gingen zahlreiche Meldungen ein.

In der Einsatzleitzentrale von Schutz und Rettung Zürich gingen zahlreiche Meldungen ein.

PD

Was ist, wenn alle Mittel schon im Einsatz stehen?

Wir verfügen immer über Reserven. Zuerst kommt die Berufsfeuerwehr, dann die Milizfeuerwehr und in einer dritten Welle sogar der Zivilschutz zum Zug.

Der Zivilschutz? Ist das Unwetter nicht schon längstens vorbei, bis dieser einsatzbereit ist?

Nein. Es gibt bei Schutz und Rettung Zürich einen Schnelleinsatzzug mit fünfzig Zivilschützern, die in unmittelbarer Nähe des Einrückstandorts wohnen, gut verfügbar und besonders leistungsfähig sind. Sie sind in dreissig Minuten bereit. Wir müssen aber sehr selten auf den Zivilschutz zurückgreifen – etwa in einem von tausend Einsätzen.

Wie stellen Sie sicher, dass auch andere Notfälle, etwa ein Verkehrsunfall oder ein Brand, während eines Unwetters bewältigt werden können?

Auch darauf sind wir vorbereitet. Wir hatten sowohl Mitte Juni als auch am Monatsende neben den Unwettern weitere Ereignisse wie kleinere Brände. Diese erhalten Priorität. Hier geht es um Minuten, gerade bei Personenrettungen. Wenn ein Mensch in Gefahr ist, muss der überschwemmte Weinkeller etwas warten.

Am Dienstag musste ein Konzert im Letzigrund unterbrochen werden. Wer entscheidet das? Sie? Oder die Veranstalter?

Das ist ein gemeinsamer Entscheid. In diesem Fall stand vor allem die Polizei im Austausch mit den Veranstaltern. Ich habe mich kurz mit der Einsatzleitung unterhalten und darauf hingewiesen, dass wir keine Risiken eingehen möchten. Das Letzte, was wir wollten, war ein Massenanfall von Verletzten. Ich erinnere mich auch, wie wir 2024 die Verbrennung des Bööggs am Sechseläuten absagen mussten, weil der Wind so stark blies. Auch diesen Entscheid fällten wir gemeinsam.

Was wäre, wenn ein schweres Gewitter wie am 19. Juni an der Street Parade auftreten würde?

Ich gehe davon aus, dass viele Leute von selbst die Strasse verliessen und zum Beispiel in den Klubs, im Hauptbahnhof oder in umliegenden Gebäuden Schutz suchten. Das geschieht an der Street Parade jeweils auch, wenn es einfach regnet. Wir verfügen ausserdem in der Stadt über ein gutes Crowd-Management und über Fluchtwege.

Wie muss man sich die Stimmung auf der Einsatzleitzentrale bei einem Grossereignis vorstellen? Herrscht in solchen Momenten Stress, gerade für Sie als Einsatzleiter?

Nein. Wir sind ein eingespieltes Team. Der Geräuschpegel ist dann zwar hoch, und es ist ein ständiges Gewusel. Am 30. Juni gingen in 15 Minuten über 130 Feuerwehrnotrufe ein. Aber wir alle arbeiten nach standardisierten Abläufen, jeder weiss genau, was seine Aufgabe ist. Als Einsatzleiter kann ich bei Grossereignissen zudem auf Führungsunterstützung zurückgreifen. Beim jüngsten Unwetter teilten wir uns das Gebiet auf: Mein Offizierskollege kümmerte sich um die Stadt, ich mich um das restliche Kantonsgebiet.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei Ihnen?

Wir unternehmen erste Schritte, aber das Thema steckt bei uns noch in den Kinderschuhen, unter anderem wegen des Datenschutzes.

Wann sollte ich bei einem Unwetter zum Hörer greifen, und wann kann ich warten? Muss ich jeden überschwemmten Keller sofort melden?

Wir empfehlen dringend, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig anzurufen. Dies ganz sicher dann, wenn Personen oder Tiere gefährdet sind. Wir sind so aufgestellt, dass wir auch in kurzer Zeit locker tausend Notrufe entgegennehmen können.

Die Schweiz kennt mehrere Notrufnummern. Wäre es nicht einfacher, wir hätten nur eine zentrale Nummer wie zum Beispiel in den USA?

Die gibt es sogar, mit der internationalen Notrufnummer 112. Aber damit verlieren Sie Zeit, denn Sie landen bei der 112 zuerst bei der Polizei. Die 112 ist wichtig für internationale Reisende, aber ich denke, dass alle Schweizerinnen und Schweizer wissen, dass man die Polizei auf 117 erreicht, die Feuerwehr auf 118 und die Sanität auf 144, und man ist direkt am richtigen Ort. Der damalige Schaffhauser Ständerat Thomas Minder schlug vor einigen Jahren vor, alle Nummern durch eine einzige zu ersetzen. Ich lud ihn zu einem Besuch bei uns ein und erzählte ihm, warum unser System besser ist. In der Folge zog er seinen Vorstoss zurück.

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