Eine Affäre um einen Kriminellen mit delikaten Beziehungen sorgt bei der Stadtpolizei Zürich für Unruhe. Der Fall weckt Erinnerungen an einen alten Skandal.
Eine Affäre um einen Kriminellen mit delikaten Beziehungen sorgt bei der Stadtpolizei Zürich für Unruhe. Der Fall weckt Erinnerungen an einen alten Skandal.

Illustration Ida Götz / NZZ
Ramon Shani (Name geändert) prahlt gerne mit dem, was er hat. In den sozialen Netzwerken präsentiert er sich als erfolgreicher Startup-Unternehmer mit Faible für Fussball, Reisen und Luxus. Einmal posiert er im eng geschnittenen, anthrazitfarbenen Anzug, dann wieder mit Kollegen an Partys des Zürcher Jetsets oder sonnengebräunt und in Badehosen auf einem Boot am Meer. Zu Treffen in Zürcher Szenebars fährt der 35-jährige Schweizer im Ferrari vor.
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Doch da ist auch eine andere Seite: Shani ist mehrfach verurteilt und arbeitete einst als rechte Hand eines Drogenbosses. Für diesen organisierte er Luxusferien und besorgte teure Wagen. In Ermittlerkreisen gilt er deshalb als Bindeglied zur schwerstkriminellen Szene. Ein Mann, den alle im Zürcher Milieu kennen.
Shani spricht gerne über diese Zeit, behauptet aber auch: «Das ist Vergangenheit. Heute ist alles, was ich mache, legal.»
Ausgerechnet mit diesem Mann haben sich in den letzten Jahren zwei Mitarbeiterinnen der Stadtpolizei Zürich eingelassen. Es ist eine delikate Affäre, die beim Korps für einige Unruhe sorgt. Und die Erinnerungen weckt an eine Geschichte, die die Stadtpolizei vor dreizehn Jahren erschütterte.
Im Fall von Ramon Shani beginnt alles im Jahr 2022. In dieser Zeit lernt er eine Mitarbeiterin der Zürcher Stadtpolizei kennen. Sie ist eine aufstrebende junge Ermittlerin. Einmal spielt sie auch eine Rolle in einer Werbekampagne, mit der die Stadtpolizei nach neuen Kräften sucht. In dem Video zeigt sie ihren Alltag im Einsatzfahrzeug, beim Fitnesstraining oder auf dem Schiessplatz.
Die Liste der Vorwürfe gegen Shani ist schon da lang: Handel mit Marihuana, Geldwäscherei, Diebstahl, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und Verletzung der Verkehrsregeln. Noch während der Beziehung mit der jungen Polizistin wird er in zwei Prozessen verurteilt. Im Frühsommer 2023 erhält er eine bedingte Freiheitsstrafe, ein halbes Jahr später verurteilt ihn das Obergericht zu einer Freiheitsstrafe von 34 Monaten. Das Bundesgericht hat das Urteil inzwischen bestätigt.
Doch statt auf Distanz zum Kriminellen zu gehen, beginnt die junge Frau offenbar Gefühle für ihn zu entwickeln – und Shani nutzt das für sich aus.
So jedenfalls wird es später der zuständige Staatsanwalt in einem Strafbefehl festhalten. Shani habe, heisst es dort, die junge Frau beeinflusst und es darauf angelegt, dass sie ihre dienstliche Verschwiegenheitspflicht für ihren «Schwarm» verletze.
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Sicher ist: Shani bringt die Polizistin dazu, ihn mit geheimen Informationen zu beliefern. Innerhalb eines Jahres gewährt sie ihm viermal Zugriff auf die Daten aus dem Informationssystem Polis. In der Datenbank sind eine Vielzahl von heiklen Daten gespeichert – von Täterprofilen bis hin zu polizeilichen Rapporten und Fahndungsaufrufen.
An einem Nachmittag im Oktober 2022 schickt die Polizistin dem Kriminellen einen Auszug aus dem Polis per Whatsapp. Ein anderes Mal, im Oktober 2022, treffen sie sich bei einem Abendessen in einem italienischen Restaurant an der Langstrasse. Sie sind zu viert, und irgendwann entsperrt die Polizistin ihr Diensthandy und überreicht es Shani. Er liest daraufhin auf dem Smartphone, was die Ermittler über ihn in der Datenbank abgelegt haben.
Ein anderes Mal sucht sie auf seinen Wunsch hin auch nach Informationen über einen seiner Kollegen. Und als sie im November 2023 bei ihm in der Wohnung übernachtet, händigt sie ihm ihr Diensttelefon aus. Er sucht daraufhin in den polizeilichen Registern erneut nach seinem Namen und dem eines Kollegen aus dem kriminellen Milieu. Geld fliesst in ihrem Fall gemäss den Erkenntnissen der Ermittler aber nie.
Irgendwann fällt die Polizistin auf. Denn jede Suche in den Systemen hinterlässt Spuren: Log-in-Daten, Namen, Zeitpunkt der Abfrage oder Suchbegriffe. Im Frühling 2025 wird die junge Polizistin verhaftet. Drei Tage sitzt sie in Haft, dann kommt sie wieder frei. Ihren Job ist sie los. Die Staatsanwaltschaft hat die Frau in diesem Frühling per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Auch Ramon Shani erhält einen Strafbefehl.
Doch mittlerweile hat die Affäre weitere Kreise gezogen. Gemäss NZZ-Informationen ist die junge Frau nicht die einzige Mitarbeiterin der Stadtpolizei, die sich mit dem verurteilten Straftäter eingelassen hat.
Ob auch in einem zweiten Fall Informationen geflossen sind, untersucht derzeit die Zürcher Staatsanwaltschaft. Diese schreibt auf Anfrage, sie führe eine Strafuntersuchung wegen des Verdachts auf Amtsgeheimnisverletzung gegen eine Schweizerin. Noch ist der Fall pendent, es gilt die Unschuldsvermutung bis zu einem rechtskräftigen Verfahrensabschluss.
Beruflich hat die Geschichte jedoch bereits Konsequenzen für die Polizistin. Bei der Stadtpolizei Zürich heisst es auf Anfrage, die Person arbeite seit Dezember 2025 nicht mehr beim Korps. Weitere Angaben könne man aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht machen. Einzig hält man bei der Stadtpolizei noch dies fest: Die Mitarbeiterin sei nicht in derselben Abteilung tätig gewesen wie die inzwischen verurteilte Frau.
Darüber, ob noch weitere Polizisten und Mitarbeitende von Justizbehörden mit Shani in Kontakt standen oder ihm gar unerlaubt Informationen zukommen liessen, machen weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei Angaben. Dem Vernehmen nach kam es zu Abgängen von Mitarbeitenden, die sich nicht auf die Nulltoleranzstrategie des Kommandos im privaten Umgang mit Personen mit problematischem Hintergrund einlassen wollten.
Für die Stadtpolizei ist es eine unangenehme Affäre. Eine, die die Frage aufwirft, wie nahe Ermittler und Kriminelle auch im Privaten kommen dürfen. Und es ist eine Geschichte, die Erinnerungen weckt an Vorkommnisse, die das Korps vor dreizehn Jahren erschütterten.
Am 12. November 2013 wurden in einer grossangelegten Polizeiaktion fünf Zürcher Stadtpolizisten verhaftet. Der Verdacht damals: Innerhalb des Korps gibt es ein korruptes Netzwerk. Die Polizisten hätten mit zwielichtigen Figuren aus dem Rotlichtmilieu verkehrt. Die Mitglieder der Fachgruppe Milieu- und Sexualdelikte – im Volksmund auch Sittenpolizei genannt – hätten vor Razzien gewarnt, Anzeigen unterdrückt und geheime Daten herausgegeben. Im Gegenzug hätten sie gratis Sex, Drinks und Essen genossen. Der Skandal erhielt wegen eines Milieulokals im Zürcher Langstrassenquartier den Namen «Chilli’s»-Affäre.
Doch von den Vorwürfen blieb am Ende trotz aufwendigen Ermittlungen wenig übrig. Die Ermittler fanden zwar einige Verfehlungen von Mitgliedern des Korps, aber keine Hinweise auf Korruption.
Die Affäre bewirkte jedoch ein Umdenken bei der Stadtpolizei. Seit 2015 verfügt sie über einen eigenen Fachbereich, der zuständig ist für Präventionsschulungen im Bereich Amtsdelikte und für interne Untersuchungen. Die Mitarbeiter würden im Rahmen ihrer Ausbildung und später auch bei Fortbildungskursen im Umgang mit Daten und Geschenken sensibilisiert, schreibt die Stadtpolizei auf Anfrage der NZZ. Man habe zudem Meldestellen eingerichtet für Hinweise auf fehlbares Verhalten. Und die Kaderpersonen der Stadtpolizei erhielten zusätzliche Schulungen.
Etwas hält die Stadtpolizei jedoch fest: «Das Verhalten von Mitarbeitenden in der Freizeit liegt ausserhalb unseres Einflussbereiches.» Im Personalrecht ist aber festgehalten, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber mit ihrem ausserdienstlichen Verhalten nicht schaden dürfen. Wenn so etwas vorkommen sollte, könnten Massnahmen gemäss Personalrecht geprüft werden, heisst es bei der Stadtpolizei.
Sicher ist: Private Beziehungen zwischen Mitarbeitenden und Kriminellen will man keine haben. Selbst wenn es nur um die Liebe geht.