Eine Forschungsgruppe unterstützt die Idee der Linksaussenpartei AL. Dabei schreibt die Hochschule ihren Mitarbeitenden klar vor, Wissenschaft und Politik zu trennen.
Eine Forschungsgruppe unterstützt die Idee der Linksaussenpartei AL. Dabei schreibt die Hochschule ihren Mitarbeitenden klar vor, Wissenschaft und Politik zu trennen.

Keystone
Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) ist eine kantonale Fachhochschule, die ihr 600-Millionen-Franken-Budget zu rund 80 Prozent aus staatlichen Mitteln bestreitet. Die Schule mit Standorten in Winterthur und Wädenswil hat sich selbst Regeln zur politischen Neutralität gegeben. Forschende, die für sie arbeiten, geniessen zwar akademische Freiheit. Sie müssen aber zwischen ihrer wissenschaftlichen Expertise und ihrer politischen Meinung unterscheiden, wenn sie öffentlich in Erscheinung treten.
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Genau dieses Prinzip hat die ZHAW, genauer: die Forschungsgruppe Nachhaltigkeitskommunikation und Umweltbildung, nun aber geritzt. Sie plädiert für eine Einschränkung der Werbung in der Stadt Zürich – und schlägt einen Pilotversuch vor, der ziemlich genau dem entspricht, was linke Kreise neuerdings fordern.
Die ZHAW-Gruppe forscht darüber, wie man Menschen zu einem «ressourcenleichten Verhalten» zugunsten des Klimas motivieren kann – mittels Verhaltenspsychologie und «kreativer Kommunikationsstrategien». Diese Strategien will sie in Zürich Wiedikon direkt anwenden. Hier pröbelt Zürichs rot-grüner Stadtrat in den nächsten sechs Jahren für acht Millionen Franken an einem Modellquartier fürs Klima. Die Einwohner sollen klimaneutraler wohnen, einkaufen, reisen.
Als ersten Schritt hat die Stadt die Quartierbevölkerung zum Ideenwettbewerb aufgerufen. Auch die Forschungsgruppe Nachhaltigkeitskommunikation und Umweltbildung der ZHAW hat mitgemacht. Ihr Vorschlag hat es in einem öffentlichen Voting sogar unter jene 25 beliebtesten geschafft, die die Stadt jetzt weiterverfolgt. Er lautet: «Weniger Werbung, mehr Wiedikon – Platz für Ideen statt Konsumdruck».
Die Logik der ZHAW-Forschungsgruppe: Wenn die Leute Werbebotschaften ausgesetzt sind, konsumieren sie mehr. Dies wiederum schadet dem Klima. Sie schreibt: «Werberegulierungen gelten als ein wirksames Instrument, um klimaschädliche Konsumanreize zu reduzieren.»
In Wiedikon geht es vorerst nicht um ein direktes Verbot – ein solches wäre auch rechtlich kaum haltbar. Vielmehr sollen ausgewählte Werbeflächen «alternativ bespielt» und «visuell aufgelöst» werden. Heisst: Die Stadt mietet Werbeflächen, lokale Schulklassen oder Künstler bemalen sie. Dies soll dazu führen, dass die Leute weniger konsumieren und das Klima weniger belasten.
Die Idee hat einen Vorläufer in Baden im Kanton Aargau. Dort gaben gemäss ZHAW 10 Prozent von 672 Befragten an, dass sie ihr Konsumverhalten durch die Pilotkampagne geändert oder zumindest «hinterfragt» hätten.
Allerdings: 53 Prozent haben keinen Einfluss auf ihr Konsumverhalten festgestellt.
Für Wiedikon bewirbt die Forschungsgruppe ihre Idee so: «Das Quartier wird zu einem lebendigen Ort, an dem wir gemeinsam erleben, wie sich der öffentliche Raum ohne Konsumdruck anfühlt.» Ein Satz, der dem Parteiprogramm der städtischen Linksaussenpartei Alternative Linke (AL) entnommen sein könnte. Die AL ist jene Partei, die vehement ein Werbeverbot in der Stadt Zürich fordert.
Im Frühling vor einem Jahr hatte sie damit im Stadtparlament prompt Erfolg, wenn auch mit nur einer Stimme Mehrheit. Der – linke – Stadtrat hatte vergeblich vor dem Ausfall von 28 Millionen Franken pro Jahr unter anderem für Werbung an VBZ-Haltestellen gewarnt. Der damalige Parlamentspräsident Guy Krayenbühl (GLP) quittierte den Entscheid mit den Worten: «Willkommen in Pjongjang!»
Der AL-Gemeinderat Michael Schmid sagte damals im Stadtparlament: «Werbung will uns manipulieren. Sie führt zu Überkonsum und verschandelt den öffentlichen Raum.» Eine Sichtweise, in welcher der Konsument ein unmündiges, hilfloses Wesen ist. Die ZHAW-Forschungsgruppe argumentiert praktisch deckungsgleich. Für sie ist es Fakt, dass «Werbeflächen zu Mehrkonsum anregen».
Wie lassen sich diese ideelle Nähe und der Aktivismus der Gruppe mit dem Gebot der Hochschule vereinbaren, wonach wissenschaftliche Expertise und politische Meinung zu trennen sind?
Der ZHAW-Professor Urs Müller ist Leiter der Forschungsgruppe. Er sagt, die Gruppe forsche zur Nachhaltigkeitstransformation. Das heisst, dass man herausfinden will, unter welchen Bedingungen die Gesellschaft Massnahmen zur Suffizienz akzeptiert. Mit Suffizienz ist ein sparsamerer Lebensstil gemeint. Dies sei nötig, um die Klimaziele zu erreichen. Werberegulierungen seien eine mögliche Massnahme.
Müller sagt: «Wir machen keine Politik, sondern liefern Grundlagen, die von der Politik genutzt werden können.» Denn Klimaneutralität und Nachhaltigkeit seien «politisch beschlossene Ziele», sie seien «normativ begründet und politisch legitimiert».
Die Klimafrage ist aus Sicht der ZHAW geklärt – Fall abgeschlossen. Jetzt geht es nur noch um die Umsetzung.
Die These, dass zum Klimathema alles gesagt ist, ist mit Blick auf die Abstimmungsresultate der letzten Jahre aber gewagt. Das Schweizer Stimmvolk hat zwar das übergeordnete Netto-Null-Ziel angenommen – das CO2-Gesetz aber ebenso abgelehnt wie jüngst einen milliardenschweren staatlichen Klimafonds.
Klimaschutz findet im Prinzip Anklang – die konkrete Umsetzung ist politisch hingegen hoch umstritten. Dennoch behandeln die ZHAW-Forscher das Gebot der Klimaneutralität als unantastbare Wahrheit.
Auch über die Aussage, dass Werbung klimaschädlich sei, braucht man aus ihrer Sicht nicht mehr zu diskutieren. Urs Müller verweist auf Anfrage auf eine Studie von 2023, wonach bis zu 7 Prozent der gesamten Schweizer Treibhausgasemissionen auf «werbebedingten Mehrkonsum» zurückzuführen sind. Was er nicht sagt, ist, dass der Auftraggeber dieser Studie die Umweltorganisation Greenpeace war.
Zwar ist der Zusammenhang zwischen ausgegebenen Werbefranken und klimaschädlichem Konsum nicht grundsätzlich abwegig. Aber er ist durch eine Einzelstudie, die mit statistischen Wahrscheinlichkeiten und historischen Marktdaten arbeitet, keinesfalls abschliessend bewiesen.
Und die Frage, ob derart starke Eingriffe in die Wirtschaft wie eine Werbeeinschränkung wirklich angezeigt sind, ist aus Sicht der Forscher offenbar keiner grösseren Erörterung wert.
Interessant ist, dass die Forschungsgruppe Nachhaltigkeitskommunikation und Umweltbildung sogar direkt an den AL-Vorstoss für ein Werbeverbot anknüpft. Der Stadtrat hat für das Werbeverbot bisher nämlich noch keinen Umsetzungsvorschlag vorgelegt. «Hier kommt das Binz-Quartier ins Spiel», schreibt die Gruppe – «als Ort, an dem wir gemeinsam testen, wie sich alternative Bespielungen der Werbeflächen auf das Klima, den Alltag und die Lebensqualität auswirken.»
Das Klimaquartier soll also zum Testlabor für die Umsetzung des AL-Vorstosses werden.
Müller sagt auf Anfrage, die Wissenschafter hätten mit der AL keinen Kontakt gehabt. Aber mit anderen Städten in Europa wie Grenoble, Haarlem oder Den Haag gebe es diese Kontakte durchaus. Dort seien die Werberegulierungen bereits umgesetzt.