Fluchtwagenfahrerin Erika Sch. (65) ist die Schwiegermutter von Landespolitiker Deniz Kurku. Fatih Khan G. (45) soll sie mit der Waffe bedroht und dazu gezwungen haben, loszufahren.
Stade
Der SPD-Politiker Deniz Kurku ist Schwiegersohn der 65-Jährigen, die das Fluchtfahrzeug des mutmaßlichen Täters von Stade fuhr. picture alliance / dts-Agentur
Fluchtwagenfahrerin Erika Sch. (65) ist die Schwiegermutter von Landespolitiker Deniz Kurku. Fatih Khan G. (45) soll sie mit der Waffe bedroht und dazu gezwungen haben, loszufahren.
Die Geschichte wird immer bizarrer, immer rätselhafter: Drei Tage vor dem Blutbad von Stade verschickt die 65-jährige Erika Sch. (Name geändert) aus Bremen ein 20-seitiges Schreiben an etliche Medien. Darin beteuert sie, dass Fatih Khan G. gar nicht so aggressiv und unberechenbar sei, wie behauptet werde – wohlgemerkt: Es geht um den Mann, der später sechs Menschen erschossen haben soll. Am Tattag selbst sitzt die Frau am Steuer des Fluchtwagens. Und jetzt kommt heraus: Sie ist die Schwiegermutter eines bekannten niedersächsischen SPD-Politikers – Deniz Kurku, Landtagsabgeordneter und Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe.
Kurku machte die familiäre Verbindung zu Erika Sch. am Donnerstagabend selbst öffentlich. Über seinen Anwalt Christian Mensching ließ der SPD-Politiker erklären: „Bei der in der Berichterstattung erwähnten ‚Patentante‘ des betroffenen Kindes handelt es sich um meine Schwiegermutter.“
In dem Statement spricht der 43-jährige Politiker, der aus Delmenhorst stammt, zunächst den Opfern und Angehörigen seine Anteilnahme aus: „Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen, den ihnen nahestehenden Personen und all jenen, die diese schreckliche Tat miterleben mussten. Ihnen allen gilt meine tief empfundene Anteilnahme.“
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Kurku erklärt weiter, er habe unmittelbar, nachdem er aufgrund von Medienberichten von der Betroffenheit seiner Schwiegermutter Kenntnis erhalten habe, die Ermittlungsbehörden und weitere Stellen in seinem beruflichen Umfeld informiert. Zugleich bittet er darum, die Privatsphäre seiner Familie zu respektieren.
Kurku selbst ist nicht Beschuldigter. Hinweise darauf, dass er von der Tat wusste oder in sie involviert war, gibt es bislang nicht.
Beretta Modell 70 - mit einer Waffe dieses Modells wurden in Stade sechs Menschen erschossen. Der Tatverdächtige hat die Waffe eine Woche vor der Tat am Ku'damm in Berlin für 4000 Euro erworben. Wikipedia/hfr
Kurku hat auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) über die familiäre Verbindung informiert. Lies stellte sich hinter seinen Genossen: Kurku habe richtig gehandelt, indem er offengelegt habe, dass seine Schwiegermutter in das Geschehen verwickelt sei. Kurku selbst treffe keine Schuld. Die SPD-Landtagsfraktion erklärte, sie stehe „klar und uneingeschränkt“ an der Seite ihres Abgeordneten. Spekulationen und pauschale Schuldzuweisungen gegenüber unbeteiligten Angehörigen seien unangemessen.
Auch darüber, was am Montag in Stade geschah, gibt es neue Informationen. Nach bisherigen Erkenntnissen fuhr Erika Sch. den 45-jährigen Fatih Khan G. zu einem Hilfeplangespräch in einer Mutter-Kind-Einrichtung. Es ging um das Sorgerecht für seine drei Monate alte Tochter. Im Besprechungsraum saßen Vertreter des Jugendamtes und Mitarbeitende der Einrichtung. Auch die Mutter des Kindes war zunächst anwesend.
Nach Informationen des Spiegel soll G. seine Frau aus dem Raum geschickt haben. Dann soll er das Magazin seiner Waffe leer geschossen, es herausgenommen, mit neuen Patronen bestückt und weitergeschossen haben. Sechs Menschen starben.
Erika Sch. soll während der Tat im Auto gewartet haben. Nach der Tat soll G. die 65-Jährige mit vorgehaltener Pistole gezwungen haben, loszufahren. Ob Erika Sch. wusste, dass die Pistole zu diesem Zeitpunkt nicht geladen war, ist nicht bekannt. Die Polizei stoppte den Wagen später durch Schüsse auf die Reifen und nahm die Insassen fest.
G. soll später gegenüber der Polizei angegeben haben, er habe sich nach der Tat mit seiner Schusswaffe das Leben nehmen wollen. Dafür habe er aber keine Munition mehr gehabt.
Welche Rolle Erika Sch. in diesem Fall spielte, ist weiterhin unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die 65-Jährige, einen Haftbefehl beantragte sie zunächst nicht. Ob und welcher Tatvorwurf gegen sie erhoben wird, soll erst nach Abschluss der Ermittlungen entschieden werden.
Am Dienstagvormittag vor dem Tatort in Stade: Zwei Polizeibeamte stellen Beweismittel sicher. Olaf Wunder
Fest steht: Erika Sch. kannte die Familie des mutmaßlichen Todesschützen seit längerer Zeit, half ihr und betreute sie und bezeichnete sich selbst als „Patentante“ des Kindes.
Nach ihrer eigenen Darstellung bekam Erika Sch. den Konflikt um das Sorgerecht des Kindes aus nächster Nähe mit. Ausgangspunkt war der Klinikaufenthalt des damals fünf Wochen alten Babys. Das Kind war seit Mitte April mit Hirnverletzungen in die Medizinische Hochschule Hannover gekommen. Ärzte äußerten den Verdacht auf Kindesmisshandlung, auf ein sogenanntes Schütteltrauma.
Die Eltern bestritten das entschieden. Sie schilderten stattdessen einen Unfall im Elternbett: Der Vater habe im Halbschlaf an einem Kissen gezogen, auf dem das Baby lag; dabei sei es zu einem Zusammenstoß zwischen seiner Stirn und dem Kopf des Kindes gekommen.
Drei Tage vor dem Blutbad verschickte Erika Sch. ein 20-seitiges Schreiben an Medien, Titel: „Chronologie eines Albtraums“. Der Text liegt der MOPO vor. Es ist kein nüchterner Bericht, sondern eine Anklage: gegen Ärzte, Jugendamt, Familiengericht – gegen eine Behördenkette, die aus Sicht der Familie aus einem medizinischen Notfall einen Misshandlungsfall gemacht habe.
Auffällig ist: Erika Sch. beschreibt sich in der Chronologie nicht nur als Beobachterin. Nach ihrer eigenen Darstellung war sie bei Gesprächen dabei, fuhr mit dem Vater zu Terminen, begleitete die Eltern ins Krankenhaus, zum Jugendamt, zur AOK, zur Universitätsmedizin Göttingen und später nach Stade. Sie war über Wochen Teil des privaten Unterstützerkreises der Familie und übernimmt in ihrem Bericht weitgehend die Sicht der Familie. Fatih Khan G. erscheint darin nicht als Gefahr, sondern als Vater, der von Behörden zu Unrecht in die Ecke gedrängt worden sei.
In diesem Haus arbeitet Erika Sch. (64) als Beraterin: Bremer Geschäftsstelle des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften. Olaf Wunder
Beruflich arbeitete Erika Sch. beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften, einer Organisation, die binationale, migrantische und transnationale Familien und Paare berät. Gegenüber der MOPO betont der Verband, Erika Sch. sei am Tag des Blutbades von Stade „ausschließlich in privater Eigenschaft unterwegs“ gewesen, „nicht in ihrer beruflichen Funktion und nicht im Auftrag der Geschäftsstelle Bremen“.
Sprecherin Dr. Carmen Colinas erklärt zudem: „Der mutmaßliche Täter und seine Familie waren nach unserem bisherigen Kenntnisstand zu keinem Zeitpunkt Ratsuchende der Geschäftsstelle Bremen.“
Viele Fragen bleiben offen – die MOPO hätte sie Erika Sch. gerne gestellt. Bisher war sie allerdings für eine Stellungnahme nicht erreichbar. In ihrer Wohnung im Bremer Stadtteil Woltmershausen trafen unsere Reporter sie nicht an.
Die Geschichte wird immer bizarrer, immer rätselhafter: Drei Tage vor dem Blutbad von Stade verschickt die 65-jährige Erika Sch. (Name geändert) aus Bremen ein 20-seitiges Schreiben an etliche Medien. Darin beteuert sie, dass Fatih Khan G. gar nicht so aggressiv und unberechenbar sei, wie behauptet werde – wohlgemerkt: Es geht um den Mann, der später sechs Menschen erschossen haben soll. Am Tattag selbst sitzt die Frau am Steuer des Fluchtwagens. Und jetzt kommt heraus: Sie ist die Schwiegermutter eines bekannten niedersächsischen SPD-Politikers – Deniz Kurku, Landtagsabgeordneter und Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe.
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
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