Easy Jet hat für die Schweizer Luftfahrt eine enorme Bedeutung. Nun will ein neuer Bieter die Billig-Airline übernehmen und in ihrer heutigen Form bewahren. Die Schweiz kann aber noch nicht aufatmen.
Easy Jet hat für die Schweizer Luftfahrt eine enorme Bedeutung. Nun will ein neuer Bieter die Billig-Airline übernehmen und in ihrer heutigen Form bewahren. Die Schweiz kann aber noch nicht aufatmen.

Illustration Simon Tanner / NZZ
Der Übernahme-Krimi um die britische Billig-Airline Easy Jet nahm am Freitagmorgen eine spektakuläre Wendung. Die amerikanische Private-Equity-Firma Apollo hat sich mit der Fluggesellschaft auf einen Deal geeinigt. Dies, nachdem Easy Jet erst am Sonntag ein Angebot von Castlelake, einer anderen amerikanischen Finanzgesellschaft, akzeptiert hatte.
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Castlelake hatte wochenlang öffentlich um Easy Jet gebuhlt und bot zuletzt eine Summe von 5,5 Milliarden Pfund (rund 5,95 Milliarden Franken). Apollo ist nun aber bereit, 5,7 Milliarden Pfund (6,16 Milliarden Franken) auf den Tisch zu legen, und sticht damit Castlelake aus.
Dass Easy Jet dem Angebot von Apollo den Vorzug gibt, dürfte aber nicht allein dem Preis geschuldet sein. Sondern auch den Absichten der Investoren. Laut einer Mitteilung von Easy Jet am Freitagmorgen hat Apollo das Unternehmen jahrelang verfolgt. «Apollo betrachtet Easy Jet als eines der attraktivsten Modelle im weltweiten Aviatik-Sektor mit langfristigen Wachstumsmöglichkeiten.»
Zentral ist vor allem folgendes Bekenntnis: «Apollo glaubt an die existierende Strategie von Easy Jet.» Offenbar hat Apollo auch der derzeitigen Führungscrew rund um den CEO Kenton Jarvis den Rücken gestärkt. «Apollo legt viel Wert auf Menschen und erachtet es als sehr wichtig, die Schlüsselpersonen bei Easy Jet zu behalten», heisst es im Communiqué.
Bei Castlelake, dem anderen Bieter, waren die Absichten weniger klar. Brancheninsider glauben, dass dieser Easy Jet am liebsten filetiert und die einzelnen Vermögenswerte weiterverkauft hätte. Die Airline wäre möglicherweise aufgelöst worden.
Vor allem die geschätzt 200 bis 300 neuen Flugzeuge, die Easy Jet in den nächsten Jahren erhält, sind Milliarden wert. Die Airline ist daran, ihre A320-Flotte durch die neuere Version A320 neo zu ersetzen, welche deutlich weniger Sprit verbraucht. Diese Maschinen sind in der Industrie heiss begehrt. Denn die Flugzeugbauer Airbus und Boeing sind heillos überlastet. Wer heute einen A320 neo bestellt, bekommt ihn frühestens 2033.
Für die Schweiz ist die jüngste Entwicklung eine beruhigende Nachricht. Mit Apollo bleibt ihr ein grösserer Umbruch wohl erspart. Easy Jet hat hier eine lange Geschichte und hat die hiesigen Reisegewohnheiten stark geprägt. In Genf und Basel ist die Airline mit der leuchtend orangen Schrift jeweils Marktführerin. Easy Jet Switzerland, eine Tochter der britischen Easy Jet, hat eine Schweizer Flugzulassung.
Easy Jet passe zur Schweiz, wo man Qualität schätze, sagt Michel Guillaume, Leiter des Zentrums Aviatik an der Zürcher Fachhochschule ZHAW. «Für eine Low-Cost-Airline hat sie einen guten Ruf. Sie ist sehr innovativ und hat beispielsweise ein besseres Sicherheitsranking als die Lufthansa-Gruppe.»
Zudem steuere sie keine Pseudodestinationen an, sondern die Hauptflughäfen. Sprich: Anders als die Konkurrentin Ryanair fliegt Easy Jet nicht Regional-Airports wie Frankfurt-Hahn an, die weit entfernt von der Stadt Frankfurt liegen. «Deshalb sind die Tarife auch etwas teurer als bei Konkurrenten wie Ryanair oder Wizz Air», sagt Guillaume.
Dabei war es Easy Jet, welche Ende der neunziger Jahre das Low-Cost-Modell in der Schweiz eingeführt hat. 1998 stieg der Gründer Stelios Ioannou bei TEA Switzerland ein, einer Charter-Fluggesellschaft mit Sitz in Basel. Die Firma benannte sich ein Jahr später in Easy Jet Switzerland um und zügelte ihren Hauptsitz nach Meyrin im Kanton Genf.
Damit ist Easy Jet Switzerland älter als die Swiss, ihre grosse Widersacherin. Diese wurde 2002 gegründet. Heute beherrscht die Swiss als Marktführerin rund 34 Prozent des Schweizer Flugmarkts, Easy Jet kommt als Nummer zwei auf rund einen Viertel.
Die beiden Airlines liefern sich ein Fernduell. Die Swiss dominiert den Flughafen Zürich mit ihrem interkontinentalen Hub-System. Easy Jet hat dort nur sieben Verbindungen im Angebot. Dafür ist die Billig-Airline am Flughafen Genf, wo die Swiss rote Zahlen schreibt, die unangefochtene Nummer eins. Ebenso am Euro-Airport in Basel, den die Swiss 2015 aufgegeben hat.
Obwohl die beiden Airlines sich nur auf wenigen Strecken direkt konkurrenzieren – etwa Zürich–Berlin oder Genf–Lissabon –, hat die Präsenz der Billig-Airline disziplinierende Wirkung auf die Preissetzung der Swiss. Wenn sie ab Zürich zu hohe Preise für Europa-Flüge verlangt, weicht die Kundschaft eben nach Basel aus. Für viele Menschen im Schweizer Mittelland ist dieser Flughafen ohnehin näher gelegen als jener in Kloten.
«Genf und Basel sind für Easy Jet sehr interessante Standorte. Einerseits wegen der Nähe zur Wirtschaft. Anderseits aber auch, weil sie eine Vielzahl von Feriendestinationen anbietet. Easy Jet Switzerland ist sehr profitabel und liefert gutes Geld an die Holding in England ab», sagt der Aviatik-Professor Guillaume.
Am Beispiel von Basel zeigt sich, wie wichtig Easy Jet für eine Region sein kann. 2004 liess sich die Airline am Euro-Airport in Basel-Mülhausen nieder – und füllte die Lücke, die die damalige Crossair hinterlassen hatte. Die Schweizer Regional-Airline hatte in Basel eine Art Europa-Drehkreuz namens Eurocross betrieben. Dieses war aufwendig und wegen der kleinen Jets teuer für die Passagiere. Ende März 2004 hob in Basel dafür die erste Easy-Jet-Maschine Richtung Liverpool ab.
Zwar steht der Euro-Airport in Frankreich und zahlt Easy Jet die meisten Steuern am Hauptsitz in Genf (nur die Kapitalsteuer geht an den Kanton Basel-Stadt). Doch Easy Jet ist der wichtigste Player des Flughafens. 55 Prozent der Flüge werden von den Briten durchgeführt, 500 Mitarbeiter arbeiten allein für die Schweizer Tochter am Euro-Airport. Tausende weitere Stellen am Flughafen hängen direkt am Teilmonopolisten.
Für den Basler Wirtschaftsdirektor Kaspar Sutter (SP) zählt der Euro-Airport zu den «bedeutendsten Arbeitgebern» der Region. Auf mehr als eine Milliarde Franken beziffert Sutter die Wertschöpfung des Flughafens. Das liegt massgeblich an der starken Präsenz von Easy Jet.
Im vergangenen Jahr verzeichnete der Flughafen wieder einmal einen Rekord: 9,6 Millionen Passagiere wurden gezählt. Wenn etwas mehr als die Hälfte mit Easy Jet flog, wären das immer noch deutlich mehr, als im Jahr 2010 insgesamt via den Euro-Airport reisten.
Schon vor der Corona-Pandemie teilte Basel Tourismus mit, dass sich die Logiernächte innerhalb von fünfzehn Jahren aufgrund des «dichten Flugnetzes» mehr als verdoppelt hätten. Dieses dichte Netz ist Easy Jet zu verdanken, die in Basel doch mehr als irgendeine Airline ist. Sie sichert dem Standort die «Erreichbarkeit» und die «Voraussetzung für die internationale Einbindung», wie Sutter es formuliert.
Für einen Kanton, der zwar sehr reich ist, aber trotzdem an einem Minderwertigkeitskomplex leidet, ist das vielleicht noch wichtiger als finanzielle Vorteile. Die vielen Touristen und Geschäftsleute, die so nach Basel kommen, verleihen der Region zumindest einen Hauch von Kosmopolitismus.
Doch trotz der Wendung am Freitagmorgen: Zum Aufatmen ist es noch zu früh. Laut dem britischen Übernahmerecht hat Apollo bis am 7. August Zeit, ein verbindliches Angebot zu hinterlegen. Das gibt der Konkurrenz die Möglichkeit, ihrerseits bessere Angebote einzureichen. Sei das nun Castlelake oder ein anderer, überraschender Investor. Kürzlich war auch der Genfer Reederei MSC Interesse an Easy Jet nachgesagt worden.
Nicht nur Finanzinvestoren werden das Bieterrennen eng verfolgen, sondern auch Airlines. Easy Jet hat in Genf und Basel wertvolle Slots – sprich: Zeitfenster zu Start und Landung –, auf welche auch die Konkurrenz schielt. Ob nun Apollo, Castlelake oder sonst ein Investor: Sollte die Dominanz von Easy Jet Switzerland wackeln, wird es im hart umkämpften Aviatik-Markt kaum lange dauern, bis ein Rivale zur Stelle ist.
In Genf könnte das die Swiss sein, in Basel eher eine Billig-Airline. «Der Schweizer Markt ist für Airlines sehr attraktiv. Die Zahlungsbereitschaft ist hoch und die Nachfrage zweifellos da. Zudem gibt es in Europa genug Airlines, welche einspringen könnten. Zum Beispiel Ryanair oder Wizz Air», sagt Christian Laesser, Professor für Tourismus und Transport an der Uni St. Gallen (HSG).
Ob diese aber auch so gut zur Schweiz passen, sei dahingestellt.