Mit Werken wie «Déjeuner en fourrure» wird Meret Oppenheim eine der bekanntesten Surrealistinnen. Ihr Lieblingsort lag in einem Dorf im Tessin – wo sie sich manchmal wie der letzte zivilisierte Mensch fühlt und wo auch ein liebestoller Hermann Hesse verkehrt.
Mit Werken wie «Déjeuner en fourrure» wird Meret Oppenheim eine der bekanntesten Surrealistinnen. Ihr Lieblingsort lag in einem Dorf im Tessin – wo sie sich manchmal wie der letzte zivilisierte Mensch fühlt und wo auch ein liebestoller Hermann Hesse verkehrt.

Illustration Anja Lemcke / NZZ
Schon im Eisenbahnwagen trinken sich die beiden jungen Frauen Mut an. Als sie, beschwingt vom Pernod, in Paris ankommen, machen sie sich sogleich auf zum «Café du Dôme», einem internationalen Künstlertreff. «Ohne die Hände zu waschen», wie Meret Oppenheim später sagen wird.
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Die Luft in Paris, so schreibt sie ihren Eltern im Frühling 1932, sei stinkig, die Leute «meistens schlimm», auch wenn sie noch nirgends so viele schöne Menschen gesehen habe. Im «Café du Dôme» gebe es nur zwei bis drei Menschen, mit denen man reden könne. Sonst seien die Maler hier eine «grosse Saubande», die Visagen im Café liessen einen denken, es gebe hier nichts anderes als «Verbrecher und Huren».
Meret Oppenheim ist damals 18, zusammen mit ihrer Basler Freundin Irène Zurkinden besucht sie zum ersten Mal im Leben Paris. Kurz nach ihrer Ankunft verliert sie ihren Pass und muss die Eltern um Geld bitten. Aber im «Café du Dôme» findet sie bald Anschluss an die Pariser Kunst- und Surrealistenszene. Sie besucht die Académie de la Grande Chaumière, feiert Partys in heruntergekommenen Häusern, wohnt in wanzenverseuchten Hotelzimmern, arbeitet im Atelier und hat ihre Bekanntschaften und Affären mit den «hommes».
Unter ihnen Marcel Duchamp und Max Ernst, der ihr 1934 aus Paris schreibt: «Nur dich liebe und begehre ich. Sollte es Krieg geben, so komm schleunigst vorher nach hier, damit wir in dasselbe Konzentrationslager kommen (nicht nur zum Schachspielen).»
Paris wird immer Meret Oppenheims Sehnsuchtsort bleiben. Hier, in dieser unruhigen und dreckigen Millionenstadt, lebt sie ihren Freiheitsdrang aus, probiert neue Beziehungsformen aus und schafft 1936 als 22-Jährige einen Klassiker der surrealistischen Kunst. Nach einer Kaffeehausplauderei mit Pablo Picasso kauft sie eine billige Tasse, eine Untertasse und einen Esslöffel – und überzieht alles mit dem Pelz einer chinesischen Gazelle. «Déjeuner en fourrure» nennt es der Ober-Surrealist André Breton, Frühstück im Pelz.
Der zweite Ort, der Meret Oppenheims Leben prägt, ist in ziemlich allen Belangen das Gegenteil von Paris: Carona, ein verwinkeltes Tessiner Dorf oberhalb von Lugano, mit Aussicht auf den Lago di Lugano und den Damm von Melide, auf dem erst 1966 eine Autobahn gebaut wird. Ihren festen Wohnsitz hat die Künstlerin in Carona zwar nie, aber hierher zieht sie sich zurück, wenn sie Inspiration sucht, Geborgenheit bei Freunden und Familie braucht oder Trost bei Liebeskummer und schlechten Kritiken.

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«Carona war für Meret der ideale Ort», sagt ihre Nichte Lisa Wenger, die 1949 geboren wurde. «Freunde und Familie waren ihr das Wichtigste. Sie ist stets hierher zurückgekommen, als Kind, als Jugendliche und später als Erwachsene. Dass das Haus lange keine Heizung hatte, war ihr egal.» Wenger hat 2013 einen Teil von Meret Oppenheims Briefen veröffentlicht, darunter viele, die sie in ihrer Dachkammer in der Casa Costanza geschrieben hat, an Freunde und Bekannte in aller Welt.
Das Haus, das Meret Oppenheim so sehr liebte, ist bis heute im Privatbesitz, ein herrschaftlicher Bau aus dem 17. und 18. Jahrhundert, in dem einst der Bischof von Mailand residierte. Den Giebel ziert ein Papagei, das Innere hat Oppenheim 1967 mit dem Architekten Aurelio Galfetti nach eigenen Vorstellungen umgebaut.
In einer Ecke rattert eine Maschine von Jean Tinguely, einem Freund des Hauses, die Wände sind voller Kunstwerke, Kuriositäten und Trouvaillen. Da ist etwa ein Glaskasten mit einer präparierten Ratte vor einem Spiegel. Oder eine Nachbildung von Alberto Giacomettis Ohr in Bronze, das Meret Oppenheim 1959 aufgrund einer Zeichnung aus ihrer Pariser Zeit gestaltete.
Daneben fallen zahlreiche Zettel mit handschriftlichen Anweisungen auf. «Flaschen und Gläser bitte nur auf den Holzrand stellen», steht da, oder: «Bibliothek-Zimmer für Kinder nicht betretbar.» Alle zerbrechlichen Gegenstände müssten im Kasten eingeschlossen werden, wenn kleine Kinder im Haus seien.
«Sie konnte sehr pingelig sein», sagt Lisa Wenger, «für Kinder hat sie sich nicht so interessiert. Erst als wir ins Teenageralter kamen, war sie sehr präsent, hat uns unterstützt und viel mit uns gemacht. Mit meinem Bruder ging sie in Paris in die Disco oder nach Montreux ans Jazzfestival, mit uns hat sie auch einmal Hasch geraucht.»
Meret Oppenheims Grosseltern mütterlicherseits kaufen die Casa Costanza 1917. Ihr Grossvater Theo Wenger versucht sich erst als Pfarrer, dann mit viel mehr Erfolg als Unternehmer, indem er eine Messerfabrik in Delsberg übernimmt, die lange seinen Namen trug und bis heute für ihre Sackmesser bekannt ist. Die Grossmutter Lisa Wenger ist Malerin und veröffentlicht 1908 eines der erfolgreichsten Kinderbücher jener Zeit: «Joggeli söll ga Birli schüttle!»
Merets Eltern Eva und Erich lernen sich bei einer Kur in Arosa kennen. Der Vater ist Arzt und stammt aus einer Familie von zum Protestantismus konvertierten deutschen Juden, weniger kunstaffin als die Wengers, aber liberal, was die Launen seiner ältesten Tochter angeht. Dies spätestens nachdem ihm sein Bekannter Carl Gustav Jung aufgrund einer Begutachtung mitgeteilt hat, es sei «nicht allzu schlimm» mit ihr, trotz «Unkonventionalität des Standpunktes».
Geboren wird Meret Oppenheim 1913 in Berlin-Charlottenburg. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zieht die junge Familie nach Steinen im Schwarzwald, um den Schweizer Grosseltern näher zu sein.
In diesem Umfeld wird Meret Oppenheims Talent früh erkannt und gefördert. Sie verbringt viel Zeit mit den Grosseltern, gemeinsam wird gemalt und gesungen, in den Sommerferien spielt sie mit der Grossmutter in Carona Mah-Jongg oder schaut ihr beim Kartenlegen zu. Schon als Kind hat Meret einen Hang zum schwarzen Humor, manchmal verarbeitet sie ihr psychisches Unwohlsein. Sie zeichnet einen kinderfressenden Teufel, der ihren Unwillen ausdrückt, Kinder zu bekommen. Oder sie entwirft als Jugendliche Sujets wie das «Selbstmörder-Institut», in dem vier sabbernde Gehängte zu sehen sind, die umgestossenen Schemel vor den Füssen.
Aber sie mag auch liebliche Sujets. Mit elf malt sie eine hügelige Landschaft mit einem See, der nicht zufällig an den Lago di Lugano erinnert. «Hier», so schreibt sie 1958, «sieht man den Einfluss der Aquarelle von Hermann Hesse, die in unserem Hause hingen.»
Hesse gehört wie die Wengers zu jenen vorwiegend deutschsprachigen Aussteigern, Künstlern, Naturliebhabern und politischen Querdenkern, die das Tessin nach dem Ersten Weltkrieg entdecken. Auf einer Wanderung verschlägt es ihn eines Tages nach Carona, wo er Meret Oppenheims Tante Ruth – die Tochter der «Joggeli»-Autorin Lisa Wenger – auf dem Balkon der Casa Costanza erblickt. Und sich Hals über Kopf in sie verliebt.
Ruth taucht 1919 in Hesses autobiografisch gefärbter Kurzgeschichte «Klingsors letzter Sommer» auf, als «Königin der Gebirge» und «Flamme der Jugend». Schliesslich ist sie 20 Jahre jünger als er. Carona kommt in der Geschichte ebenfalls vor, unter dem Namen Kareno. Hesses Beschreibungen lassen erahnen, wie rustikal das Leben im von Armut und Auswanderung geprägten Tessin damals noch gewesen sein muss.
So begegnet Klingsor alias Hesse auf dem Weg nach Kareno einem Mädchen mit «schwarzen Tieraugen» und braunen Beinen, seine Mutter tritt in schmutzigen Kleidern «aus einem finsteren Steinraum wie aus Höhlen der Urzeit». Kareno ist «uralt, eng, finster, sarazenisch, düstere Steinhöhlen unter verblichen braunem Ziegelstein, Gassen bedrückend traumschmal und voll Finsternis».
Als Hesse nach Carona kommt, fährt noch eine Postkutsche ins Dorf, die meisten Bewohner tragen ihre Sachen auf kleinen Pfaden den Berg hinauf. Meret Oppenheims Grosseltern gehören zu den Ersten, die mit dem Auto anreisen. Über die Liaison ihrer Tochter mit Hermann Hesse sind sie mässig begeistert. Und tatsächlich hält die Ehe nur drei Jahre.

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Hesse bleibt jedoch mit der Familie in Kontakt, auch mit Meret Oppenheim, die ihn noch kurz vor seinem Tod an ihre Ausstellungen einlädt. Mit ihm kommen in den 1920er Jahren weitere Künstler in die Casa Costanza, etwa Emmy Hennings und Hugo Ball, der 1921 in einem Brief von einem weinseligen Abend mit «Frl. Wenger» und der «Märchendichterin» Lisa Wenger berichtet. Weil Hesse sich gar nicht habe trennen können, sei man spätabends den Salvatore «hinuntergeholpert».
Die freigeistige Atmosphäre in Carona dürfte dazu beigetragen haben, dass Meret Oppenheim beschliesst, ihr eigenes Leben zu führen – und Künstlerin zu werden. 1930, mit 16 Jahren, notiert sie im Internat von Königsfeld eine komplizierte algebraische x-Gleichung in ihr Schulheft. Als Lösung für x zeichnet sie ein rotes Kaninchen mit Kulleraugen und Hängeohr. Die Botschaft ist klar: Ich pfeife auf eure Mathematik.
Der Hase ist, wie sie es später ausdrückt, ihr erstes surrealistisches Werk. Diese selbstbewusste Haltung prägt auch ihren Umgang mit Männern und ihre Abneigung gegen patriarchale Weiblichkeitsbilder. So wehrt sie sich in der machoiden Künstlerszene erfolgreich dagegen, ihr Dasein als «Muse der Surrealisten» zu fristen, nachdem sie von Man Ray nackt vor einer Druckerpresse fotografiert worden ist.
Ihrem Geliebten Max Ernst teilt sie eines Abends abrupt mit, dass die Beziehung beendet sei. Zu André Breton, der den Klub der Surrealisten um Man Ray, Paul Éluard, Salvador Dalí, Alberto Giacometti und andere zunehmend doktrinär und autoritär zu führen versucht, pflegt sie eine lange Freundschaft, unterwirft sich aber nie.
Denn der «Cher Breton», wie sie ihn in Briefen nennt, betrachtet Frauen vor allem als Mittel zur Steigerung der männlichen Kreativität. Seine Einstellung, so schreibt Oppenheim 1958 in einem Brief, sei altmodisch, zudem gehe ihr seine antimilitaristische Einstellung auf die Nerven. Als ob es keine Brände mehr geben würde, wenn man die Feuerwehr abschaffe. Da sei sie wohl zu «gesund schweizerisch».
Als junge Künstlerin hat Meret Oppenheim noch keinen Schweizer Pass. Sie spricht jedoch Baseldeutsch, nennt ihre Eltern zärtlich Mipsli und Pipsli und scheint sich aus familiären Gründen schon früh mehr schweizerisch als deutsch gefühlt zu haben. Auch wenn sie oft mit dem, wie sie findet, mangelnden Kunstverständnis der Schweizer hadert und einmal an ihre Freundin Leonor Fini schreibt, ein Bekannter in Luzern sei «die einzige Person in der Schweiz, die mich nicht langweilt».
Die Bindung der Familie an die Schweiz und an den Tessiner Feriensitz wird mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten noch enger. Merets Mutter Eva Oppenheim wird 1935 in einer Apotheke in Steinen denunziert, nachdem sie auf ein Hitler-Porträt gespuckt hat. Erich Oppenheim darf aufgrund der deutschen Rassengesetze nicht mehr als Arzt arbeiten, muss 1936 seine Praxis aufgeben und nach Basel ziehen. Wo er jedoch auch nicht arbeiten kann, weil die Schweizer Behörden sein Diplom nicht akzeptieren. So verlegen die Eltern ihren Wohnsitz 1938 nach Carona.
Die Arbeitslosigkeit des Vaters zwingt Meret Oppenheim zu «äussersten Einschränkungen». Nach eigenen Angaben muss sie Ende der 1930er Jahre mit hundert Franken pro Monat leben. Bei Aufenthalten in Paris versucht sie, mit der Kreation von Schmuck und Parfumflacons ein wenig Geld zu verdienen.

Imago / © Pro Litteris, Zurich
Die Kunst bringt ihr kaum Einnahmen. Ihr bekanntestes Werk, «Déjeuner en fourrure», wird zwar 1936 vom Museum of Modern Art in New York für 50 Dollar gekauft, sonst aber bleibt der grosse Erfolg aus. Eine erste Einzelausstellung in Basel endet 1936 im Debakel. Die Basler Presse ist voller Häme für die Künstlerin, die sie manchmal bloss «Meret» nennt. «Möglich, dass wir in hundert Jahren davor niederknien», schreiben die «Basler Nachrichten» zum Ausstellungsstück «Ma gouvernante», «das weiss kein Mensch.»
Geldmangel und der drohende Krieg zwingen Meret Oppenheim 1939 endgültig zur Rückkehr in die Schweiz. Paris sieht sie für fast zehn Jahre nicht mehr. «Am 14. Juli reiste ich ab», schreibt sie in ihr Album, «man war schon auf das Schlimmste gefasst.» Die Surrealisten zerstreuen sich in alle Himmelsrichtungen, Max Ernst wird als Ausländer für kurze Zeit interniert. Oppenheim mietet ein Atelier in einer alten Basler Mühle, die später abbrennt («Leider», so schreibt sie rückblickend, «ist der Müller und seine Familie, die mich bei der Fremdenpolizei verleumdeten, nicht mitverbrannt»).
Ab 1937 beginnt für die Künstlerin eine jahrelange Krise. Das Gefühl, im langweiligen Basel am falschen Ort zu sein, treibt sie oft nach Carona. Ohne ihre Freunde fühlt sie sich aber auch dort fehl am Platz.
«Hier ist es wie in der Wüste», schreibt sie im September 1939 an ihre Freundin Leonor Fini. Die Leute gingen ihr auf den Geist, sie würden sich über ihre blauen Strümpfe mokieren, aber nicht offen sagen, sie fänden sie hässlich. Bloss: «Das ist interessant.» Zu jener Zeit ist Carona bereits als «Dorf der Künstler» bekannt, weil auch Nazigegner wie Bertolt Brecht, Lisa Tetzner und ihr Mann Kurt Kläber hier zeitweise oder dauerhaft Zuflucht suchen.
Brecht zieht bald wieder weg, weil ihm die Schweiz zu teuer ist, es hier keine Städte hat und sie ihm wie eine «Theaterdekoration ohne Bühnenarbeiter» vorkommt. Tetzner und der Ex-Kommunist Kläber bleiben. Sie arbeiten, er unter dem Pseudonym Kurt Held, in Carona an zwei Welterfolgen: «Die Schwarzen Brüder» und «Die rote Zora und ihre Bande». Für Meret Oppenheim sind die beiden, wie sie Leonor Fini mitteilt, die einzigen zivilisierten Leute im Dorf. Aber sie seien, wie sie bei einem Besuch festgestellt habe, Dummköpfe, und nun habe sie wieder genug von ihnen für ein Jahr lang.
Von Leonor Fini erfährt Oppenheim, dass Salvador Dalí wegen eines Schnupfens in die Apotheke gegangen sei und nach einer Gasmaske verlangt habe, worauf man ihn ausgelacht habe. Das Tratschen und Lästern hilft den beiden Künstlerinnen wohl, die Angst vor dem Krieg und um die eigene Familie auszuhalten, die in ihren Briefen immer wieder zum Ausdruck kommt.
Meret Oppenheim überwindet ihre Krise erst rund zehn Jahre nach dem Krieg. Sie ist oft von Selbstzweifeln geplagt, schaltet im Winter 1945 aber dennoch ein Inserat in der Lokalzeitung. «Welcher anständige Motorradfahrer würde junge, naturliebende Tochter für eine Sonntagstour mitnehmen. Gewissenhafte Fahrer möchten sich melden unter . . .»
Der Töfffahrer, der sich meldet, heisst Wolfgang La Roche. Er gilt als schwarzes Schaf der einflussreichen Basler Familie, arbeitet als Kaufmann, spielt Jazz und fährt eine Harley – mit 1200 Kubik, wie Meret Oppenheim stolz vermerkt. Kurz nach dem Kennenlernen fahren sie nach Carona, ein Foto zeigt die beiden in einer engen Gasse auf dem Töff, sie mit Kopftuch und Ledermantel, er mit Zigarette und natürlich ohne Helm.
Durch die Heirat mit Wolfgang La Roche wird Meret Oppenheim 1949 endlich Schweizerin. Sie schicken sich liebevolle Briefe und Zeichnungen, vor allem, wenn sie allein in Carona weilt, und führen einerseits eine traditionelle Ehe, in der die Frau den Mann fragt, welchen Staubsauger sie kaufen soll. Andererseits pflegen beide ihre Liebschaften, und immer wieder zieht es Meret Oppenheim nach Paris.
Da Wolfgang La Roche regelmässig die Stelle wechselt, muss sie oft umziehen, von Basel nach Bern, wo er Filialleiter von Möbel Gschwend wird, dann nach Oberhofen, Langenthal, Thun und wieder zurück nach Bern. Carona bleibt ihr geliebter Rückzugsort, auch als sie ab Ende der 1960er Jahre in der Schweiz und international als Künstlerin die Anerkennung erhält, auf die sie so lange warten musste.
1974 wird sie mit dem Kunstpreis der Stadt Basel ausgezeichnet, 1982 nimmt sie an der Documenta 7 teil und erhält den Grossen Kunstpreis der Stadt Berlin. Ein Jahr später wird auf dem Waisenhausplatz in Bern ihr Brunnen errichtet, der für einige Polemiken und viel Publicity sorgt. Ihr 1967 verstorbener Mann Wolfgang ist damals schon lange tot, ihre Eltern ebenfalls.
Sie hätten wohl, so schreibt Meret Oppenheim rückblickend, unter der Boshaftigkeit der Menschen hier zu leiden gehabt, die das Leben ihrer Tochter argwöhnisch betrachtet hätten. Sie bedauere es, «dass sie die Zeiten nicht mehr erlebt haben, in denen ich sichtbare Erfolge hatte».
Nur zwei Jahre nach der Einweihung ihres Berner Brunnens stirbt Meret Oppenheim in Basel. Begraben ist sie auf dem Friedhof von Carona, in einem Grab mit ihren Eltern. Den Grabstein ziert eine Schlange, die sich in den Schwanz beisst.
Ihr Lieblingsdorf sieht immer noch gleich aus wie in den 1920er Jahren. Nur tummeln sich auf dem Platz vor der Casa Costanza keine Hühner mehr, sondern Touristen in kurzen Hosen, Sandalen und weissen Socken, die in ihrem Reiseführer blättern und manchmal ein «Aha, von Meret Oppenheim» vernehmen lassen, wenn sie vor dem von ihr gestalteten Brunnen stehen.


Ullstein
rbl. · Die einen gehen an den Genfersee, andere zieht es ins Tessin oder Berner Oberland: Künstler suchen sich besondere Orte. Sei es, weil sie Anregungen erhalten durch die Landschaft oder weil sie ein Haus finden, das ihnen als Rückzugsort ungestörtes Schaffen verspricht. In einer Reihe von Artikeln stellen wir temporäre Refugien von bedeutenden Künstlern, Dichtern und Musikern in der Schweiz vor. Am 11. Oktober lesen Sie an dieser Stelle über Alfred Hitchcock, der 1923 erstmals nach St. Moritz reiste. Dem Ort blieb der Regisseur stets verbunden. Sein Hotelzimmer im «Badrutt’s Palace» öffnete ihm den Blick auf die Berge, auf den kleinen Bahnhof, bei dem er zum ersten Mal an «The Man Who Knew Too Much» dachte – und auf den See, über dem die Vögel kreisen.