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Social Media ist kein Marketingkanal – es ist die neue Volkshochschule

Дата публикации: 26-03-2026 09:01:00

TikTok, Instagram und Youtube sind die neue Volkshochschule: Menschen lernen, ordnen ein, diskutieren – und treffen so Entscheidungen.

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TikTok, Instagram und Youtube sind die neue Volkshochschule: Menschen lernen, ordnen ein, diskutieren – und treffen so Entscheidungen.

Wenn wir über Social Media sprechen, fällt in Unternehmen fast reflexartig dasselbe Vokabular: Reichweite, Funnel, Conversion, CPM, Retargeting. Alles wichtig – aber es greift zu kurz. Denn Social Media hat seinen Charakter verändert. 

Plattformen sind nicht mehr nur „Kanäle“, über die Marken Botschaften senden. Sie sind zu Orten geworden, an denen Menschen lernen, einordnen und Entscheidungen vorbereiten. Kurz: Social Media ist zunehmend die neue Volkshochschule.

Prof. Dr. Moritz E. Behm ist Experte und Keynote-Speaker für Innovations- und Transformationsmanagement sowie digitale Geschäftsmodelle. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle

Das ist kein romantischer Vergleich, sondern eine nüchterne Beobachtung. Wer heute wissen will, was ein ETF ist, warum Inflation den Alltag verteuert oder wie Zinseszins funktioniert, landet oft nicht zuerst bei der Bank, nicht bei einer Broschüre – und auch nicht bei Wikipedia. Viele landen bei TikTok, Instagram, YouTube oder in Podcasts. Dort wird erklärt, diskutiert, bewertet. Und das nicht selten so, dass es tatsächlich verständlich wird.

Warum das passiert: Komplexität trifft auf Alltag

Unsere Welt ist komplizierter geworden – nicht nur technologisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial. Energiepreise, Rentensysteme, KI im Job, Ernährungstrends, mentale Gesundheit, Cyberrisiken, private Vorsorge: Das sind Themen, die früher eher „Expertenwissen“ waren. Heute betreffen sie jeden. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft, sich durch trockene Fachtexte zu arbeiten. Die Aufmerksamkeit ist knapp – aber der Wunsch, Dinge zu verstehen, ist groß.

Genau hier gewinnen Creator an Bedeutung. Sie sind oft die Didaktiker der Gegenwart: Sie übersetzen Komplexität in einfache Modelle, Beispiele und Routinen. „Inflation ist wie ein unsichtbarer Preisanstieg, der dein Geld kleiner macht.“ „Budgeting heißt: Du gibst deinem Geld einen Job.“ Das sind keine wissenschaftlichen Definitionen, aber sie schaffen Einstiegspunkte. Und Einstiegspunkte sind der Beginn von Selbstwirksamkeit.

Financial Literacy als Lehrstück – mit Licht und Schatten

Financial Literacy ist das perfekte Beispiel. Für viele junge Menschen ist Social Media der erste Ort, an dem Begriffe wie ETF, Diversifikation, Risiko, Sparquote oder Notgroschen überhaupt verständlich werden. Man könnte sagen: Die Plattformen übernehmen Aufgaben, die Schule und klassische Bildungseinrichtungen in der Breite lange nicht ausreichend erfüllt haben. Weitere Beispiele gibt es natürlich im Bereich Ernährung, Fitness- und Performance, etc.

Aber das hat zwei Seiten. Ja, es gibt hervorragende Inhalte: sauber erklärt, transparent in Annahmen, oft mit Quellen, oft mit klarer Einordnung („Das ist ein Modell, kein Gesetz“). Und gleichzeitig gibt es gefährliche Verkürzungen: „Mach X, dann wirst du reich.“ „Diese eine Aktie ist safe.“ „Dieser Trick schlägt den Markt.“ Das Problem ist nicht, dass Social Media „falsch“ ist. Das Problem ist: Social Media belohnt Zuspitzung. Und Zuspitzung ist der natürliche Feind von Differenzierung.

Die neue Volkshochschule ist also eine Volkshochschule ohne Lehrplan, ohne Prüfordnung – und oft ohne Qualitätskontrolle. Genau deshalb ist sie so wirkmächtig. Und genau deshalb ist sie auch riskant.

Vertrauen entsteht nicht durch Kampagnen, sondern durch Kontinuität

Der entscheidende Mechanismus heißt Vertrauen. Und Vertrauen entsteht im Social Web anders als in klassischer Werbung. Es entsteht nicht primär durch hohe Budgets, sondern durch Wiederholung und Verlässlichkeit: Wer regelmäßig gute Erklärungen liefert, wird zur Referenz. Wer Fragen antizipiert, statt nur Angebote zu pushen, gewinnt Aufmerksamkeit, bevor der Bedarf akut ist.

Das ist der eigentliche Shift: Social Media ist nicht die „letzte Meile“ im Marketing – also der Ort, an dem man kurz vor dem Kauf noch schnell überzeugt. Es ist die erste Meile der Meinungsbildung. Menschen bauen dort ihren Deutungsrahmen auf: Was ist „normal“? Was ist „riskant“? Was gilt als „smart“? Welche Marken wirken kompetent, welche unsympathisch, welche vertrauenswürdig?

Wenn Unternehmen diese erste Meile ignorieren, wundern sie sich später über Preisdruck, geringe Loyalität und austauschbare Wahrnehmung. Dann wird mit Rabatten kompensiert, was eigentlich mit Orientierung hätte gewonnen werden können.

Was bedeutet das für Unternehmen konkret?

Wer Social Media als Bildungsraum versteht, kommuniziert anders. Drei Konsequenzen sind zentral:

Nicht jedes Stück Content muss ein Produkt platzieren. Manchmal ist das stärkste „Marketing“ schlicht die beste Erklärung im Markt. Wer erklärt, wie eine Technologie funktioniert, welche Risiken sie hat und für wen sie sinnvoll ist, positioniert sich als kompetente Instanz – und wird im richtigen Moment automatisch mitgedacht.

Vom Kampagnen-Denken zum Serien-Denken

Bildung entsteht durch Lernpfade, nicht durch Einzelposts. Erfolgreiche Creator arbeiten in Reihen, Formaten, wiederkehrenden Rubriken. Unternehmen sollten das adaptieren: eine „KI-Minute“, ein „Finanz-Faktencheck“, ein „Mythos der Woche“. Kontinuität schlägt den perfekten Spot.

Von Hochglanz zu Glaubwürdigkeit

Gerade in erklärenden Formaten zählt weniger die perfekte Produktion als die Verständlichkeit und Nahbarkeit. Menschen wollen sehen, dass ein Mensch denkt, abwägt, einordnet. Ein gutes Whiteboard-Video kann mehr bewirken als ein teurer Imagefilm, wenn es Orientierung liefert.

Und was heißt das gesellschaftlich?

Wenn Social Media die neue Volkshochschule ist, dann ist Medienkompetenz die neue Schlüsselkompetenz. Wir brauchen die Fähigkeit, Inhalte zu prüfen: Wer spricht? Wovon profitiert die Person? Welche Quellen werden genannt? Was wird weggelassen? Und wir brauchen mehr Formate, die bewusst differenzieren – auch wenn Differenzierung weniger Klicks bringt.

Hier liegt auch eine Chance: Institutionen, Experten, Hochschulen, öffentliche Bildungsträger können auf Plattformen wirken, ohne ihre Seriosität zu verlieren. Aber sie müssen lernen, verständlich zu sein, nicht nur korrekt. Korrektheit ohne Verständlichkeit bleibt wirkungslos. Verständlichkeit ohne Korrektheit wird gefährlich. Die Balance ist die Kunst.

Fazit: Wer den Lernort ignoriert, verliert den Markt

Social Media ist längst nicht mehr nur ein Schaufenster. Es ist ein Klassenzimmer, ein Debattenraum, ein Orientierungsnetzwerk. Dort werden Begriffe gelernt, Narrative geformt und Entscheidungen vorbereitet. Wer Social Media weiterhin nur als „Reichweite + Ads“ denkt, übersieht den Kern: Aufmerksamkeit entsteht nicht erst beim Bedarf – sie entsteht lange vorher, durch gute Einordnung.

Die entscheidende Frage für Unternehmen lautet deshalb nicht: „Wie verkaufen wir auf Social Media?“

Sondern: „Wobei helfen wir Menschen zu verstehen?“

Denn wer beim Verstehen hilft, wird beim Entscheiden automatisch relevant.

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