Deutsche Behörden nutzen Palantir-Software – trotz Verfassungsbedenken, europäischer Alternativen und unkontrollierbarer Datenabflüsse.
Deutsche Behörden nutzen Palantir-Software – trotz Verfassungsbedenken, europäischer Alternativen und unkontrollierbarer Datenabflüsse.
Deutsche Polizeibehörden nutzen Software des US-Konzerns Palantir – trotz verfassungsrechtlicher Bedenken, fehlender Sicherheitsprüfungen und der Enthüllung, dass über Palantir auch KI-Modelle wie Claude in militärischen Operationen zum Einsatz kamen. Während die Schweizer Armee Palantir ablehnte, baut Deutschland seine Abhängigkeit aus.
Wenn Sie in Deutschland jemals als Zeuge ausgesagt, einen Verkehrsunfall gemeldet oder sich mit eingeschaltetem Handy in der Nähe eines Tatorts aufgehalten haben, könnten Ihre Daten in einem System des US-Konzerns Palantir gelandet sein. Was nach Verschwörungstheorie klingt, ist in mehreren Bundesländern Realität – und laut Bundesverfassungsgericht in seiner bisherigen Form verfassungswidrig.
Hermann Sauer ist IT-Sicherheitsexperte engagiert sich seit über 20 Jahren für Datenschutz und Online-Anonymität. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Die Polizeibehörden in Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen setzen Palantir-Software ein – unter den Namen „HessenDATA“, „VeRA“ und „DAR“. Die Systeme verbinden Vorgangsverwaltung, Kfz-Register, Waffenregister, Telekommunikationsüberwachung und Einwohnermeldedaten. Baden-Württemberg hat im November 2025 den Weg für den Einsatz ab dem zweiten Quartal 2026 freigemacht. Auch der Bundesinnenminister drängt auf eine bundesweite Einführung.
Hessens Datenschutzbeauftragter Alexander Roßnagel bestätigte vor dem Bundesverfassungsgericht: Das Analyse-Werkzeug greife auf alle Daten von Funkzellenabfragen zu, durch die alle Personen erfasst werden, die sich mit einem Handy zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten räumlichen Bereich aufgehalten haben. Das Bundesverfassungsgericht selbst sprach in seinem Urteil von „strafprozessual millionenfach erhobenen Daten überwiegend unbeteiligter Personen“.
Das hessische Innenministerium bestätigte gegenüber der "Hessenschau", dass die Polizei auf Support von Palantir angewiesen ist und den Quellcode der Software nicht kennt – dieser sei „geistiges Eigentum des Herstellers“. Der IT-Unternehmer Peer Heinlein sprach gegenüber der Hessenschau vom „Prinzip Hoffnung, dass schon alles sauber ablaufen wird“.
Der Schweizer Armeestab kam in einem rund 20-seitigen Evaluationsbericht vom Dezember 2024 zu dem Ergebnis, dass sich ein Datenabfluss bei Palantir-Systemen technisch nicht ausschließen lässt. Die offenen Schnittstellen, die containerisierte Infrastruktur und die Cloud-Anbindung machten eine lückenlose Kontrolle faktisch unmöglich.
Hinzu kommt die US-Jurisdiktion: Der CLOUD Act ermächtigt US-Behörden, von US-Unternehmen auch im Ausland gespeicherte Daten zu verlangen – unabhängig von Verträgen. Die Schweizer Armee zog die Konsequenz und empfahl, auf Palantir zu verzichten.
Am 14. Februar 2026 berichtete das Wall Street Journal, dass Anthropics KI-Modell Claude über die Palantir-Plattform bei der US-Militäroperation zur Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro eingesetzt wurde. Claude wurde dabei nicht als eigenständiges Werkzeug genutzt, sondern über Palantirs bestehende Infrastruktur eingebunden. Es war das erste Mal, dass der Einsatz eines kommerziellen KI-Modells in einer klassifizierten Pentagon-Operation öffentlich bekannt wurde.
Was dabei sichtbar wurde: Palantir ist längst keine reine Datenanalyse-Plattform mehr. Die „Artificial Intelligence Platform“ (AIP) unterstützt laut Palantirs eigener Dokumentation eine breite Palette externer Sprachmodelle – darunter Modelle von OpenAI, Anthropic, Meta, Google und xAI. Die Plattform ist bewusst modell-agnostisch aufgebaut: Kunden können zwischen verschiedenen KI-Anbietern wählen oder eigene Modelle einbinden.
Im November 2024 kündigten Anthropic, Palantir und Amazon Web Services eine Partnerschaft an, um Claude-Modelle in Palantirs Umgebung auf höchster US-Sicherheitsstufe (Impact Level 6) bereitzustellen. Die entscheidende Frage für Deutschland: Nutzen die deutschen Palantir-Installationen – HessenDATA, VeRA, DAR – ebenfalls externe KI-Modelle? Wenn ja, dann könnten Daten auch an KI-Betreiber abfließen. Palantir behauptet, die deutschen Systeme liefen ohne Internetverbindung.
Bayern ist das einzige Bundesland, das vor dem Einsatz eine externe Quellcode-Prüfung durchführen ließ: Das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) in Darmstadt untersuchte 2022/2023 den Quellcode von VeRA auf Backdoors und Sicherheitslücken. Das Ergebnis: keine Hintertüren gefunden. Doch das Gutachten wurde als Verschlusssache eingestuft – offiziell wegen sensibler Angaben zur IT-Infrastruktur der Bayerischen Polizei und wegen Geschäftsgeheimnissen von Palantir. Eine Veröffentlichung oder auch nur auszugsweise Einsichtnahme sei „rechtlich nicht zulässig und nicht vorgesehen“, teilte das LKA mit.
Drei gravierende Einschränkungen dieser Prüfung fallen auf: Erstens war es eine Momentaufnahme – der damalige Quellcode wurde geprüft, nicht der aktuelle. Laut Wikipedia-Eintrag zu Palantir „ist der aktuelle Quellcode den Behörden nicht bekannt“. Zweitens lag der Fokus auf Backdoors und Datenabfluss, nicht auf eingebettete KI-Modelle – Palantirs breite LLM-Integration begann erst nach der Prüfung. Drittens existiert keine wiederkehrende Prüfung bei Software-Updates.
In Hessen, wo Palantir seit 2017 im Einsatz ist – also sechs Jahre vor der bayerischen Fraunhofer-Prüfung –, ist die Lage noch unübersichtlicher. Das Innenministerium erwähnt eine „Quellcodeprüfung durch eine renommierte Forschungseinrichtung“, ohne diese zu benennen oder den Zeitpunkt zu konkretisieren. Der hessische Datenschutzbeauftragte Roßnagel teilte erst im Frühjahr 2025 mit, dass er HessenDATA „derzeit prüfe“ – acht Jahre nach Inbetriebnahme.
Für Nordrhein-Westfalen, das seit Mai 2022 die Software DAR einsetzt, ist öffentlich keine vergleichbare externe Quellcode-Prüfung dokumentiert. Ebenso wenig für Baden-Württemberg, wo das Innenministerium im März 2025 einen Fünfjahresvertrag mit Palantir unterzeichnete – ohne Wissen des grünen Koalitionspartners.
Palantir investierte laut Geschäftsbericht 2024 rund 508 Millionen US-Dollar in Forschung und Entwicklung. Der technologische Vorsprung ist das Ergebnis von zwei Jahrzehnten staatlicher US-Investition. Eine unabhängige Vergleichsstudie, die europäische Alternativen systematisch gegen Palantir testet, existiert nicht. Laut einer Recherche des Tagesspiegel Background wollten mindestens sechs Unternehmen ihre Software vorstellen – und stießen auf politischen Widerstand. Yoonite-Geschäftsführer Franz Szabo sagte der "Stuttgarter Zeitung," es hätte gereicht, sich zwei Stunden Zeit zu nehmen.
Baden-Württemberg lehnte ab. Was deutsche Anbieter laut Heise Online bieten können: vollständig auditierbaren Quellcode, nachvollziehbare Logik und Unabhängigkeit vom US CLOUD Act. Die Enthüllung zum Maduro-Einsatz macht ein systemisches Problem sichtbar: Palantir ist eine Plattform, die externe KI-Dienste nahtlos integriert – und deren Kunden nicht zwingend wissen, welche KI-Modelle in welcher Version aktiv sind. In den USA führte das zu Spannungen zwischen Anthropic und dem Pentagon. In Deutschland wurde die Frage bislang nicht einmal gestellt.
Die Frage ist nicht, ob Palantir technologisch besser ist als die Konkurrenz. Die Frage ist, warum deutsche Behörden einen ernsthaften Vergleich seit Jahren verweigern. Warum eine als Verschlusssache eingestufte Einmalprüfung als dauerhafte Sicherheitsgarantie gelten soll.
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